Zeitung Heute : Sie müssen uns verlassen

Elite-Universitäten, Bildungsoffensive – Politiker reden gerne in Schlagwörtern. Aber wie sieht der Alltag eines jungen Wissenschaftlers heute aus? Hier erzählt einer, der auszog nach Yale, obwohl er am liebsten in Deutschland geblieben wäre.

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Dr. Klaus Meiners, 31, aus Münster arbeitet als Wissenschaftler in einem internationalen Team an der Yale University. Er hat Meeresbiologie in Kiel studiert und danach in Deutschland keinen Job gefunden. Hier erzählt er, warum er in die USA gegangen ist – und warum er nicht zurückkehrt.

Ich habe gar kein Fenster! Das war das erste, was mir aufgefallen ist, als ich mein Büro an der Yale University zum ersten Mal betreten habe. Ich sitze hier in einer Art möbliertem Fahrradkeller an einem völlig rostigen Schreibtisch. Es gibt keine Tapete an der Wand, nur blanken Stein, aus dem eine Menge Internet-Anschlüsse herauskommen. Das hatte ich nicht erwartet von einer weltbekannten Elite-Uni. Ich habe mir erst einmal ein rotes Sofa hineingestellt, damit es einigermaßen nett aussieht. Dabei hatte ich noch Glück. Im Normalfall gibt es nur Großraumbüros, ich teile mir mein Zimmer nur mit einem Physiker aus Ohio.

Allerdings ist mehr Geld für Forschung da als in Deutschland – oder besser: Es gibt mehr Töpfe, aus denen gezahlt werden kann. Jeden Tag schickt mir die Verwaltung mindestens zwei E-mails, in denen steht, welche Organisationen gerade Fördergelder vergibt – und ob das nicht etwas für uns wäre. Der Professor, unter dem ich arbeite, hat außerdem gerade erst angefangen. Als Startguthaben hat er eine Million Dollar für Forschungszwecke erhalten – und da lässt sich viel mit anfangen. In Deutschland habe ich etwas Ähnliches nicht erlebt.

Ich wollte in Deutschland bleiben

Warum nach Yale? Das war eine Frage, die ich mir nach dem Job-Angebot oft gestellt habe. Die Antwort war einfach: weil ich nicht als arbeitsloser Meeresbiologe enden wollte. Ich denke, meine Entscheidung steht für viele Forscher in der Naturwissenschaft. Eigentlich will man gar nicht aus Deutschland raus, aber die Situation an den Universitäten lässt einem keine andere Wahl. Wenn man so wie ich auf einem sehr spezialisierten Gebiet forschen will, muss man dorthin gehen, wo es Geld dafür gibt. Und in den USA ist viel Geld unterwegs.

Meine korrekte Fachbezeichnung in Yale ist Post Doctoral Fellow – kurz post doc genannt. Ich arbeite jetzt seit einem Jahr hier. Am Anfang musste ich einen Antrag schreiben, um ein Stipendium aus einer privaten Stiftung zu bekommen, der Gaylord-Donnelly-Stiftung, die von einem ehemaligen Yale-Absolventen gegründet wurde. Als er nach dem Studium Millionen verdiente, hat er das Geld an die Uni zurückgegeben – nach dem Motto: Ich habe so viel von euch gehabt, jetzt gebe ich euch mal eine Million Dollar pro Jahr. Das ist eine normale und, wie ich finde, gute Struktur in Amerika. Dank des Stipendiums habe ich sofort einen Zweijahresvertrag erhalten. Ich verdiene im Moment 40 000 Dollar pro Jahr. Das ist gut, aber durchaus vergleichbar mit einer Stelle in Deutschland – und die Lebenshaltungskosten sind hier sehr viel höher. Für mein Appartment mit 40 Quadratmetern bezahle ich 1 000 Dollar im Monat.

Das Ausfüllen von Anträgen, das Schielen nach Fördertöpfen – das mag sich bürokratisch anhören, aber es läuft viel reibungsloser als an deutschen Universitäten. Am Institut für Polarökologie in Kiel konnte ich nur versuchen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst Geld zu bekommen. Die Anträge musste ich selber ausfüllen und einmal, weil der Abgabetermin am nächsten Tag war, persönlich in die Verwaltung bringen – das heißt, ich musste ans andere Ende der Stadt fahren, da das Institut ausgelagert war. Dort musste das Formular sofort unterschrieben werden, was nur mit einem Murren möglich war. Man hatte richtig das Gefühl, ein Bittsteller zu sein.

Hier in Amerika ist es so, dass die Leute dir zuarbeiten und sagen: Hey, du hast ja noch zwölf Stunden Zeit, mach dir keine Sorgen! Die Service-Mentalität ist viel größer. Unsere Sekretärin hilft mir beim Layout des Antrags, übernimmt das Korrekturlesen und lässt es von der Verwaltungsseite noch einmal prüfen. Das entlastet die Wissenschaftler enorm. Wenn es Probleme gibt, kommt jemand auf dich zu. Man hat den Eindruck, wir ziehen am selben Strang. Das kannte ich von Kiel nicht. Da herrschte das Gefühl: Au weia, ich muss in die Verwaltung!

