Zeitung Heute : Sie sahen und vergaben

Er war die Generation der Weißen Rose, seine Tante saß mit Sophie Scholl im Gefängnis. Aber die Augen gingen ihm erst später auf

Kerstin Decker

Der Hund heißt Argus. Argus ist jener griechische Riese, der den ganzen Leib voller Augen hatte, von denen immer nur die Hälfte schlief. Argus, der Allwachende, der Allessehende. Argus, der Hund, ist zwar groß und stark, aber als Wächter ein glatter Ausfall. Schwanzwedelnd läuft er der Fremden entgegen. Walter Gebel scheint nichts anderes von ihm zu erwarten. Hunde haben Fehler, Menschen bestehen aus nichts anderem. Wer ist schon allwachend und allsehend? Er selbst war es auch nicht. Und seine Tante hat ihn trotzdem geliebt. Getröstet hat sie ihn: „Bua, du kannst doch nichts dafür...“ Blindsein sei menschlich. Das sagen Allessehende nur ganz selten zu Halbblinden.

Nachdem die Kritiker den neuen Sophie-Scholl-Film kannten, urteilten sie: Jetzt weiß jeder, was man damals über die Lager wissen konnte. Und Blindsein ist unmenschlich.

Walter Gebels Tante heißt Else Gebel und war die Frau, mit der Sophie Scholl die letzten fünf Tage und Nächte ihres Lebens verbrachte. Eine Gefangene wie sie, eine Widerstandskämpferin wie sie. Auch Else Gebels Bruder wurde enthauptet. Aber sie überlebte. „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ ist nun schon der zweite Film, in dem Else Gebel eine Neben-Hauptrolle spielt. Davor hatte Percy Adlon, Anfang der Achtziger, einen Film nur über die beiden Frauen gemacht. Der hieß „Fünf letzte Tage“.

Nach dem Krieg wohnte Else Gebel zusammen mit ihrem Neffen in derselben Münchner Wohnung. Walter Gebel ist 80, fast so alt wie Sophie Scholl und die anderen von der Weißen Rose. Sophie Scholl könnte noch leben. Dreiundachtzig wäre sie heute. Warum hat er, Walter Gebel, damals nicht das gesehen, was sie gesehen hatte?

Dabei wies seine Familie eine ganz erstaunliche Konzentration von Regimegegnern auf. Gebel zeigt auf das Klavier in seinem Rücken. An dem Klavier ist nichts Auffälliges, aber Gebel sagt: Das ist aus der Freimaurerloge meines Vaters. Das Klavier durfte er noch selber kaufen. Denn nicht nur Parteien hat Hitler gleich 1933 verboten, Freimaurerlogen waren ebenso verdächtig. Sofort auflösen!, lautete der Befehl. Walter Gebel erinnert sich noch an ein Fest in der Freimaurerloge seines Vaters. Natürlich konnte Walter Gebels Vater nicht für jemanden sein, der seine geliebte Freimaurerloge abschaffte. Aber gegen seinen Bruder und seine Schwester war er eher ein Mitläufer.

„Schrei net so laut, sonst kommst nach Dachau!“, sagte Walter Gebels Vater jedesmal zur Tante, wenn sie zu Besuch war. Daran erkennt man, dass schon Mitte der dreißiger Jahre Dachau in aller Munde war, allerdings mit Einschränkungen: „Wennst aus Dachau ’kommen bist und von Dachau g’sprochen hast, bist schon wieder nach Dachau ’kommen“, erklärt Walter Gebel diese Dialektik. Dass Dachau etwas höchst Unangenehmes sein musste, verstand Hitlerjunge Walter sofort. Aber wenn sein Onkel Willy von „dem Braunauer“ sprach – anders nannte er Hitler nie –, dann wusste er nicht, wer gemeint war. Es hat ihn auch nicht interessiert, denn Erwachsene reden immerzu von Dingen, die kein Kind interessieren. Aber dass seine Familie die Regierung nicht leiden konnte, wusste der Junge genau. Nicht nur wegen Tante Else, die nach Ansicht seines Vaters immer schon mit einem Fuß in Dachau stand – Onkel Willy sogar mit beiden –, es gab noch mehr unmögliche Verwandtschaft. Eine andere Tante, Schwester der Mutter, erzählte immerzu Hitlerwitze und vertrat die Ansicht, Witze könne man unmöglich leise erzählen.

Hitlerjunge Walter hatte einem Freund, Peter Feistmann, der mit der Modelleisenbahn, aus deren Lok richtiger Dampf kam. Mit dieser Modelleisenbahn spielte Walter am liebsten. Dass Peter Feistmann Jude war, das wusste er, aber dass Peter irgendetwas zu tun haben könnte mit den Juden, über die er so viel in der Hitlerjugend hörte, das glaubte er nicht. „Die Juden“ – das war für mich ein Abstraktum, sagt Walter Gebel. War Peter etwa ein Abstraktum? Und böse war er auch nicht, das konnte er, Walter Gebel, viel besser beurteilen als Adolf Hitler. Der kannte Peter Feistmann ja gar nicht.

Schon damals waren Sophie Scholl und Walter Gebel sehr verschiedene Temperamente. Walter Gebel hat nicht dagegen protestiert, dass Peter Feistmann nicht in die Hitlerjugend aufgenommen wurde. Sophie Scholl dagegen wollte sich nicht damit abfinden, dass ihre jüdische Mitschülerin Luise Nathan nicht zum „Bund Deutscher Mädchen“ durfte. Mehrmals protestierte sie in ihrer BDM-Gruppe, und versuchte es sogar mit Logik: Luise Nathan habe blonde Haare und blaue Augen, sie dagegen habe dunkle Haare und dunkle Augen, gehöre demnach Luise nicht viel eher in den BDM als sie?

Irgendwann kam Peter Feistmann nicht mehr zur Schule, Walter Gebel registrierte es kurz und vergaß es wieder. Er war ohnehin nicht mehr in dem Alter, mit den Dampflokomotiven anderer Jungen zu spielen. Gebel sieht nach draußen.

Vor den großen Fenstern seines Münchner Vororthauses steht weiß der Winter. Weiß, die Farbe des Vergessens. Auch die des Todes. Argus schaut mit Argusaugen prüfend ins Zimmer.

Ein wenig, sagt Gebel, ist Else jetzt auch da. Sehen Sie, die Teller hier auf dem Tisch haben ihr gehört. Meißner Porzellan, durchbrochen an den Rändern, Zwiebelmuster. Etwas unheimlich ist das schon. Man isst nicht oft von den Tellern von Leuten, die man gerade im Kino gesehen hat. Und oben, ruft Gebels Frau, steht Elses Kaktus. Vor über 40 Jahren war der ganz klein. Jetzt ist es ein Riesenkaktus.

1942 hätte Walter Gebel noch viel mehr wissen können. Da wurde seine Tante Else verhaftet. Die Mutter fuhr nun regelmäßig nach Stadelheim, dort saß Tante Else in Untersuchungshaft, seine Mutter holte ihre Wäsche ab und brachte die saubere wieder hin. Gebel wusste schon, was sie sagen würde, wenn sie nach Hause kommt: „Mein Gott, sieht die Else wieder schlecht aus.“ Sie sagte es jedesmal. Onkel Willy hatten sie auch verhaftet, beide als Angehörige einer kommunistischen Widerstandsgruppe.

In München ist es gar nicht einfach, einem Kommunisten zu begegnen. Und eigentlich sah der Onkel auch nicht aus wie ein echter Kommunist. Er fuhr mit seinem Auto vor, damals, als noch kaum einer ein Auto hatte. Außerdem hatte der Onkel einen sehr kommunistenuntypischen Beruf. Er war Versicherungsdirektor in Leipzig. Und nachher im Krieg wurde er Offizier, aber seine Offizierslaufbahn und seine kommunistische Widerstandslaufbahn liefen streng parallel. Die kommunistischen Widerständler hatten eine Zelle in Berlin und eine in München und brauchten öfter mal einen Boten. Das war dann Else. Zum einen, weil es nichts gab, was sie nicht für ihren Versicherungsdirektors-Offiziers-Widerstands-Bruder getan hätte, den sie noch mehr liebte als ihren Freimaurer-Bruder. Zum anderen aber aus Überzeugung. Nicht direkt aus kommunistischer Überzeugung, denn Else Gebel war strenge Lutheranerin, und Kommunisten können mit strengen Lutheranern ungefähr so viel anfangen wie die bayerischen Mehrheitskatholiken. Die Lutheranerin war aber die Chefsekretärin des jüdischen Kaufhausbesitzers Max Uhlfelder. Uhlfelder! Walter Gebel kann sich noch genau an Uhlfelders Kaufhaus erinnern. Wegen der Rolltreppe. Uhlfelders Kaufhaus hatte als erstes eine Rolltreppe. Die Rolltreppe hat ihn ungefähr so beeindruckt wie Peter Feistmanns Echtdampflokomotive. Uhlfelder beschäftigte 450 Mitarbeiter in zwei Kaufhäusern. Beide wurden in der Pogromnacht verwüstet und geplündert, eine HJ-Gruppe erpresste von Uhlfelder einen Scheck über 5000 Reichsmark. Dann wurde er verhaftet und nach Dachau gebracht; Else Gebel wurde entlassen. Sie hatte ihren Chef sehr gemocht.

Gebel legt ein Buch mit verblichenem grünen Leineneinband auf den Tisch. Ludwig Thoma, Gesammelte Werke Bd.7. Das hat Else gehört, sagt Gebel. Es wäre ihr fast zum Verhängnis geworden. Der Vorwurf lautete, sie hätte auf ihrer Schreibmaschine auch ein Flugblatt mit Zitaten aus Thomas Aufsatz „Vaterlandsliebe“ (1907) geschrieben. Thoma ist ein vielleicht zu Unrecht fast vergessener bayerischer Heimatschriftsteller, ein Vaterlandsdichter der etwas anderen Art. Wenn er von „deutscher Art und ihrer sicheren Stätte“ sprach, von den „niederen Stuben“, in denen sich „die Sprache der Väter“ erhielt und „so manches Besitztum unseres Volkes“ – dann hätten die Nazis ihm zustimmen können. Aber dann geht es so weiter: „Haben wir Deutsche nicht seit Dezennien gelernt, die Vaterlandsliebe als Monopol einzelner Parteien zu betrachten?“ Den Parteien, beweist Thoma, gehört das Vaterland niemals. Und: „Vaterlandslos ist nur der Egoismus“. Auf nichts reagieren Menschen, Parteien und Diktaturen unversöhnlicher als auf das, was verwandt klingt, jedoch aus anderer Quelle kommt. Nichts zugeben, was sie dir nicht beweisen können, hatte Else Gebel der 16 Jahre jüngeren Sophie Scholl gesagt. Das Thoma-Flugblatt konnten sie Else Gebel nicht beweisen.

Im Oktober 1942 zog Walter Gebel in den Krieg. In Ungarn wurde der Gebirgsjäger Gebel bei zwei alten Juden einquartiert. Bald gehörte er mit zur (Groß-)Familie, als die beiden alten Juden eines Abends zu ihm sagten: Morgen früh soll die SS hierher kommen und uns mitnehmen. Ob er, Gebel, etwas darüber wisse. Er wusste nichts. Am nächsten Morgen kam die SS wirklich. Am Abend war das Viertel leer.

Ein Jahr später kehrte der Gebirgsjäger Gebel aus amerikanischer Gefangenschaft zurück in das zerstörte München. Das Haus seiner Eltern stand noch. Tante Else war da und seine Mutter. Sein Vater war gefallen. Erst jetzt erfuhr er, dass auch Onkel Willy tot war. Hingerichtet im April 1944. Walter Gebel sah auch das Foto eines fremden jungen Mädchens im Zimmer seiner Tante. Er war dabei, als Else Gebel im November 1946 einen Text zu dem Bild schrieb: „Vor mir liegt dein Bild, Sophie, ernst, fragend, zusammen mit deinem Bruder und Christoph Probst aufgenommen. Als ob du ahnen würdest, welch schweres Schicksal du erfüllen musst, das euch drei im Tod vereint.“

Else Gebel kam schließlich frei, weil das Gericht in ihr nur eine untergeordnete Gehilfin ihres Bruders sah, die nicht recht wusste, was sie tat. Sie wehrte sich nicht. Auf dieselbe Weise, das wissen wir heute, hätte sich vielleicht auch Sophie Scholl retten können. Ihr Vernehmer Mohr hatte ihr diese Brücke gebaut, die sie aber nicht betrat. Nicht aus vorsätzlichem Heldentum, sondern vielleicht nur, um es Mohr, diesem Diener der Macht, zu zeigen. Um ihm Achtung abzunötigen, gegen seinen Willen. Else Gebel war Zeugin, wie Sophie Scholl es ablehnte, als „Verführte“ ihres Bruders zu gelten.

Else Gebel schrieb noch andere Texte gleich nach dem Krieg. Die Frau, die mehr als ein Jahr bei den Nazis im Gefängnis saß, deren Lieblingsbruder enthauptet wurde, die Sophie Scholl gekannt hatte – dieselbe Frau schrieb aus freien Stücken eine Entlastungserklärung für Robert Mohr, das willige Werkzeug des Verbrechens. – Ja, so war sie, sagt Walter Gebel. Sie hat nicht gehasst. Sie hätte kein Talent gehabt zur Verfolgerin.

