Zeitung Heute : Sie will es wissen

Erika Kiss hat in Harvard und in Oxford studiert und gelehrt. Jetzt leitet sie eine Hochschule, das „European College of Liberal Arts“ in Berlin-Buch.

Esther Kogelboom

Erika Kiss, 37.

So eine wie sie, denkt man spontan, kann es gar nicht geben. Und wenn doch, dann ist sie bestimmt wahnsinnig eingebildet oder hat eine seltsame Macke. Und so machen wir uns an einem sonnigen Morgen auf nach Berlin-Buch, um das Phänomen Erika Kiss zu besuchen. Die in Budapest, Harvard und Oxford studiert und gelehrt hat. Und die jetzt, mit 37, Dekanin ist des European College of Liberal Arts, kurz: ECLA. Wir verfahren uns ein bisschen in Buch, stehen dann schließlich vor einem alten, von Efeu umgarnten Gebäude auf dem Gelände des Hufeland Klinikums. Neben Haus 214, das die Vorlesungssäle und das Dekanat beherbergt, befinden sich Ambulanzen und das Max-Delbrück-Institut für Molekularbiologie. Die Vögel zwitschern, Rasen. Eine Sekretärin holt Frau Kiss für uns aus der Vorlesung „Radical Anti-Violence: Tolstoy and Gandhi“. „Hi, there“, sagt sie, die ECLA-Sprache ist Englisch. Blonde, mittellange Haare, weiße Bluse, schwarze Jacke, Jeans, hohe Hacken, offenes Lächeln.

Sie kommen von überall her

Erika Kiss ist dabei, ihre Vision zu verwirklichen. Es war der Traum von einer besseren Uni, der sie jahrelang umtrieb. Eine Uni, die den Anforderungen der Zukunft gerecht wird: interdisziplinär, experimentierfreudig, streitbar. Eine intime Privat-Uni mit nur wenigen Studenten hat sie sich gewünscht. Und so geschah es: An der ECLA studieren gerade mal 55 junge Leute um die Zwanzig. Sie kommen aus Südafrika und Russland, aus Asien und Polen, aus Bulgarien und Deutschland. „Die Studenten lernen fast mehr voneinander, als wir ihnen beibringen“, sagt sie. Wenn Erika Kiss zur Mensa spaziert – ein Fußmarsch, der eine gute Viertelstunde Zeit verschlingt und über das Klinikgelände mit den unzähligen alten Backsteinbauten führt – redet sie jeden, dem sie begegnet, mit Namen an. Sie weiß auch viele Geschichte zu erzählen. Die von der jungen Frau, die in einem russichen Dorf wohnte und zwei Stunden mit dem Fahrrad zum nächsten Internet-Anschluss fahren musste, ist eine ihrer Lieblingssgeschichten. Jetzt studiert die tapfere Fahradfahrerin mit einem Stipendium an der ECLA, weil sie durch Zufall auf die Web-Seite stieß. Und sie ist sehr gut. „Wow“, sagt die Professorin, die sich um ihre Studenten wie eine Mutter kümmert. Eine Angewohnheit aus Harvard, erzählt sie, da war sie eine Art Spezial-Betreuerin für die Studenten: „Viele Frauen dort erkranken an Bulimie. Die Selbstmordrate und der Druck sind überdurchschnittlich hoch.“ Berlin-Buch ist keine Insel der Glückseligen, auch an der ECLA gibt es mündliche Prüfungen, Hausarbeiten, Leistungstets. „Doch mit individiueller Betreuung läßt sich einiges bewirken“, sagt Erika Kiss, die aus einer Budapester Anwaltsfamilie stammt und in der Nähe des Kollwitzplatzes in Prenzlauer Berg wohnt. Was treibt eine Frau an, die mit 22 Jahren an der Uni Budapest Vergleichende Literaturwissenschaften lehrt? „Ich wollte mehr wissen“, sagt sie und macht dabei ein Gesicht, als könne sie kein Lob mehr aushalten. Mehr wissen, das hieß zunächst zwei Jahre lehren, dann das Harvard–Stipendium, anschließend ein Fellowship in Oxford. Doch Frau Kiss merkt schneller, als ihr lieb ist: „Statt immer mehr, wusste ich am Ende immer weniger. Wenn du dich dumm fühlst, hast du ein höheres Level des Wissens erreicht.“ Sie lacht. Trotzdem: Verzweifelter Bildungshunger ist das wahrscheinlich, den sie hat. Vielleicht, wenn es so etwas gibt, litt sie lange Zeit unter Bildungs-Bulimie – dem Anhäufen von abfragbarem Wissen ohne Kontextbezug.

