Zeitung Heute : Sie nannten ihn Lolek Ein Mitschüler des Papstes erinnert sich

Christoph Marschall

„Ich hätte mein Leben gegeben, wenn nur ER länger lebt.“ Die Trauer drückt den schmächtigen 84-Jährigen nieder; fast scheint er sich in ihr zu verkriechen. Als das Ende absehbar war, ist Eugeniusz Mróz am Sonnabend von Oppeln nach Wadowice gefahren, wo er 1938 mit Karol Wojtyla Abitur gemacht hat – den die Welt als Papst Johannes Paul II. kennt. Die südpolnische Kleinstadt am Fuß der Beskiden, wo sie beide jahrelang Tür an Tür gelebt und gemeinsam die Schulbank gedrückt haben, schien ihm der richtige Ort für den Abschied zu sein – und zugleich eine Quelle des Trosts. Jetzt leben nur noch sechs der einst 40 Abiturienten, fünf in Polen, die sind fast alle bettlägerig – und einer in Rom, Jerzy Kluger, aber zu dem halten sie kaum noch Kontakt, weil der zu viele erfundene Geschichten über den Heiligen Vater verbreite.

Bei ihrem letzten Klassentreffen war der körperliche Verfall des Papstes schon unübersehbar. Zweieinhalb Jahre ist das jetzt her, bei der Polenreise des Papstes im Sommer 2002. Er hat sie zum Abendessen in den Krakauer Bischofspalast eingeladen, wie so viele Male seit den 60er Jahren – der Erzbischof Wojtyla hatte dort lange residiert. Sie haben sich an ihre Schulzeit erinnert, gemeinsam gelacht – und als sie ihn beim Abschied fragten „Sehen wir uns wieder?“, da hat er nur gesagt: „Wenn Gott es gibt.“

Über Parkinson, die Folgen des Attentats und andere Leiden wurde nicht gesprochen. Aber zurücktreten wegen der Gesundheit würde er nie, das wussten sie. „Christus ist auch nicht vom Kreuz herabgestiegen“, hat er ihnen erklärt.

Beim Besuch in Wadowice wird das alles wieder lebendig in Eugeniusz Mróz. Die Wohnung der Wojtylas gleich rechts neben der Kirche, zwei Zimmer im ersten Stock, aus denen man auf die Sonnenuhr an der Kirchenmauer blickte mit dem Reim „Czas uczeka, wiecznosc czeka“ – die Zeit entflieht, die Ewigkeit wartet. Die Familie Mróz wohnte gleich nebenan, und so hat Eugeniusz miterlebt, wie sein Freund Karol sich unter den Schicksalsschlägen seiner Kindheit immer mehr der Religion zuwandte. Die jüngere Schwester war schon kurz nach ihrer Geburt gestorben; als Karol neun war, starb die Mutter; als er zwölf war, der ältere Bruder an Scharlach; mit 21 verlor Karol den Vater, 1941. Da herrschte schon zwei Jahre Krieg.

Und doch hat Eugeniusz den Lolek, wie sie ihn nannten – die Koseform von Karol – als fröhlichen Jungen in Erinnerung. Halb unter Tränen, halb schmunzelnd erzählt er von der Wette aus dem Abiturjahr: wer die meisten Kremschnitten aus der Konditorei Hagenhuber, sie gehörte dem Vater eines Mitschülers, verdrücken könne, ohne zwischendurch zu trinken. „Lunek Mosurski schaffte 16, Lolek war mit zwölf auch in der Spitzengruppe.“

Sie alle aus dem Geburtsjahrgang 1920 hatten das Schicksal, gegen zwei Diktaturen zu kämpfen, die braune und die rote. Zehn der 40 Abiturienten sind an verschiedenen Fronten im Kampf um ein freies Polen gefallen, von Tobruk über Monte Cassino bis zur Luftschlacht um England. Eugeniusz Mróz kämpfte in der Untergrundarmee, die Polen aus eigener Kraft befreien und keine Volksdemokratie von Stalins Gnaden wollte. Die Kommunisten haben es ihn nach dem Krieg spüren lassen, bei der Suche nach Arbeit und Wohnung. Lolek aber, der 1946 die Priesterweihe erhielt, bald Bischof, Erzbischof und schließlich Papst wurde, war über die Jahre der Fixstern der Überlebenden. Er verkörpert den Sieg des Guten über das Böse. Der Leitstern ist nun verloschen, so scheint es Eugeniusz Mróz jedenfalls im Moment.

Wie soll er jetzt sein Schicksal weiter tragen: die Frau krank, der Sohn arbeitsunfähig, weil die Schuppenflechte ihm die Hände wund macht – und er nicht weiß, woher 4000 Euro für eine Bestrahlungslampe nehmen, die vielleicht hilft? ER hätte sie doch alle überleben müssen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben