Zeitung Heute : „Sie sind ja verrückt. Fuck you!“

Lange hat sich Kelly Osbourne von Drogen ernährt. Nun versucht sie es mit Nudeln und Massagen – und ist glücklich damit.

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Kelly Osbourne, 20, ist die Tochter von Ozzy Osbourne, dem „Gruselrocker“ („Der Spiegel“). Das Leben der chaotischen Familie wurde auf MTV von 2002 bis Mai 2005 unter dem Titel „The Osbournes“ als DokuSoap ausgestrahlt. Kelly hat soeben ihr zweites Album veröffentlicht: „Sleeping in the Nothing“.

Interview: Esther Kogelboom und Ulf Lippitz Frau Osbourne, Sie sind heute…

…Entschuldigung! Es tut mir so Leid, dass Sie warten mussten! Sie haben, nur um mich zu treffen, extra die weite Reise von Berlin nach München gemacht, nicht wahr? Wie lange haben Sie gewartet?

Zwei Stunden. Das ist schon okay, aber mit Ihnen ist offensichtlich nicht alles in Ordnung. Sie tragen einen Verband an der linken Hand. Geht es Ihnen gut?

Na ja, ich habe mich verletzt, als ich in Stockholm vor einer Horde Paparazzi geflüchtet bin. Sie standen hinter meinem Hotel, ich bin beim Wegrennen gestolpert und auf die Hand gefallen. Es tut verflucht weh. Fragen Sie mich was anderes, das lenkt mich ab.

Ort des Gesprächs ist ein Konferenzraum im altehrwürdigen Hotel Bayerischer Hof, München. An der Wand hängt ein Porträt von Kaiserin Elisabeth. Auf dem Tisch: frisch aufgeschnittenes Obst, Laugengebäck. Kelly Osbourne nimmt Platz, sie sitzt kerzengerade. Ihre Augen sind dramatisch geschminkt, sie wurde vorher für ein Jugendmagazin fotografiert. Die Haare fallen lang und schwarz auf ein silbrig glitzerndes Jäckchen herab. Es könnte sich auch um eine Perücke handeln. Kelly Osbourne wirkt künstlich, wie eine Wachsfigur. Beim Sprechen bewegt sie kaum merklich ihren Mund.

Lassen Sie uns über Ihr neues Album „Sleeping in the Nothing“ sprechen. Es sind ein paar Lieder darauf, die hören sich an wie aus den 80er Jahren.

Das stimmt. Wir haben viele Synthesizer eingespielt, weil die mir gute Laune machen. Ich wollte irgendwas zwischen New Romantic, New Wave, Punk und Teenage Angst.

Sie sind 1984 geboren, Sie haben doch von den 80ern überhaupt nichts mitbekommen.

Also, ich bitte Sie. Mein Musikgeschmack wurde von den 80er Jahren geprägt. Wir hatten eine Jukebox im Wohnzimmer, ich kam damals kaum an die Knöpfe ran. Und doch wollte ich immer The Smiths, Human League und The Cure hören. Die Songs waren für mich mit verschiedenen Farben markiert, ich konnte ja noch nicht lesen. Außerdem bin ich zum größten Teil im Tourbus meines Vaters aufgewachsen, dem Gründer von Black Sabbath. Da lief immer Musik.

Was gefällt Ihnen am Stil dieser Zeit?

Die Schulterpolster zum Beispiel! Die sind super. Deswegen mag ich auch Deutschland gerne: Ihr kleidet euch immer noch so wie damals. Ihr zieht Jacken mit Schulterpolstern an und kombiniert dazu stonewashed Jeans. Ihr konserviert den Bad Taste, ich mag das.

Wo genau haben Sie das beobachtet?

In ganz Deutschland tragen die Leute stonewashed Jeans.

Linda Perry, die auch schon mit Stars wie Robbie Williams, Enrique Iglesias und Gwen Stefani zusammengearbeitet hat, hat Ihr Album produziert…

…das war unglaublich und zu viel der Ehre für mich. Sie ist wahninnig talentiert. Sie hat vieles aus mir rausgekitzelt, von dem ich niemals gedacht hätte, dass ich es in mir trage. Ohne Lindas Hilfe hätte ich keine guten Songtexte schreiben können. Zum Beispiel „Save me“. In dem Song habe ich verarbeitet, dass es wahnsinnig schwer für mich ist, Freunde zu finden. Die meisten Menschen, die ich treffe, wollen mich interviewen, fotografieren oder Gratisdrogen. Die Sitzungen mit Linda waren wie eine Therapie für mich.

Linda Perry hat auch Christina Aguilera produziert, mit der Sie sich seit Monaten in einem offenen Clinch befinden. War das ein Thema zwischen Ihnen und Linda?

Also gut, rede ich eben noch mal über Christina und mich. Ich habe eigentlich überhaupt keine Lust, mich über irgendjemanden zu erheben. Aber Christina hat definitiv die falsche Einstellung. Ich finde es komisch, wenn jemand nicht weiß, wer er ist und sich ständig ändert. Dazu kommt, dass Christina spricht, als würde sie aus dem hinterletzten Ghetto kommen – aber das ist gar nicht wahr. Außerdem habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie sie zu ihren Leuten fürchterlich gemein gewesen ist. Ich habe auch einen Tourmanager und einen persönlichen Assistenten, aber die arbeiten nicht für mich, sondern mit mir zusammen. Christina lässt ihre Leute für sich arbeiten. Um es mal vorsichtig zu beschreiben.

Draußen vor der Flügeltür hat ein Leibwächter Position bezogen, ihre Betreuerin („Kelly hasst Fragen, die ihre Familie betreffen“) sitzt mit am Tisch. Sie passt auf, dass die vereinbarte Zeit nicht überschritten wird.

Frau Osbourne, das sagen ausgerechnet Sie! Wir haben auf MTV gesehen, dass Sie sogar einen Haustierpsychologen beschäftigen.

Das war eine Idee meiner Mutter, damit habe ich nichts zu tun. Außerdem ist das eine Haustierpsychologin. Unser gesamtes Team besteht fast nur aus Frauen. Es wäre mir einfach unangenehm, zu einem Mann zu sagen: Ich habe heute PMS. Geh’ und besorg mir schon mal Tampons. So was geht nur mit Frauen. Die sind viel umkomplizierter.

In Ihrer Familie hat jeder seine eigenen Mitarbeiter, auch Ihr Bruder Jack und Ihre Eltern. Bedeutet das, dass Sie versuchen, Ihre Leben mittlerweile voneinander zu trennen?

Nein, auf gar keinen Fall! Ich freue mich schon unglaublich auf Samstag, dann werde ich Mama und Daddy endlich wieder sehen – nach fast zwei Monaten zum ersten Mal! Ich halte eine so lange Trennung kaum aus und überbrücke sie mit langen Telefonaten.

Sind Ihre Eltern Freunde oder Autoritäten für Sie?

Ich bin eine 20-jährige Frau, aber ich brauche Mom und Dad immer noch. Ich würde schon sagen, sie sind so etwas wie Freunde. Dazu kommt noch, dass meine Mutter mich managt. Ich könnte mir keine bessere Mutter vorstellen, auch keine bessere Managerin. Niemand kennt mich so gut wie sie. Und es gibt niemanden, der sich im Musikbusiness besser auskennt als sie. Sie war schließlich die erste weibliche Heavy-Metal-Managerin. Ich liebe sie einfach, was soll ich sagen.

Haben Ihre Eltern Sie eigentlich erzogen?

Das Einzige, was sie immer betont haben, war: Wenn irgendetwas los ist, erzähl uns davon. Wir sind immer für dich da und helfen dir. Zum Beispiel war ich neulich in einem Club in London, da hat mich so ein Typ belästigt und wich den ganzen Abend nicht mehr von meiner Seite. Er hat mich sogar angefasst! Da habe ich meine Mutter angerufen und sie gefragt, was ich tun soll. Und sie hat geantwortet: Geh’ einfach nach Hause, Kelly, nimm’ ein Taxi. Das habe ich dann gemacht. Es war genau der richtige Tipp.

Da hätten Sie auch selber drauf kommen können.

Vielleicht, aber es tat in diesem Augenblick einfach gut, die Stimme meiner Mutter zu hören.

Ihnen war vieles erlaubt, was anderen Teenagern, die in konservativen Elternhäusern aufwachsen, verboten ist. Finden Sie es seltsam, dass Sie nie rebellieren, sich nie Freiheiten erkämpfen mussten?

Nein, wieso sollte ich? Es ist vollkommener Quatsch, dass man nur zu einer eigenen Persönlichkeit reift, wenn man ständig gegen etwas ankämpft. Das ist ein Märchen.

Kelly wird langsam ungehalten. Unter dem Tisch scharrt sie mit ihren winzigen, nackten Füßen über den Teppich. Die Managerin wirft uns Blicke zu.

Was denken Ihre Freunde darüber, deren Eltern keine Rockstars sind?

In London leben meine beiden besten Freundinnen, mit denen bin ich aufgewachsen. Als wir zwölf waren, haben wir zusammen die erste Zigarette geraucht. Einer finanziere ich jetzt das Medizinstudium. Die andere macht Marketing bei einer Plattenfirma. Ich bin für sie kein Mitglied einer Rock- ’n’- Roll-Familie, sondern einfach Kelly. Das ist sehr entspannend.

Auf MTV war sogar zu sehen, wie Ihr Freund mit Ihnen Schluss gemacht hat. Wie ist es, in der Öffentlichkeit aufzuwachsen?

Es ist verrückt, so eine Pubertät ist sowieso schon schwer genug, und dann sind da auch noch überall Kameras, die alles aufnehmen. Die ganze Welt beobachtet dich dabei und beurteilt dich.

Plötzlich ertönt draußen ein lauter Knall – eine Baustelle. Kelly zuckt zusammen. Wir müssen ihr versichern, dass es in München normalerweise keine Erdbeben gibt. Sie lacht, zum ersten Mal. Endlich zeigt sich ihr riesiger Mund in seiner vollen Pracht. Endlich sieht Kelly Osbourne aus wie Kelly Osbourne.

Sie waren nicht immer so gut gelaunt wie heute. Wir haben gehört, Sie haben einen harten Drogenentzug hinter sich.

Es gab eine Zeit, in der ich sehr verwirrt und durcheinander war. Die Zeitungen haben geschrieben, ich sei fett und hässlich. Könnt ihr euch vorstellen, wie das ist: Du schlägst die Zeitung auf, und da steht, dass du fett und hässlich bist? Bei meiner Mutter haben sie Krebs diagnostiziert, und Daddy hing an der Flasche. Cool! Ich dachte, der einzige Weg, damit klarzukommen, sei der totale Rückzug in mich selbst. Deswegen habe ich Drogen konsumiert – damit das, was um mich herum geschah, nicht an mich herankommen konnte.

Sie haben Schmerzmittel genommen?

Ja, das stimmt. Und Opiate.

Wie müssen wir uns das vorstellen, wie fühlt sich das an?

Oh, das ist unbeschreiblich.

Probieren Sie es.

Na gut. Es ist nicht so, als würdest du high sein oder Dinge sehen, die es gar nicht gibt. Es ist so: Du schließt dein Gehirn ab. Schmerzmittel befreien dich von den vielen Gedanken. Vorher musste ich immerzu denken, hatte nie Ruhe. Auf Schmerzmitteln habe ich einfach gar nicht mehr gedacht.

Die Managerin blickt auf die Uhr und sagt: „Noch sieben Minuten.“

Kelly, Sie haben einmal gesagt, Sie hätten eine abhängige Persönlichkeit.

Ich habe zum ersten Mal Drogen probiert, da war ich 13. Schmerzmittel habe ich mit 15 angefangen. Mit 17 wusste ich, dass ich süchtig war: Ich bin ausgerastet. Normalerweise würde ich mich als offene, fröhliche Person bezeichnen, plötzlich war ich eine blöde Schlampe. Und ich musste mich vor den MTV-Kameras verstecken und heimlich im Auto Drogen nehmen. Jeden Morgen, unmittelbar nach dem Aufwachen, habe ich die Hand ausgestreckt und ein paar Pillen eingeworfen. Es fiel einfach keinem auf – bis ein Paparazzo mich beim Drogenkaufen fotografierte und das Foto meiner Mutter schickte.

Ein Paparazzo hat Sie gerettet.

Ja, kann man so sagen. Trotzdem finde ich diesen Beruf nicht so toll. Besonders, wenn mich mal wieder einer ohne Make-up erwischt hat.

Wie offen sind Ihre Eltern mit Drogen umgegangen, als Sie ein Kind waren?

In der Schule habe ich mehr über Sex und Drogen gelernt als von meinen Eltern. Meine Mutter hat mich allerdings auch nie angelogen. Sie hat immer gesagt, was mein Vater tut. Und mein Vater hat immer gesagt: Das Einzige, was mich davon abhalten kann, zu trinken und Drogen zu nehmen, ist eure Liebe. Es war so schwer für ihn, trocken zu werden. Inzwischen ist er glücklicherweise seit einem Jahr trocken. Seine Qualen kann niemand verstehen, der nie drogenabhängig war.

Wie zeigt sich Ihre Suchtpersönlichkeit jetzt, wo Sie clean sind?

Im Moment bin ich nur noch süchtig nach Shopping und Spa-Besuchen. Ich genieße es total, wenn andere sich um mich kümmern. Zuerst dusche ich, dann lasse ich ein Ganzkörper-Peeling machen. Die menschliche Haut produziert wahnsinnig viele tote Zellen und Schmutz, das wird alles entfernt. Ich hasse es, mich schmutzig zu fühlen. Danach noch eine Massage, das ist der Himmel auf Erden. Besonders gut sind die Spas in Japan.

Kelly kommt in Fahrt. Das Spa-Thema gefällt ihr. Sie erzählt ausführlich von verschiedenen Anwendungen in japanischen Spas. Die Managerin: „Letzte Frage, bitte.“

Ihr Vater wird immer „Prince of Darkness“ genannt. Was bedeutet das eigentlich?

Keine Ahnung. Aber ich bin die Princess of Darkness.

Ach so. Wie stellen Sie sich Ihr Leben in zehn Jahren vor? Sind Sie dann die Queen of Darkness?

Dann möchte ich Kinder haben und einen guten Mann, der mich Tag und Nacht zum Lachen bringt. Die Familie müsste für ihn an erster Stelle stehen, auf gar keinen Fall darf Arbeit für ihn das Wichtigste sein.

Muss Ihr Auserwählter die Musik Ihres Vaters gut finden?

Natürlich, sonst ist er sowieso ein Idiot.

Was würden Sie mit Ihren Kindern anders machen?

Ach, ich weiß nicht. Ich glaube, egal, wie sehr du dich anstrengst, früher oder später wirst du dich genauso wie deine Familie verhalten.

Angenommen, Sie würden von freundlichen Außerirdischen auf einen fremden Planeten entführt und müssten ihnen Ihr Leben beschreiben. Was würden Sie sagen?

Sie sind ja vollkommen verrückt geworden. Was ist das denn für eine Frage? Okay, ich würde sagen: Ich führe ein ganz normales Leben. Für mich ist das verdammt noch mal normal. Fuck you!

Kelly erhebt sich. Auf ihren winzigen, nackten Füßen befinden sich zwei Totenkopf-Tattoos.

Haben Sie eigentlich jemals alleine gelebt?

Ja, als ich in Amerika eine Fernsehshow gedreht habe. Und, Ihr werdet es nicht glauben, da hat Kelly Osbourne selber aufgeräumt, abgewaschen und gekocht.

Kelly Osbourne schüttelt unsere Hände zum Abschied. Fest und trocken, nicht unangenehm.

Ehrlich? Was haben Sie gekocht? Ihr Vater ernährt sich ja nur von Burritos.

Nein, alles, was man auf dem George-Foreman-Grill braten kann. In erster Linie Hühnchen. Pasta. Basta.

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