Mir war es immer wichtig, an einer Sache gründlich und zügig arbeiten zu können. Das habe ich im Studium gut geschafft – das will ich in der Arbeit fortführen. Ich möchte an Fragestellungen arbeiten, die ich für wichtig halte, eigene Ideen umsetzen. Dazu brauche ich Freiraum, aber den hatte ich teilweise bereits während des Studiums. Über hilfswissenschaftliche Jobs habe ich damals Kontakt zu Professoren bekommen und konnte mich so früh spezialisieren: auf Polarforschung – und innerhalb des Fachbereichs auf Nahrungsnetze im Meer. Ich durfte sogar mit einem Team auf dem Forschungsschiff „Polarstern“ vor der Küste Grönlands arbeiten. Wir probten damals Meereis-Schollen, das heißt, wir gingen vom Schiff auf das Eis und entnahmen mit speziellen Bohrern Eiskerne. Die wurden im Schiffslabor geschmolzen – und für biologische und biochemische Analysen verwendet. Es ging darum zu verstehen, wie ein eventuelles Abtauen des Meereises arktische Ökosysteme in der Zukunft verändert. Immer noch ein aktuelles Forschungsfeld. Deutschland hatte zu der Zeit Geld dafür.

In Yale forsche ich weiter auf dem Gebiet der Meereisökologie, gehe aber auch in Richtung Astrobiologie – das heißt, ich untersuche Bedingungen, die das Leben auf der Erde oder anderen Planeten limitieren. Wir arbeiten dabei interdisziplinär, unterschiedliche Wissenschaftler wie Physiker oder Glaziologen sitzen am selben Projekt. Solche Ansätze gibt es in Deutschland, aber in den Staaten ist das viel verbreiteter. Meine Aufgabe besteht darin zu untersuchen, bei welchen Temperaturen im Meereis Bakterien noch aktiv sind. Ich bin für das Projekt oft in Alaska. Bei solchen Expeditionen treffe ich Kollegen wieder, die wie ich aus Deutschland in die USA gegangen sind. Das ist ein kleines deutsches Netzwerk geworden, das sich von Yale über die Universität von Seattle bis nach Fairbanks in Alaska erstreckt.

Kleine Auswanderungswelle

Zu Beginn meiner Doktorarbeit 1999 setzte an unserem Institut in Kiel nämlich eine kleine Auswanderungswelle ein. Drei von 30 Leuten gingen in die USA - und haben zum Teil unbesetzte Schlüsselpositionen hinterlassen. Über diese Wissenschaftler bekam ich erste Kontakte in die Staaten. Sie haben einen Geophysiker auf mich aufmerksam gemacht, der mir noch während meiner Doktorarbeit das Angebot für Yale unterbreitete.

Wenn ich meinen Schwerpunkt weiter in Deutschland verfolgt hätte, hätte es nur Institute in Kiel und in Bremerhaven gegeben. Aber damals gab es an keinem der beiden Einrichtungen Jobs – und in Aussicht standen auch keine. Gewarnt wurde ich schon im ersten Semester, dass die Chancen für Biologen schlecht waren. Ich habe aber gedacht: Ich kann nur auf einem Gebiet gut sein, das mir Spaß macht. Deshalb habe ich zu Studienbeginn noch auf einen Job im so genannten Mittelbau spekuliert. Ich wollte ja Forschung machen – und nicht Lehrer werden.

Am Studium in Deutschland hat mir missfallen, dass viele der Veranstaltungen ungeheuer groß waren. Große Klassen orientieren sich am Mittelmaß. In Yale sind die Klassen bedeutend kleiner. Auf einen Professor kommen zwischen zehn und 20 Studenten – bei uns in Kiel war das im Grundstudium mehr als das Zehnfache. Wegen des verschulten Systems in Amerika gucken dir die Professoren allerdings sehr auf die Finger. Sie schubsen dich in Richtungen, wo sie Defizite vermuten. Da hat mir die Freiheit des deutschen Systems mehr zugesagt.

Was mir an Yale gefällt, ist die Internationalität. Die hat einen einfachen Grund: Elite-Unis wie Yale haben Probleme, sehr gute Leute aus dem eigenen Land anzuziehen. Hier sitzen viele Ausländer auf den Post-Doc-Stellen, weil es nicht genug hochspezialisierte Amerikaner gibt. Vor allem wenn man bereits promoviert hat, sind die Chancen gut. Ich arbeite mit Japanern, Norwegern und Engländern zusammen. Die Forschung in Europa, auch in Deutschland, hat einen exzellenten Ruf. Alle schwärmen zum Beispiel von den Max-Planck-Instituten.

Ob es nützt, Geld in deutsche Elite-Unis zu pumpen, bezweifle ich. Man sollte die vorhandene Wissenschaft besser unterstützen. Leute mit eigenen Initiativen sollten gefördert werden. Wissenschaft ist ein bisschen wie Leistungssport. Es ist ein Wettkampf, pro Zeiteinheit so viel wie möglich zu schaffen. Wenn du das Ergebnis zwei Monate eher als eine andere Gruppe hast, dann hast du gewonnen. Du veröffentlichst in einer Fachzeitschrift, bekommst das Renommee – und das kann dir den nächsten Job sichern.

Yale wird nicht das Ende meiner Karriere sein, aber in Deutschland sehe ich meine Zukunft auch nicht. Ich bewerbe mich gerade auf einen Job in Australien. Dort bin ich auf die Ausschreibung einer Stelle für fünf Jahre gestoßen. Das ist ein Traum! So etwas habe ich in Deutschland bisher nicht gefunden. Und wer weiß, vielleicht habe ich dann endlich ein Fenster in meinem Büro.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

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