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Rechtsextremisten wollen bei der WM aufmarschieren – die Organisatoren setzen bis jetzt auf ihr Hausrecht

André Görke Frank Jansen

Die rechtsextreme Szene will die Fußball-WM für Provokationen nutzen – gestern hat eine Konferenz zur WM-Sicherheit begonnen. Was wollen die Sicherheitskräfte gegen solche Aufmärsche unternehmen?


Zehn Wochen vor Beginn der Fußball- Weltmeisterschaft wächst der Unmut über die zu erwartenden Provokationen der rechten Szene. Der Zentralrat der Juden ist nach Worten seines Generalsekretärs Stephan Kramer „sehr besorgt“ über Aufmärsche und andere Aktionen, die NPD und Neonazis zur Fußball-Weltmeisterschaft planen. „Das ist ein Beweis dafür, dass sich die Rechtsextremisten im vorpolitischen Raum zunehmend ausbreiten“, sagt Kramer. Und er mahnt: Auch nach der Niederlage der DVU bei der Wahl in Sachsen-Anhalt gebe es „überhaupt keinen Grund für Entwarnung“. Die DVU hatte am Sonntag mit drei Prozent den Einzug in den Landtag klar verpasst. Kramer und mehrere Politiker hoffen nun, dass möglichst viele Fußballfans den Rechtsextremisten die passende Antwort geben. Friedlich, wie am 8. Mai 2005 in Berlin. Beim 60. Jahrestag von Befreiung und Kapitulation hatten tausende Nazi-Gegner am Bahnhof Alexanderplatz rechtsextreme Demonstranten so lange blockiert, bis diese wieder nach Hause fahren mussten.

Die neobraune Szene lässt sich allerdings von Rückschlägen nicht allzu lange beeindrucken. Verfassungsschützer hatten in dieser Woche berichtet, die NPD habe parallel zur WM bereits fünf Demonstrationen in Gelsenkirchen und Thüringen angemeldet. Dabei wollen die Rechtsextremisten ihre Solidarität mit dem judenfeindlichen Staatspräsident Irans, Mahmud Ahmadinedschad, bekunden. Ahmadinedschad steht weltweit in der Kritik, weil er die Vernichtung Israels fordert und den Holocaust leugnet.

Ein NPD-Sprecher bestätigt, dass anlässlich der Spiele der iranischen Nationalmannschaft Demonstrationen „für Meinungsfreiheit“ geplant sind. Und eine zweite Provokation wird vorbereitet: Die NPD will eine CD mit einschlägiger Musik produzieren, die unter Fans verteilt werden soll. Der NPD-Sprecher prophezeit auch weitere „Überraschungseffekte“ während der WM. Und er nennt Regionen, in denen die NPD „Schwerpunkte“ setzen will: Berlin, Leipzig, das Ruhrgebiet, Nürnberg. In Berlin ist womöglich schon eine Art Testlauf geplant: Die NPD will bei einem der nächsten Heimspiele von Hertha BSC Aufmerksamkeit erregen – vor und wohl auch im Olympiastadion.

Die Demokraten sind allerdings nicht bereit, Neonazis freien Lauf zu lassen. Deutschland werde rechtsextreme Bestrebungen vor, während und nach der WM mit allen Mitteln bekämpfen, kündigte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) am Donnerstag zu Beginn der WM-Sicherheitskonferenz an, die in Berlin stattfindet. Der Vorsitzende des Innenausschusses des Bundestages, Sebastian Edathy (SPD), erklärte seine Bereitschaft, an Gegenveranstaltungen zu rechtsextremen Aktionen bei der Weltmeisterschaft teilzunehmen. Die geplanten Provokationen zeigten, „dass die Rechtsextremisten in Deutschland zunehmend frecher werden“. Die Parteichefin der Grünen, Claudia Roth, appelliert an Zivilgesellschaft, Medien und vor allem die Fußballfans, „kreativ und laut gegen die geplanten Aufmärsche Farbe zu bekennen“. Roth fordert zudem „ein entschiedenes Durchgreifen von Polizei und Justiz“. Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit dürften weder innerhalb noch außerhalb der Stadien einen Platz bekommen. Die Vizevorsitzende der Fraktion der Linkspartei/PDS, Petra Pau, ruft den Deutschen Fußball-Bund und die Nationalmannschaft zu einer Kampagne auf – unter dem Motto: „Rassisten die rote Karte zeigen!“

Die Fußballgewaltigen wollen zumindest, so viel zeichnet sich bereits ab, die Provokationen der Rechtsextremisten nicht einfach hinnehmen. Die Verteilung rechtsextremer CDs in den Stadien werde „konsequent verhindert“, sagt der Vizepräsident des WM-Organisationskomitees (OK), Horst R. Schmidt. In den zwölf WM-Stadien werde man „konsequent vom Hausrecht Gebrauch machen“. Das Sicherheitspersonal sei angewiesen, auch auf T-Shirts der Fans zu achten, denn auf diesen könnten extremistische Parolen stehen. Vor jedem WM-Spiel sollen die Plakate der Zuschauer an den Stadionkassen entrollt und geprüft werden, „damit keine unliebsamen Botschaften an den Tribünen hängen“, sagt Schmidt.

Nach Erkentnissen hochrangiger Ermittler wurde schon vor Monaten in „einschlägigen Internetseiten, die auch die Fußballszene kennt und nutzt“, dazu aufgerufen, sich bei Ordnungsdiensten und als WM-Volunteer zu bewerben. 15 000 freiwillige Helfer arbeiten in den WM-Stadien. „Das Projekt sollte unterwandert werden“, sagt ein Ermittler. Doch die Behörden und das WM-Organisationskomitee seien gewarnt. Bis Anfang Mai haben sie noch Zeit. Dann werden die Innenminister der Länder erneut zusammenkommen, um abschließend über die Sicherheitsmaßnahmen zu sprechen.

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