Zeitung Heute : Sie nennen es Nationalpark

Besuch in Weißrussland: Wo 70 Prozent der Radioaktivität niedergingen.

Thomas Roser

Moos bedeckt die auf der Hauptstraße von Pagonnaja zurückgelassene Milchkanne. Gestrüpp wuchert aus Fensterhöhlen. Im Geäst hängt ein verblichener Plastikpudel. Aufgeschlitzte Matratzen und umgestürzte Kommoden erzählen von den Plünderern, die das weißrussische Dorf in den ersten Jahren nach seiner Evakuierung heimsuchten. Pagonnaja soll einmal eine lebendige Gemeinde gewesen sein, nun holt sich die Natur alles zurück.

70 Prozent der aus dem Reaktor von Tschernobyl entwichenen Radioaktivität gingen auf weißrussischem Gebiet nieder. Knapp ein Viertel des Ackerlands und ein Fünftel der Waldfläche des Landes wurden verstrahlt. Aus der zum „Nationalpark“ erklärten Sperrzone wurden rund 80 000 Menschen umgesiedelt. Trotzdem lebt noch ein Fünftel der insgesamt zehn Millionen Weißrussen in mehr oder weniger stark belasteten Gebieten. Allein im Oblast Gomel gelten 28 000 Quadratkilometer als kontaminiert – mehr als in der gesamten Ukraine.

Als Chef einer Kolonne von Busfahrern war Adam Salko, heute 59 Jahre alt, an der Evakuierung der Sperrzone beteiligt. „Als wäre es gestern gewesen“, hat er Geschehnisse vor Augen, sagt der Patient des Radioökologischen Instituts in Gomel: „Man fuhr nach Tschernobyl wie in den Krieg.“ Seit fünf Jahren wird der Mann von Herz-Rhythmus-Störungen geplagt. Wurden diese durch seinen Einsatz in Tschernobyl verursacht? „Ich weiß es nicht.“

Das Ausmaß der gesundheitlichen Folgen der Tschernobyl-Katastrophe ist auch in Weißrussland nur schwer absehbar. Von insgesamt 4000 zu erwartenden Todesopfern sprach im letzten Jahr ein unter der Federführung der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) verfasster UN-Bericht: Die meisten der aufgetretenen Krankheiten seien „psychosomatisch“ bedingt. Solche Erkenntnisse stoßen bei weißrussischen Wissenschaftlern auf entschiedenen Widerspruch.

Es gebe bei Umgesiedelten und Aufräumarbeitern einen „klaren linearen Zusammenhang“ zwischen Krebsrisiko und erhaltener Strahlendosis, sagt Eleonora Kapitonowa, die Chefin des Radioökologischen Instituts in Gomel. Die von der IAEA berechnete Zahl von 4000 Toten sei in Weißrussland längst überschritten, betont auch Alexej Okianow, Professor an der Sacharow-Universität in Minsk. Wenn sich die Entwicklung fortsetze, sei in seinem Land bald mit mehr als 100 000 Tschernobyl-Toten zu rechen. Tiefrot sind auf der Landkarte im Rathaus von Bragin die stark kontaminierten Regionen im Oblast Gomel eingezeichnet. Ein Drittel der Fläche seines Kreises zähle zur Sperrzone, berichtet Bürgermeister Alexander Jadschenko. Zehn Kooperativen sowie die gesamte Industrie des Kreises mussten den Betrieb einstellen. Die Bevölkerung ist von 36 000 auf 16 000 geschrumpft. Die Anstrengungen zur Rekultivierung der Landwirtschaft seien enorm, in den Staatsbetrieben würden inzwischen „nur saubere Produkte“ produziert, versichert er: „Doch der Kreis ist ein anderer geworden.“

Auf 235 Milliarden Dollar, den 32fachen Betrag des Staatshaushaltes, beziffert Minsk den wirtschaftlichen Gesamtschaden der Katastrophe. Der Staat versucht durch Sonderwirtschaftszonen und Steueranreize wieder Unternehmen anzulocken. Doch bis auf ein Sägewerk hat sich noch kein neuer Betrieb in Bragin niedergelassen. Außer Krankenhäusern und der Verwaltung ist der „Nationalpark“ mit 700 Feuerwehrmännern, Förstern und Wachleuten der wichtigste Arbeitgeber des verarmten Kreises. Die Region gilt als „wissenschaftliches Testfeld“. „Doch es ist nicht einfach, hier zu leben“, sagt Wladimir Agejets, Direktor des Instituts für Radioökologie in Gomel. Wer sich und seine Gesundheit schützen wolle, müsse die Vorgaben der Behörden genau befolgen. Pilze und Wild seien nach wie vor hoch belastet. In den Kolchosen sei die Produktion zwar wegen der Verwendung unbelasteten Heus, spezieller Pflugmethoden und der Begrenzung der Weidezeit tatsächlich „sauber“. Anders sehe es jedoch bei Selbstversorgern in Dörfern aus, die völlig von Wald und Sumpf umgeben sind: „Normale Landwirtschaft ist nicht mehr möglich.“

Im Ofen knistert das Holz. Auf einem Schemel schabt Julia Beljanok mit ihren schwieligen Händen die Futterrüben über das Reibeisen. Ein leichtes Leben hat die 80-jährige Weißrussin nie gehabt. Im Krieg brannten die Deutschen ihr Elternhaus nieder. Mit ihrem Mann baute sie sich in Rudakow in den 50er Jahren ein neues Haus. Doch von den einst 100 Höfen des Dorfes sind ihr nur Ruinen und fünf Familien als Nachbarn geblieben. „Merkwürdig warm“ sei es vor 20 Jahren gewesen, „komisch“ seien die Gurken gewachsen, erinnert sich die alte Frau. „Wir wussten vier Tage von gar nichts. Und plötzlich war alles voller Soldaten.“ Sie weigerte sich, mit ihnen zu gehen. Sie wollte die Kühe nicht allein lassen.

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