Zeitung Heute : „Sie kommen aus den alten Studiengängen“ Wer psychologische Beratung braucht

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Foto: promo

Melden sich seit der Einführung von Bachelor und Master mehr Studierende bei Ihnen?

Ja, aber nicht so wie man glauben würde. Es kommen vermehrt Studierende der alten Studiengänge mit zweistelligen Semesterzahlen. Die haben das Gefühl, jetzt muss ich das Ruder rumreißen, damit das mit dem Studium überhaupt noch etwas wird.

Den erhöhten Druck, der vermeintlich auf Bachelor- und Masterstudierenden lastet, kommt bei Ihnen also nicht an?

Nein. Es melden sich natürlich auch Bachelorstudierende. Die haben aber die gleichen Probleme, die auch schon vor der Bolognareform häufig aufgetreten sind. Bachelorstudierende etwa, die anfangen Drogen zu nehmen, weil der Druck so groß ist, würden sich auch weniger an mich wenden. Zum einen ist der Unibezug zu groß und zum anderen gibt es in Berlin sehr gute Suchtberatungseinrichtungen.

Gibt es bestimmte Fächer, deren Studierende sich besonders häufig an Sie wenden?

Nein, die Nachfrage geht quer durch alle Fächer. Bemerkenswert ist aber, dass ich eine Art Laufkundschaft habe. Ich bin mit meinem Büro bereits mehrfach umgezogen und es war immer so, dass die Studierenden der Fakultäten, die am nächsten waren, am häufigsten gekommen sind. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Überwindung umso geringer ist, je näher das Angebot ist. Wenn man erst von Adlershof zu mir in die Invalidenstraße fährt, dann muss man sich eingestehen, dass das Problem groß genug ist, dass es so einen Aufwand rechtfertigt.

Haben Studierende andere Probleme als andere gesellschaftliche Gruppen?

Besonders häufig sind natürlich die Ängste, die auf Leistung bezogen sind. Diese haben zwar auch Studierende, die sowieso schüchtern sind, aber es kommen auch Menschen, die sagen: „Das kenne ich gar nicht von mir.“ Leute, die nicht studieren, haben diese klassischen Prüfungssituationen nicht, also könnte man das als ein bei Studierenden besonders häufiges Problem bezeichnen. Ein anderes häufiges Problem sind so genannte Arbeitsstörungen. Dazu gehört etwa das Aufschieben. Natürlich schieben auch Menschen, die nicht studieren, Dinge auf, beispielsweise die Steuererklärung. Das Spezifische an diesem Problem ist jedoch, dass Studierende wahrscheinlich mehr Dinge aufschieben können als andere Menschen. Und dann staut sich das auf.

Kommen die Studierenden nur wegen Problemen, die im Zusammenhang mit dem Studium stehen, zu Ihnen?

Auch wenn Studierende ein uniunabhängiges Problem haben, sollten sie kommen, damit es nicht zu einem Uniproblem wird. Das ist auch unser Hauptziel: eine Art flankierende Beratung, die hilft, das Studium glatt durchzuziehen.

Die Fragen stellte Konstantin Sacher.

Holger Walther (49)

ist Diplompsychologe und arbeitete in einer Beratungsstelle für HIV-Infizierte, bevor er vor 16 Jahren an die HU ging, als dort die psychologische Beratung gegründet wurde.

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