Zeitung Heute : Sie sehen Berlin

3 Männer, eine Brille. Und 4 Millionen Euro Umsatz.

Stefanie Flamm

Harald Gottschling, 34, Philipp Haffmans, 34, Ralph Anderl, 32.

Wer versucht, einen der drei Geschäftsführer der Brillenmanufaktur „ic! berlin“ ans Telefon zu bekommen, fühlt sich zuerst einmal, als wäre er in dem letzten Berliner Start-up gelandet, bei dem gerade der Insolvenzverwalter zu Besuch ist. Zuerst ist niemand zu sprechen, dann rufen zwei Leute unabhängig voneinander zurück, um drei verschiedene Termine zu bestätigen, an denen aber einer von ihnen garantiert nicht kann. Es geht drunter und drüber. Doch das ist im Fall von „ic! berlin“ eher kein Grund zur Sorge. In ihren schrundigen Büros hinter dem Ostbahnhof, wo Harald Gottschling und Philipp Haffmans, beide 34, zwischen Flohmarktsesseln, Spanplatten-Schreibtischen und Filterkaffee aus dem Wasserglas ihre Gestelle entwerfen, sind die euphorischen 90er Jahre nicht abgebrochen, hier gehen sie einfach weiter. Und wenn man so will, ist den drei Firmengründern, Gottschling, Haffmans und Ralph Anderl, gelungen, wovon so viele während des großen Booms geträumt haben: Sie hatten eine Idee, und sie wurden damit reich.

Glücklicherweise bezog sich diese Idee nicht auf ein virtuelles Projekt, sondern auf ein sehr reales Produkt: ein Brillengestell aus zweidimensionalem Material, Eisen oder Aluminium, das nirgendwo gelötet, verschraubt oder geklebt, sondern einfach nur in Form gebogen und zusammengesteckt wurde. „Die Krisenjahre“, sagt Philipp Haffmans, „ waren unsere besten.“ Mittlerweile haben sie 28 Mitarbeiter eingestellt, ein Subunternehmen gegründet, drei Standorte in Berlin aufgemacht. Doch es gibt noch immer keine festen Arbeitszeiten, keinen geregelten Urlaub, darum aber jeden zweiten Abend eine Party in ihrer Geschäftsstelle in der Max-Beer-Straße. Gründerzeiteuphorie, sechs Jahre danach?

Als sie die Marke 1997 angemeldet haben, besaßen sie keine Mark, die Werkstatt lag in Gottschlings Kreuzberger Wohnung, die Maschinen stammten vom Flohmarkt, das Geld für die ersten 50 Gestelle stammte von Freunden und Bekannten, die auf einer „Subskriptionsparty“ für 150 Mark eine Option auf den Kauf einer Sonnenbrille erworben. Danach ging es nur noch bergauf: 100, 200, 200 000 Gestelle. Sonnenbrillen, Korrekturbrillen, Kinderbrillen, eine eigene Design-Kollektion, namhafte Gastdesigner, namhafte Preise, namhafte Kunden wie Pierce Brosnan und Nicolas Cage und Wolfgang Joop. 2002 hatten sie einen Umsatz von zwei Millionen Euro, dieses Jahr rechnen sie mit vier. Was fasziniert in Paris und Tokio an einer Brille, die einmal als Modeschmuck für die Gesichter der Generation Berlin entworfen wurde? Die prägnanten Formen, die markanten Scharniere, das Windschnittige, die bunten Gläser? Die Technik, sagt Philipp Haffmans. Harald Gottschling glaubt, dass auch der Name eine große Rolle spiele: Im Ausland bedeute „ic! Berlin“ (sprich: I see, ich sehe Berlin) ja nicht automatisch „Ich sehe schwarz“. Im Ausland habe Berlin immer noch einen guten Ruf: jung, dynamisch, irgendwie anders. Ein äußerst produktives Missverständnis.

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