Zeitung Heute : Sie verstehen es nicht

Das Pentagon fürchtet um das Bild Amerikas in der Welt – doch Bush will respektiert, nicht geliebt werden

Malte Lehming[Washington]

Eine Pentagon-Studie stellt fest: Der US-Regierung gelingt es nicht, ihre Politik der islamischen Welt verständlich zu machen. Wie kam es zu dem Ansehensverlust der USA? Und was wollen sie dagegen tun?

Warum hassen sie uns? Das fragten sich viele Amerikaner nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Nicht die Täter quälten Gewissensbisse, sondern die Opfer. Eine solche Reaktion, obgleich grotesk, war zu erwarten. Wem Schreckliches widerfährt, kann der Versuchung zur Selbstzerfleischung oft kaum widerstehen. Was habe ich falsch gemacht. Das Böse muss doch eine Ursache haben. Aus solchen Gedanken besteht die Grübelei. Befördert sie die Erkenntnis?

Jetzt wurde in Washington eine Studie veröffentlicht. Sie stammt aus der Feder des „Defense Science Board“. Das ist ein beratendes Gremium aus Zivilisten, das im Dienst des Pentagons steht. Die Analyse deprimiert: Die US-Regierung sei mit dem Versuch gescheitert, ihre Politik in der islamischen Welt angemessen darzustellen. Amerika verliere den „Kampf der Ideen“. Die US-Regierung habe es versäumt ihre Kommunikationsstrategien aus dem Kalten Krieg der neuen Bedrohungslage anzupassen. Zwar solle einer möglichst breiten Strömung in der islamischen Welt die Wertvorstellungen der westlichen Moderne nahe gebracht werden. Dabei werde jedoch der „strategische Fehler“ begangen, dass die „islamischen ,Massen’ reflexartig mit den Unterdrückten der sowjetischen Herrschaft“ gleichgesetzt und ihre Motivlage falsch verstanden würden. Es gebe zurzeit einfach keinen Kommunikationskanal, auf dem Muslime zu erreichen seien. Als Abhilfe wird die Gründung einer Kommunikationsabteilung empfohlen, die im Weißen Haus angesiedelt werden soll.

Der Befund ist eindeutig. Der alarmierende Trend wird durch eine Reihe von Umfragen bestätigt: Amerikas Ansehen ist auf einem Tiefpunkt. Doch was folgt daraus? Für die Feinde der USA, aber auch für viele Wohlmeinende ist die Antwort klar – Amerika muss sich ändern. Washingtons Politik muss ausgewogener, weniger aggressiv, weniger missionarisch, weniger selbstgerecht sein.

Am raffiniertesten setzt Osama bin Laden dieses Argument ein. Sein jüngstes Video ist ein Meisterwerk der Propaganda. Der Koran wird kein einziges Mal erwähnt, um dem Bild des religiösen Eiferers entgegenzuwirken. Stattdessen appelliert der Al-Qaida-Chef an die Amerikaner. Sie hätten es in der Hand, eine Regierung zu wählen, die nicht den Hass vieler Araber auf sich ziehe. „Glücklich sei, wer aus den Fehlern anderer lernt.“ Aus drei Quellen nähren sich im Nahen Osten die Ressentiments gegen die USA. Erstens: Im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern nehme sie grundsätzlich Partei für Israel. Zweitens: Die Despoten in der Region – Ägypten, Saudi-Arabien, Pakistan, die Golfstaaten – würden kritiklos unterstützt. Drittens: Die Kriege in Afghanistan und dem Irak zeugten von einem „schleichenden Imperialismus“. Seitdem TV-Sender wie Al Dschasira per Satellit empfangen werden können, wird diese Weltsicht täglich medial untermauert.

Als zwar unangenehm, aber kurzfristig weder behebbar noch bedrohlich wird der Ansehensverlust hingegen von der US-Regierung bewertet. „Nicht, was wir tun, provoziert die Terroristen, sondern unsere Existenz als größte und mächtigste Demokratie der Welt“, heißt es. Bin Laden habe Amerika 1996 den Krieg erklärt. Damals saß Bill Clinton im Weißen Haus, der Friedensprozess im Nahen Osten ließ hoffen. Der Aufstieg Al Qaidas falle in eine Zeit, in der Amerika zwar beliebt, aber nicht respektiert worden sei. Das ist in den Augen von George W. Bush das Problem: Die Feinde der USA werden durch Schwäche ermuntert, nicht durch Stärke provoziert.

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