Zeitung Heute : Sie müssen an den Kosmos glauben!

Von Esther Kogelboom

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Ich erinnere mich an die Kindergeburtstage, zu denen ich früher eingeladen war. Wir haben Schokolade auspacken, Reise nach Jerusalem und das Mumienspiel gespielt (wer am schnellsten den anderen mit Klopapier einwickelt). Die Eltern befahlen Anarchie: Heute hast du Geburtstag, und du darfst mit deinen Freunden mal so richtig die Sau rauslassen. Es war oft ein bisschen verkrampft. Aber das ist nichts gegen heute: Wie soll man seinen Geburtstag feiern? Ist ein Picknick im Park schon zu erwachsen?

An meinem 29. Geburtstag habe ich eine Astrologin angerufen. Sie war schlecht gelaunt, und auf meine Fragen wusste sie keine Antworten. Sie sagte den immer richtigen und gleichzeitig falschen Satz: „Sie müssen an den Kosmos glauben.“ Ich saß allein auf meinem Sofa und habe mir vorgestellt, wie das funktionieren soll. Früher habe ich tatsächlich regelmäßig an den Kosmos geglaubt, und zwar immer, wenn ich ein Ungenügend in Mathe hatte. „Was ist eine Sechs gemessen an den Weiten des Universums“, habe ich gedacht. Ich erinnere mich genau: Die Gewissheit über die Existenz des Universums machte, dass ich mich besser fühlte. Später habe ich dann die Relativitätstheorie mit meinen BarbiePuppen nachgespielt.

Heute beschleicht mich eine große Unruhe, wenn ich an das Universum denke. Erstens explodieren ständig Sterne und zweitens fliegt die Raumsonde Voyager eine Aufnahme von Chuck Berrys Lied „Johnny B. Goode“ durchs All. Das bedeutet: Falls es Außerirdische gibt, werden sie sich uns als fröhliche Tollenträger vorstellen. Und wenn die große Volksabstimmung der Außerirdischen ein glasklares „Oui“ ergibt, werden sie uns voller Vorfreude besuchen kommen – und enttäuscht sein, wenn sie als Erstes auf Nicht-Rock’n’Roller wie Jörg Schönbohm treffen.

Ich habe also eine mögliche Picknick-Location in Potsdam besichtigt, den Schlosspark Babelsberg. Ein großartiger Park. Er hat bloß einen entscheidenden Nachteil: Er gehört zum Weltkulturerbe, damit auch nachfolgende Generationen dort einen Nachhaltigkeits-Spaziergang machen können. Sogar das Stadion des SV Babelsberg 03 hat zusammenfaltbare Flutlichtmasten, damit Schönbohm und die Außerirdischen ungestört Lennés Sichtachsen entlanggucken können! Weltkulturerbe bedeutet, dass man im Schlosspark Babelsberg lediglich existieren darf, so wie eben das Universum existiert. Man darf dort nichts machen, weder Tischtennis spielen, noch essen, geschweige denn trinken. Bei Einbruch der Dunkelheit wird das Weltkulturerbe abgeschlossen und mit Securitas-Mitarbeitern sowie Hunden ausgestattet, so dass man dort im Dunkeln nicht knutschen kann. Dem Weltkulturerbe ist es total egal, ob ich an meinem 30. Geburtstag im Dunkeln knutschen kann. Ich möchte sogar so weit gehen: Das Weltkulturerbe ist schuld daran, dass ich an meinem 30. Geburtstag nicht im Dunkeln knutschen werde.

Ich rief die Astrologin an, um zu erfahren, ob man kosmisch gesehen etwas gegen die restriktive Politik des Weltkulturerbes unternehmen könnte. „Kommen Sie mal wieder runter“, rief sie. „Sie sind ja völlig überdreht. Typisch Krebs! Auf der Pfaueninsel darf man nicht mal rauchen, also seien Sie froh.“ Sie schwieg einen kurzen Moment, ich vernahm das leise Klicken eines Gasfeuerzeugs. Dann sagte sie den entscheidenden Satz: „Was ist schon ein 30. Geburtstag in den Weiten des Universums?“ Es war wie nach Hause telefonieren.

Unsere Kolumnistin, 29, bekommt ständig gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie alle 14 Tage einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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