Zeitung Heute : Sie sehen sich wieder

Malte Lehming[Washington]

Kurz nach Bushs Europareise gab es Unstimmigkeiten zwischen den USA und Europa wegen des Waffenembargos gegen China. Jetzt kündigt Italien den Truppenabzug aus dem Irak an. Könnte diese Entwicklung in eine neue Eiszeit im transatlantischen Verhältnis münden?

Bald sind es drei. Gegen Ende dieses Jahres haben voraussichtlich nur noch die USA, Großbritannien und Südkorea eine nennenswerte Zahl von Truppen im Irak stationiert. So willig scheint die „Koalition der Willigen“ nicht mehr zu sein. Alle anderen Länder aus der einst 38 Nationen umfassenden Gruppe derer, die den amerikanischen Truppen zur Seite gestanden haben, sind dann entweder komplett abgezogen, oder entsenden weniger als tausend Soldaten. Für die US-Regierung ist das blamabel. Sie fühlt sich im Stich gelassen und ist gleichzeitig selbst dazu verdammt, durchzuhalten. Ein Scheitern des Wiederaufbaus kommt für sie nicht in Frage.

Der jüngste Rückschlag ist die Ankündigung des italienischen Ministerpräsidenten, im September mit dem Rückzug zu beginnen. Silvio Berlusconi war bisher einer der treusten Verbündeten von US-Präsident George W. Bush. Doch die Ereignisse rund um die Befreiung der Journalistin Giuliana Sgrena haben die Kritik der Italiener am Einsatz in Irak verstärkt. Die Ukraine beginnt in dieser Woche mit dem Abzug ihrer Soldaten aus dem Irak, Ende des Monats folgen die Niederlande, im Juli die Polen. Australien und Georgien wollen ihr Kontingent zwar aufstocken, dennoch schrumpft die Koalition stetig.

Die praktischen Konsequenzen sind wenig gravierend. Neue Sicherheitslücken wird es nicht geben. Die irakische Armee ist zunehmend in der Lage, Schutzaufgaben selbst zu übernehmen. Nur, je mehr Koalitionäre ausscheren, desto länger müssen die 155000 amerikanischen Soldaten bleiben. Und populär ist der Irakkrieg auch in den USA nicht. Eine knappe Mehrheit der Bevölkerung hält ihn für einen Fehler.

Italiens Abzugspläne nähren das Gefühl der Isolation und der Zeitpunkt ist fatal. In den vergangenen Wochen hatte es gerade einen kleinen Stimmungswandel gegeben. Aus dem Nahen Osten kommen ermutigende Signale: Freie Wahlen in Afghanistan und im Irak, die Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern nehmen ab, Demonstrationen in Libanon, Ägypten und Saudi-Arabien leiten Reformen ein. Zwei Jahre nach Beginn des Kriegs rücken solche Entwicklungen die Verluste in ein neues Licht.

Umso größer ist die Enttäuschung vieler Amerikaner über die abziehenden europäischen Verbündeten. Offenbar hat auch die Europareise von Bush nichts bewirkt. Beim Irak wird dem Präsidenten, trotz der freundschaftlichen Töne, nach wie vor die Gefolgschaft verweigert. Hinzu kommt der wachsende Streit über die Aufhebung des Waffenembargos gegen China. Dennoch zeigt das Gesamtbild der transatlantischen Beziehungen Nuancen. Bush hat sich, in den Atomverhandlungen mit Teheran, auf die Seite der EU- Troika Deutschland, Großbritannien und Frankreich geschlagen. In Libanon ziehen Washington und Paris an einem Strang, um den Abzug der syrischen Besatzer zu erreichen. Sogar die Hisbollah wird vom Weißen Haus inzwischen als politischer Faktor respektiert. Und im Kampf gegen den Terror arbeiten alle westlichen Geheimdienste enger zusammen denn je.

Im Vergleich zur Vorkriegs-Atmosphäre ist der Umgang, trotz aller Differenzen, zivil geworden. Man will wieder miteinander, stößt manchmal an seine Grenzen. Das bedeutet noch keine neue Abkühlung über dem Atlantik.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben