Zeitung Heute : „Sie schlagen zu, wenn keiner mehr damit rechnet“

Der Terrorexperte Hirschmann über den Überraschungseffekt, die Notwendigkeit, in Sicherheit zu investieren und die Bedeutung von Anti-Pocken-Impfstoff

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Ist die Bedrohung durch Pocken realistisch?

Nein. Ich halte es als terroristisches Szenario aus dem Bereich für unwahrscheinlich. Die Hürde ist nicht die Produktion, sondern die Ausbringung von biologischen oder chemischen Kampfstoffen. Wenn Sie flächendeckend kontaminieren wollen, wie wir es aus Filmen kennen, funktioniert das nicht so einfach. Biologische Agenzien sind in der Regel Lebewesen, die auch auf Umwelteinflüsse reagieren. Das heißt, Sie müssen Konzentrationen ausbringen, dass es in solchen Mengen von der Lunge oder der Haut aufgenommen werden kann, dass es tödlich wirkt. Das ist bei Regen und Wind schwierig.

Als Laie stellt man es sich so vor, dass die Ansteckung innerhalb der Bevölkerung das Hauptproblem ist.

Anthrax ist nicht übertragbar. Bei Pocken ist es anders. Das Pockenszenario ist innerhalb der biologischen Kampfstoffe aber das unwahrscheinlichste. Aber auf der anderen Seite, ist es so ziemlich das Einzige, gegen das man impfen kann. Die Idee, die dahinter steht, ist eine andere - und ich glaube, das ist von der Politik auch etwas falsch übergebracht worden. Die Wahrscheinlichkeit, dass Terroristen Pocken-Viren haben, ist sehr gering. Wenn überhaupt, dann müssten es Stämme sein, die überlebt haben. Die andere Möglichkeit wäre, dass man aus Kamelpocken etwas hätte zaubern können, das jetzt auch für den Menschen gefährlich wäre.

Wozu braucht Deutschland dann Impfstoff?

Durch die Maßnahme der Regierung, Pockenimpfstoff vorrätig zu haben und das auch öffentlich zu machen, signalisiert sie den Terroristen: Ihr mögt ja das Virus haben. Wenn ihr es denn wirklich habt, haben wir das Gegenmittel. Damit hat ein terroristischer Anschlag keinen Sinn mehr. Terroristen leben von der Angst und von der Verunsicherung. In diesem Falle könnten sie aber nicht mehr überraschen. Damit verlöre ein solcher Anschlag die gewünschte Wirkung. Es ist also ein klassischer Fall von Prävention, den wir hier haben. Wir sind nicht mehr erpressbar.

Ist die Angst damit wirklich genommen?

Im Vergleich zu früheren Zeiten hat sich viel geändert. Deshalb hätte auch die Kommunikation eindeutiger sein müssen. Früher waren die Leute sehr viel impffreudiger und hatten eine ganz andere Einstellung. Die Impfung gegen Pocken war schließlich bis Mitte der 70er Jahre üblich. Die Angst kommt ja daher, dass Terroristen oder Schurkenstaaten das Privileg des ersten Schrittes haben. Man weiß nicht mit welchen Waffen sie uns angreifen wollen. Im Moment aber bringt gerade beim islamistischen Netzwerkterrorismus der ganz einfache konventionelle Anschlag mehr Leute um, als der Angriff mit Biowaffen - also Auto mit Sprengstoff bepacken und dann in ein Gebäude hineinfahren. Was für die Netzwerkterroristen wichtig ist, ist „body count“ – möglichst viele Tote. Das ist hier mit Pocken nicht mehr machbar.

Sind wir gegen andere Biowaffen gewappnet?

Nein, wir haben das bei Ebola oder Sars gesehen. Nun hatte das nichts mit Terrorismus zu tun. Aber die Verbreitung ist eben schwierig einzudämmen, und es gibt keine Impfung. Bei Anthrax gibt es lediglich ein Mittel, das abschwächt.

Ist ein Anthrax-Anschlag wahrscheinlicher?

Ja, sicher. Anthrax ist einfach zu kultivieren. Nachteil: es ist nicht übertragbar. Wenn es ein Szenario gibt, dann sind das Anschläge in geschlossenen Räumen: U-Bahnstationen, Bürogebäude, Poststellen.

Wenn das so einfach ist, warum ist es dann noch nicht passiert?

Terroristen haben nur eine Chance. Der Anschlag muss klappen, er muss sensationell sein, es müssen viele Leute geschädigt werden und er muss nachhaltig sein, also verunsichern. Terroristen sind risikoaversiv, sie vertrauen auf die Waffen, die sie kennen, die sie beeinflussen können. Biologische Agenzien können sie nicht kontrollieren, vor allem zeitlich nicht. Außerdem ist der Fahndungsdruck momentan zu groß. Die würden jetzt lieber versuchen, abzutauchen, als dass sie jetzt hier in Europa etwas planen würden. Und, sie haben Zeit. Wenn die Öffentlichkeit glaubt, es gäbe keine Bedrohung mehr, schlägt die Stunde null.

Aber das wird doch nicht der Fall sein. Die Wachsamkeit nimmt doch zu.

Ich glaube schon. Das zweite Sicherheitspakt zum Beispiel, die erweiterten Kompetenzen für Polizei und Geheimdienst werden nach fünf Jahren überprüft. Wir wissen ja, wie die politische Landschaft aussieht. Wenn bis dahin nichts passiert ist, dann gibt es Kräfte, die sich um andere Probleme kümmern wollen. Dann könnten Terroristen wieder ruhiger planen. Wenn keiner mehr damit rechnet.

Das Gespräch führte Stephanie Nannen.

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