Zeitung Heute : Sie Spießer, Sie!

Eine Debatte von Harald Martenstein und Marius Meller

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Von Harald Martenstein

Bei mir zu Hause steht ein Aquarium, in dem Zierfischlein schwimmen. Ich besitze auch eine hölzerne Gartenlaube. Dort züchte ich Erdbeeren. Wenn ich fernsehe, steht bisweilen ein Teller mit schmackhaften Schnittchen vor mir.

In gewisser Weise und in gewissen Augen bin ich ein Spießer. Jedenfalls habe ich kein gesteigertes Interesse daran, hip zu sein. Hipness käme mir körperlich und geistig auch viel zu anstrengend vor. Stattdessen habe ich ein Interesse daran, zu tun, was mir Spaß macht.

Ich lege einen gewissen Wert auf das Äußere, kleide mich wahrscheinlich eine Spur zu jugendlich, fahre einen coolen Oldtimer, das ergibt, wenn man es mit dem Schrebergarten und den Schnittchen zusammenrechnet, keinen in sich geschlossenen, klar definierbaren Lebensstil, sondern ein Lifestyle-Patchwork.

Ich kenne keine Peergroup, zu der ich gehören möchte und deren Gepflogenheiten ich mir möglichst vollständig aneigne, um akzeptiert zu werden. Diesen geistigen Zustand nenne ich Erwachsensein.

Halt, stopp. Das ist natürlich gelogen. Wie jeder, außer den Autisten vielleicht, mache auch ich mir Gedanken über meine Wirkung auf andere. Ich möchte zum Beispiel nicht lächerlich erscheinen. Die Leute, mit denen ich zu tun habe, sollen mich schon ein bisschen respektieren. Falls mein Gehirn mir morgen zuflüstern sollte, dass es Spaß macht, einen Irokesenschnitt zu tragen, werde ich meinem Gehirn den Mund verbieten.

Der Lebensstil, den jemand pflegt, ist immer ein Kompromiss zwischen dem, was er naiverweise für seine Individualität hält (das heißt: ein Bündel aus Wünschen und Vorstellungen, die wir nicht selber erfunden und nur in Grenzen frei gewählt haben) und den Erwartungen, die man glaubt, erfüllen zu müssen. Die Freiheiten, die man sich gestattet, werden bei den meisten im Laufe der Jahre größer.

Das ist es dann auch schon mit dem Erwachsensein. Mehr kommt nicht dabei ’rum.

Der Vorwurf, dass jemand ein Spießer sei, enthält zwei Untervorwürfe. Erstens: Diese Person lebt falsch. Sie pflegt einen Lebensstil, der, aus welchen Gründen auch immer, abzulehnen ist. Zweitens: Diese Person besitzt die Kühnheit, ihren – falschen – Lebensstil auch noch offensiv zu vertreten.

Der Spießervorwurf enthält also einen Zirkelschluss. Derjenige, der ihn äußert, behauptet nicht nur, das richtige Leben, die richtige Kleidung, die richtigen Moralvorstellungen und so weiter zu kennen, nein, der Ankläger des Spießertums vertritt diese Vorstellung vom richtigen Leben auch noch aggressiv.

Mit anderen Worten: Wer anderen Spießertum vorwirft, verhält sich selber extrem spießig.

Nur Jugendliche haben ein Recht darauf. In dieser Phase der Selbstfindung sind Selbstüberhöhungen, Allmachtsphantasien und ein gewisser Lebensstilfaschismus von der Natur offenbar zwingend vorgesehen. Aus dem Mund einer 30-jährigen oder noch älteren Person dagegen wirkt der Spießervorwurf nicht besonders aufgeweckt. In diesem Alter hat man normalerweise begriffen, wie wandelbar die Vorstellung vom richtigen Leben ist, wie vielen bewussten und unbewussten Einflüssen wir ausgesetzt sind, wie dumm es ist, stolz zu sein auf das, was man zufällig geworden ist oder zufällig tut oder zufällig glaubt und dass schon morgen der gehäkelte Autolenkradschoner oder die Mitwirkung in einer Volkstanzgruppe der, wie wir Fünfziger-Jahre-Typen gern sagen, letzte Schrei sein kann. Denn das sind die Spielregeln des modernen Kapitalismus. Alles fließt, vor allem das Stilgefühl.

Aber was ist zum Beispiel mit den Hausmeistern, die wie Schäferhunde darauf achten, dass jeder in ihrem Reich sich an die fucking Regeln hält, egal, ob jemand sich gestört fühlt oder nicht? Was ist mit den Damen, die in Schwaben jede Woche das Treppenhaus auf korrekte Ausführung der Kehrwoche überprüfen? Was ist mit den Typen, die, besonders oft in Berlin, lieber einen Unfall bauen, als auf die Vorfahrt zu verzichten?

Diese Leute gehören meiner Ansicht nach in die gleiche Begriffs-Schublade wie Menschen, die spät in der Nacht laute Techno-Musik hören, wie fanatische Nichtraucher oder rücksichtslose Raucher, wie Vegetarier oder Grünteetrinker, die jedem Fleischesser oder Weinliebhaber Bekehrungsvorträge halten. Diese Leute sind nicht geschmeidig. Ihre soziale Intelligenz ist schwach entwickelt. Sie durchfahren das Leben wie ein Eisbrecher, mit Krawumm immer geradeaus, den eigenen Prinzipien hinterher, die sie niemals in Frage stellen, getragen von dem unerschütterlichen Gefühl des Rechthabens. Es sind Rechthaber.

Meinetwegen können Sie diese Leute auch Spießer nennen, obwohl ich es falsch finde. Ich möchte, gerade in diesem Punkt, kein Rechthaber sein.

Ein Aquarium hatte ich schon als Kind. Mit dem Schrebergarten aber war es so, dass im vergangenen Sommer die Berliner Stadtmagazine meldeten: „Schrebergärten galten früher als spießig. Neuerdings gelten Schrebergärten bei den Opinion Leaders und in der Lifestyleszene als heiß, trendy, geil und hip.“

Da hatten wir den Garten bereits seit drei Jahren. Du brauchst nur einfach ruhig am Ufer des Lebens sitzen zu bleiben. Alles, was du tust, treibt irgendwann als Trend an dir vorüber.


Von Marius Meller

Heute muss man den Spießer verteidigen. Man muss ihn hegen und pflegen. Man muss jeden Neo-Spießer unbedingt ermutigen, das Spießertum keinesfalls wieder aufzugeben.

Der Spießer wurde so lange so schlecht gemacht. Wir haben ihn für alles mögliche Schlechte verantwortlich gemacht. Vor allem dafür, dass er angeblich den Fortschritt aufhalte. Das war der größte Irrtum, wie sich heute zeigt, denn nichts ist heute zweifelhafter als der Fortschritt, wenn man den medizinischen vielleicht einmal ausnimmt. Jedem wird eingeredet, es sei cool, zur Avantgarde, zur Vorhut zu gehören. Bloß nicht zurückbleiben. Wenn alle Avantgarde sind, geht keiner mehr voran – und das ist doch gar nicht so schlecht! Die Avantgarde kippt ins Spießertum zurück und alle können im Grunde glücklich sein.

In den 70er Jahren war der Spießer schuld, dass der Sozialismus nicht verwirklicht wurde. Wir können, falls das zutrifft, dem Spießer heute dankbar sein, dass der Sozialismus nicht verwirklicht wurde. Andererseits soll er schuld gewesen sein, dass die Nazis an die Macht gekommen sind. Woher wissen wir das eigentlich? Vielleicht wäre uns Hitler erspart geblieben, wenn es mehr rechtschaffene und wackere Spießbürger gegeben hätte, die ihre innere Ruhe verteidigt hätten gegen die politischen Hysteriker, wenn es weniger unspießige Volksgenossen gegeben hätte, die sich für braune Aufmärsche mit Brüll-Kundgebungen begeistert hätten. Aber nein, der Spießer soll schuld gewesen sein.

Der Spießer ist der Typus der Zukunft! Die Menschen sind müde geworden, sich ständig neu zu erfinden, immer irgendeiner Vorstellung vom Neuen hinterherzuhecheln. Warum sollen sie sich nicht endlich einrichten dürfen in ihren vier Wänden, in ihrer Datscha, in ihrem Wohnwagen oder wo und wie auch immer? Warum soll der Mensch immer nur werden und darf nicht einfach mal nur sein?

Die Ikea-Werbung fragt, ob man noch wohne oder schon lebe. Es gibt viel zu viele, die gefährlich leben wollen, anstatt einfach nur friedlich zu wohnen.

Jeder soll frei entscheiden können, ob er lieber mit Bierbauch herumläuft, oder ob er Joggen geht. Jeder soll frei entscheiden können, ob er sich lieber mit Fußball, Videospielen oder dem neuen Buch von Kurt Flasch über Meister Eckhart auseinandersetzt. Aber setzt doch die notorisch spießigen Menschen nicht unter Druck, dass sie sich irgendwie höher, weiter oder schneller entwickeln sollen. Ihr sollt sein wie die Lilien auf dem Felde, sagte Jesus von Nazareth, ihr sollt sein wie die Kinder.

Der Mensch muss neu werden, sagte Paulus. Damit fing die ganze Misere an.

Das philosophische Vorbild des Spießers muss Georg Friedrich Wilhelm Hegel sein. Hegel behauptete, die Gedanken Gottes vor der Schöpfung zu kennen und aufgeschrieben zu haben. Da mag er vielleicht ein bisschen übertrieben haben. Aber er gliederte die ganze Weltgeschichte hübsch übersichtlich und ließ sie auf einen Punkt zulaufen: auf ihn selbst.

Durch das An-sich und das An-und-für-sich und viele andere interessante Zustände seien Materie und Geist hindurchgegangen, um im Gehirn des preußischen Staatsbeamten schließlich „zu sich selbst zu kommen“. Die Lektüre der „Wissenschaft der Logik“ und der „Phänomenologie des Geistes“ belegt nach Hegel die Würde des preußischen Status Quo, in dem man es sich einrichten kann. Mit dem preußischen Staat – mit der ein oder anderen Reform – könne man es sich ruhig gutgehen lassen, so behauptete der schwäbische Professor in Berlin.

Die so genannten Junghegelianer fanden das selbstgerecht – und eben spießig, philisterhaft, wie man damals sagte, und wollten seine Philosophie vom Kopf auf die Füße stellen. Aus dem Spießer sollte ein Revolutionär werden. Die Folgen dieser Bemühungen sind berüchtigt. Das Auf-die-Füße-Stellen von Hegels Philosophie ist der Welt gar nicht gut bekommen.

Hegel ist der Philosoph des Ankommens, Marx der Philosoph des Aufbruchs. Es ist eine Grunddisposition des Spießers, angekommen zu sein, es sich gemütlich zu machen und sich von allem Revolutionären fern zu halten.

Es muss der Spießer endlich rehabilitiert werden. Dem Menschen kann nicht zugemutet werden, immer nur ein Vorprodukt zu sein. Er soll in aller Ruhe zu sich selbst kommen dürfen.

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