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Dagmar Dehmer

US-Präsident Bush trifft sich heute mit UN-Generalsekretär Kofi Annan. Bedeutet die von Bush vor wenigen Tagen angekündigte Energiewende, dass die USA jetzt auch ihre internationale Politik ändern werden?


Bei dem Treffen zwischen Kofi Annan und George W. Bush soll es vor allem um die Menschenrechte in der westsudanesischen Provinz Darfur gehen. Tatsächlich aber spielt bei dem Konflikt, bei dem seit 2003 rund 300 000 Menschen getötet und 2,6 Millionen vertrieben wurden, Öl eine große Rolle. Die Weltgemeinschaft zeigte sich bisher unfähig, diese Krise zu lösen, weil das energiehungrige China ein großer Investor im Ölgeschäft Sudans ist. Im Sicherheitsrat wird das Land vermutlich nie seine Zustimmung zu Sanktionen geben, womöglich nicht einmal dazu, eine UN-Friedenstruppe mit einem robusten Mandat in die Krisenregion zu schicken.

Für Zeyno Baran, eine Energie- und Terrorexpertin, die am konservativen Nixon-Center in Washington arbeitet, ist diese Konfliktlage typisch – und eine Folge des derzeit nicht existenten transatlantischen Dialogs über Energiefragen. Die Wissenschaftlerin, die auf Einladung der American Academy einige Tage in Berlin war, sieht die Weltgemeinschaft in der Iran-Frage in derselben Falle. „Es gibt nichts, womit die internationale Gemeinschaft Iran stoppen könnte.“ Und Teheran wisse genau, dass die USA auch Indien und Pakistan als Atommächten mehr als kritisch gegenüberstanden, sie dann aber wohl oder übel akzeptieren mussten, nachdem sie die Bombe hatten. In dieser Frage denkt Baran allerdings, dass Iran die amerikanische Besorgnis womöglich unterschätzt hat und es sogar zu einem Angriff auf Iran kommen könnte.

Doch gerade die Energieinteressen Indiens und Chinas müssten aus Barans Sicht Anlass genug sein, „zwischen der EU und den USA in einen Dialog über Energiefragen einzutreten“. Die Chancen dafür stünden auch nicht schlecht, sagte sie dem Tagesspiegel, denn mit dem russisch-ukrainischen Gaskonflikt hätte Europa zum ersten Mal erkannt, dass auch Russland nicht nur ein zuverlässiger Energielieferant sei, sondern das Gas „als politische Waffe einsetzt“. Baran machte diese Beobachtung bereits vor Jahren im Kaukasus und in der kaspischen Ölregion.

Das Energieproblem sei eben nicht zu lösen, indem allein die Abhängigkeit von Öl aus dem Nahen Osten reduziert werde, was den USA seit dem 11. September bereits gelungen sei. Die meisten Öllieferungen bezieht das Land inzwischen aus Venezuela und einigen Nicht-Opec-Staaten. Doch gerade Venezuela zeige sich eben auch nicht gerade als guter Verbündeter. Baran sagt: „Die USA können das Problem, dass Energieländer ihre Ressourcen als politische Waffen einsetzen, nicht kontrollieren.“

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