Im Film sagt Sophie Scholl einmal zu Mohr, dass sie bald ihre Plätze tauschen würden. Dass bald er da sitzen würde, wo heute noch sie sitzt. Diese Sprache verstehen wir. Es entspricht unserer Art zu denken. Und wenn dieser Mohr „anständig“ war – was für ein Wort! –, dann umso schlimmer. Denken wir Argusäugigen. Denkt etwas in uns. Aber nicht nur Else Gebel, auch Überlebende der „Weißen Rose“ wollten nicht von Angeklagten zu Anklägern werden, nicht von Verfolgten zu Verfolgern. Dann wären wir doch nicht anders als die, hat die Schwester Sophie Scholls gesagt und wohl zugleich gewusst, dass auch das nicht stimmt.

Zur Wahrheit über die Weiße Rose, über Else Gebel und die anderen gehört auch, dass sie „Vergeben!“ gesagt haben, wo wir Späteren uns angewöhnt haben „Richten!“ zu rufen. Der wirksamste Ankläger sitzt ohnehin nur ganz selten in Gerichtssälen uns gegenüber, sondern er sitzt tief in uns drin. Walter Gebel hört seine Stimme bis heute, trotz des „Bua, da kannst doch nichts dafür“ seiner Tante. Dann wurde aus dem Bua der Oberstudiendirektor Gebel, der über Jahrzehnte alle Deutschlehrer Bayerns prüfte und 1983 am Münchner Sophie-Scholl-Gymnasium den Hauptvortrag zum Gedenken an die „Weiße Rose“ hielt. Da sprach er auch über sich selbst. Wegen des Anklägers in ihm drin.

Gebel betrachtet die alten Fotos. Auf einem sitzt er, ein junger Mann, auf einer Wiese und hält zwei kleine Jungen in Lederhosen im Arm. Das war im Sommer 1947 in Ruhpolding. Die Jungen sind die Söhne von Christoph Probst, der zusammen mit Hans und Sophie Scholl hingerichtet wurde. Gebel kannte bald viele aus dem Umkreis der Weißen Rose.

Er mag Rothemunds Sophie-Scholl-Film. Seine Tante im Film ist zwar nicht ganz seine Tante, denn die sprach nie im Leben hochdeutsch, aber ihre burschikose Art stimmt. Sie war keine Schmerzensmutter wie in Percy Adlons „Fünf letzte Tage“. Was Gebel im Film fehlt, ist der geistige Hintergrund der Weißen Rose, die Philosophie der Freiheit, die auch deutsche Tradition war. Und dass alle Sophie Scholl kennen, aber kaum einer mehr den gebürtigen Russen Schmorell, der mit Sophies Bruder alle Flugblätter verfasst hat, und nicht den Philosophieprofessor Huber, und nicht die Geschwister Graf und nicht… – das findet Gebel doch ungerecht. Ja, die Gesetze des Kinos, er weiß schon.

Vor nicht einmal zehn Jahren machte Walter Gebel ganz allein eine Südseekreuzfahrt, während seine Frau auf Afrikasafari ging. Walter Gebel kann Afrikasafaris so wenig ausstehen wie seine Frau Südseekreuzfahrten. Gebel nahm ein amerikanisches Schiff und hörte in der Nachbarkajüte jemanden deutsch reden, was auf amerikanischen Kreuzfahrtschiffen in der Südsee sehr selten geschieht, doch er sah den Nachbarn nie. Dann verschaffte er sich Einblick in die Passagierliste. Ein P. Feistman, las er, schläft also Wand an Wand mit ihm. Ein „n“ mehr, und es könnte der Dampflokomotivenbesitzer seiner Kindheit sein. Wo ist der geboren, fragte er den Chefstewart. Das war mehr als indiskret, der Stewart antwortete trotzdem: Munich. Er war es. Zwei alte Männer sahen sich fassungslos an. Feistmann war 1936 mit einem „Kindertransport“ nach England gekommen und längst Amerikaner geworden. Nun besuchte er Gebel in München, und der fand den besten Freund seines Lebens. Vor wenigen Jahren verkaufte er im Auftrag seines Freundes ein paar Grundstücke, die Feistmann noch gehörten. Es waren Grundstücke in Dachau.

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