Zeitung Heute : Sie sorgen vor

Cordula Eubel

Heute stellt die große Koalition ihren ersten Rentenversicherungsbericht vor. Wie werden sich die Renten in Zukunft entwickeln – und wie verlässlich sind die Zahlen der Regierung?


Sozialminister Franz Müntefering (SPD) macht der künftigen Rentnergeneration nichts vor: Die gesetzliche Rente wird nicht mehr alleine ausreichen, um den Lebensstandard im Alter zu halten, heißt es im aktuellen Rentenbericht der Bundesregierung. Wer im Alter nicht auf Einkommen verzichten will, muss während des Berufslebens vorsorgen – etwa mit einer Riester- oder einer Betriebsrente.

Bis 2008 müssen Rentner auf Rentenerhöhungen verzichten, ab 2009 rechnet die Regierung wieder mit Steigerungen. Wer 45 Jahre lang ein Durchschnittseinkommen bezogen hat und darauf Beiträge in die Rentenkassen gezahlt hat, erhält 2006 eine Bruttostandardrente von 1176 Euro. 2009 steigt diese „Eckrente“ auf 1180 Euro, bis 2019 auf 1414 Euro. Allerdings ist eine solche Erwerbsbiografie nicht mehr Standard: Viele Beschäftigte kommen nicht mehr auf 45 Beitragsjahre. Die Absicherung im Alter beschreibt auch ein anderer Indikator: das Rentenniveau . Es drückt das prozentuale Verhältnis der Rentenhöhe eines Standardrentners gegenüber dem Arbeitsentgelt eines heutigen Durchschnittsverdieners aus – vor dem Steuerabzug. Im Jahr 2006 liegt das Rentenniveau bei 52,2 Prozent, bis 2019 wird es voraussichtlich auf 46,3 Prozent absinken.

Der Rentenbeitrag wird im nächsten Jahr von 19,5 auf 19,9 Prozent steigen. Durch die zusätzlichen Einnahmen können Rentenkürzungen zunächst vermieden werden. Nach den Modellrechnungen bleibt der Rentenbeitrag bis 2012 stabil bei 19,9 Prozent. Dafür muss der Bund im Jahr 2008 voraussichtlich 600 Millionen Euro zusätzlich an Steuerzuschüssen zahlen. Ab dem Jahr 2013 sinkt der Rentenbeitrag, zwischen 2014 und 2019 auf 19,4 Prozent.

Die Ziele der Bundesregierung (der Beitrag darf bis 2020 nicht über 20 Prozent steigen, das Rentenniveau nicht unter 46 Prozent sinken) werden allerdings nur dann eingehalten, wenn die Wirtschaft sich entsprechend entwickelt. Die Löhne müssen um durchschnittlich 2,5 Prozent pro Jahr steigen, die Wirtschaft nach dem Ende der aktuellen Konjunkturschwäche wieder um 1,7 Prozent im Jahr wachsen – und die Arbeitslosigkeit langfristig deutlich abnehmen. Die Annahmen zur wirtschaftlichen Entwicklung fallen im Vergleich zu früheren Rentenberichten bescheidener aus – und sind damit realistischer. Allerdings weist der Sozialbeirat der Bundesregierung, in dem Wissenschaftler, Bundesbank, Arbeitgeber und Gewerkschaften vertreten sind, darauf hin, dass die ökonomischen Grundannahmen „in Teilen recht ambitioniert sind“. Dies gelte insbesondere für die ab 2007 zugrunde gelegten Beschäftigungsannahmen, schreibt der Sozialbeirat unter Leitung des Rentenexperten Bert Rürup in seinem Gutachten zum Rentenbericht.

Der Sozialbeirat unterstützt die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre. Dies sei „die richtige Antwort auf die höheren Kosten, die aus einer zunehmenden Rentenbezugsdauer als Folge einer steigenden Lebenserwartung erwachsen“, heißt es. Die Anhebung müsse allerdings wegen der aktuell niedrigen Erwerbstätigenquote Älterer von Instrumenten der Beschäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik flankiert werden. „Nur so kann verhindert werden, dass die Erhöhung des Renteneintrittsalters zu einer versteckten Rentenkürzung führt.“ Kritisch beurteilt der Sozialbeirat, dass auch künftig Versicherte nach 45 Beitragsjahren mit 65 ohne Abschläge in Rente gehen können. Eine solche Regelung hätte „gravierende“ sozialpolitische Auswirkungen und würde zu „unerwünschten Umverteilungseffekten in erheblichem Umfang“ führen: Personen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien würden bestraft. Betroffen wären vor allem schlecht ausgebildete Arbeitnehmer und Frauen.

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