Zeitung Heute : Sie tanzten den „Nieder-mit-Strieder“-Rap

Der Tagesspiegel

Von Claudia Keller

Da waren sie wieder: die Pferde und Drachen, die Sparschweine und die schiefen Türme von Pisa. Eine Woche lang hatten sie tagtäglich auf das drohende Schicksal der Berliner Privatschulen aufmerksam gemacht, und auch am Sonnabend auf dem Wittenbergplatz fehlten sie nicht. „Wäre ich ein Pferd, ich wäre gerettet“ entrollte sich auf einem Transparent, auf einem anderen „Der Senator schickt den Drachen raus, Bildung kommt dabei nicht raus“ oder noch deutlicher „Nieder mit Strieder“. Mehr als 8000 Schüler, Lehrer und Eltern demonstrierten gestern Mittag mit Trommeln, Pfeifen und einem „Rap gegen das Sparen“ noch einmal gegen die geplanten Kürzungen des Senats bei den Privatschulen. Sie waren in zwei Protestmärschen von der Uhlandstraße und der Yorckstraße zum Wittenbergplatz gekommen, wo die Schulen eine Kundgebung abhielten. Für kurze Zeit legten die Demonstranten sogar den Verkehr rund um die Gedächtniskirche lahm.

„Waldorfschüler sind weltfremd, tragen selbstgestrickte Pullis und würden es auf einer anderen Schule nicht schaffen“, rief Laura Zimmermann auf der Bühne auf dem Wittenbergplatz ins Mikrofon. Sie ist selbst Waldorfschülerin und genervt von den Klischees, die sie ständig hört. Außerdem sei es nicht die Schuld der Schüler, dass der Stadtkasse auf Jahre Millionen fehlen. „Sparen Sie nicht an der Jugend, sondern für die Jugend“, appellierte sie in Richtung Senat. Selbstbewusst und streitlustig, wie sie da auf der Bühne stand, musste jeder begreifen, dass das Bild vom verträumten Müsli-Schüler ins Reich der Fantasie gehört.

In einer nachgespielten Talkshow warfen sich Elft- und Zwölftklässler die Argumente der Privatschulen wie Bälle zu: Die gute Atmosphäre, das außergewöhnliche Engagment von Eltern und Lehrern . . . Die Schauspielerin Eva Matthes, deren Sohn in eine freie Berliner Schule geht, plädierte dafür, Privatschulen auch weiterhin für alle Eltern bezahlbar zu machen: „Es kann nicht sein, dass Sozialisten und Sozialdemokraten beginnen, Menschen nach sozialen Schichten auseinander zu dividieren.“ Schülersprecher erinnerten die Politiker an ihre Wahlversprechen, bei der Bildung keine Mittel zu kürzen. „Wir haben eher das Gefühl, die Bildung hat Priorität beim Sparen“, sagten sie. Teuer würde es zudem für die Stadt, wenn einige der freien Schulen schließen müssten und die Schüler an die öffentlichen Schulen wechselten.

Die „Stars“ der Kundgebung waren aber zweifellos der Berliner Bischof Wolfgang Huber und Weihbischof Wolfgang Weider vom Erzbistum Berlin. „Wir stehen zu unseren Schulen, und dabei bleibt es“, rief Huber unter jubelndem Pfeifen und Klatschen. Die Bischöfe dankten für die beispiellose Solidarität, die eine außergewöhnliche Demonstration für Freiheit und Verantwortung sei. Wertevermittlung gehöre ebenso zur Bildung wie das Auswendiglernen mathematischer Formeln oder Gedichte. Und deshalb leisteten die freien Schulen einen entscheidenen Beitrag zum Berliner Bildungswesen.

Huber forderte außerdem, dass der Schulsenator endlich klare Zahlen auf den Tisch lege, damit jeder nachvollziehen könne, wie viel ein Schüler auf einer staatlichen Schule das Land koste. Außerdem müsse es Planungssicherheit für die freien Schulen geben. Huber befürchtet, dass Schulsenator Klaus Böger jetzt zwar nur noch von zwei Prozent Kürzungen spreche und nicht mehr von sieben wie bisher, dann aber in zwei Jahren wieder zwei Prozent kürzen wolle und dann wieder.

Eine grundlegende Erhebung der genauen Zahlen über die Berliner Schüler hatte auch der Verfassungsrechtler Frank-Rüdiger Jauch am Donnerstag im Schulausschuss gefordert. Bögers Pressesprecherin Rita Hermanns hatte dem Tagesspiegel dazu am Freitag erklärt: „Es ist sehr schwierig herauszufinden, wie viel ein Schüler in einer öffentlichen Schule die Stadt kostet.“ Eine statistische Erhebung sei fast unmöglich, weil die Bildungskosten über sehr viele verschiedene Haushaltspläne verteilt seien. Die Schulgebäude zum Beispiel würden einerseits wegen der Liegenschaften zum Finanzressort gehören, im Renovierungsfall aber zum Bauressort.

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