Während einer Summer School lernte sie die ECLA kennen und blieb gleich da. „Einen neuen Kanon zu entwickeln, erschien mit wesentlich interessanter als die Oxford-Karriere“, sagt sie und reibt sich die Augen. Müde? Nein, der Heuschnupfen ist heute besonders schlimm. „Re-thinking High Education“ nennt sie das, was sie tut. Das Beste aus Europäischer Tradition und Amerikanischem Pragmatismus nehmen und mischen, das sei ein wirksames Mittel gegen chronische Fachidiotie.

Und die Studenten? „Die verpassen keine Vorlesung“, sagt Erika Kiss. „Sie bezahlen schließlich und verlangen unglaublich viel von ihren Lehrern.“ Während die Mehrzahl der Studenten an den Berliner Unis sich gegen Studiengebühren zur Wehr setzt, an das Recht auf freie Bildung erinnert, die für jeden gratis zugänglich sein soll. Die ECLA kann sich nicht jeder leisten, hier werden Eliten gezüchtet, die Bewerber sind handverlesen. Elite – wie das schon klingt. Nicht besonders erlaubt. Nach Darwin auch. Und uncool, am Ende. Doch das ECLA-System funktioniert. Das, wofür man bezahlt, darauf hat man auch Anspruch. Ist nichts wert, was nichts kostet? Erika Kiss glaubt daran, dass ein Curriculum, der Zusammenhänge und eigenständiges Denken lehrt, die beste Vorbereitung auf das Leben ist. Und wenn nicht das Leben, dann steht den Absolventen immerhin die Aufnahme an internationale Elite-Colleges bevor.

Die zahlende Studenten-Familie lebt und lernt in ehemaligen DDR–Botschaften in Pankow. Manchmal, erzählt Erika Kiss, bekommt sie Anrufe von Eltern, die sich bei ihr bedanken möchten. Die würden sagen: Unsere Kinder sind wie verwandelt nach dem Academy Year. Sie können noch strukturierter argumentieren. – Eine Tugend, auf die man an der ECLA großen Wert legt. „Wenn es notwendig ist, setzen wir uns mit jedem Studenten einzeln hin und erklären ihm, wie man ein Essay schreibt“, erklärt Frau Kiss. „Denn das ist einfach.“ Und wie sie einen dabei ansieht, ist man versucht, ihr das auch zu glauben. Dass ein gutes Essay schreiben einfacher ist als am Otto-Suhr-Institut einen Sitzplatz mit Beinfreiheit zu finden.

Erika Kiss zieht ein paar lose Blätter aus ihrer Tasche – das Spring Term Curriculum. Die ersten drei Wochen: Victors and Victims of History. Dann: Reading The Modern City, Determinism and its Discontents, The Will to Illusion – Vienna Dreams, The Problems of Twentieth Century Politics und in der letzten Woche, die vergangenen Freitag abgeschlossen wurde, dreht sich an der ECLA alles um die Frage: What Happened to Truth? Zwischendurch werden immer wieder Filmnächte angeboten, man besichtigt das Sowjetische Ehrendenkmal im Treptower Park oder den Hamburger Bahnhof oder die Neue Nationalgalerie. Die ECLA orientiert sich am humanistischen Bildungsideal. Es geht um Verbindungen zwischen den einzelnen Disziplinen, Ideengeschichte, aber auch um die Verständigung der Kulturen. Um das Sich-Zurechtfinden in der modernen Gesellschaft, um Ursache und Wirkung.

Erika Kiss sitzt auf der Terrasse der Mensa und schlürft ihre Nudelsuppe wie die Studenten am Nebentisch. Die Spritzer, die auf ihrer Prada-Sonnenbrille landen, wischt sie lachend weg. Über Privates redet sie nicht gern: „Das ist uninteressant, wirklich.“ Vielleicht ist es das in der Tat. Straight, das war sie wohl schon immer. Komisch, zu beobachten, wie sie einem Lastwagen-Fahrer den Weg durch den Bucher Klinik-Uni-Dschungel erklärt. Deutsch kann sie noch nicht so gut. Aber sie schafft es. Der LKW-Fahrer versteht sie. Er winkt ihr sogar noch einmal zu. Sicher denkt er, sie sei eine Krankenschwester auf dem Weg zur S–Bahn.

Ein Mini-Labor am Stadtrand

An Runden Tischen von Bildungssymposien hat Erika Kiss manchmal dieses lästige Problem: nicht ernst genommen zu werden. Schief angeguckt zu werden zwischen den älteren Damen und Herren Akademikern. Doch sobald sie den Mund aufmacht, wird sie für gewöhnlich auch respektiert. Und wenn sie die Hand aufhält, bekommt sie meistens Geld – die ECLA finanziert sich auschließlich privat. Hauptsponsor ist die New Yorker Christian A. Johnson-Stiftung. In einer Stadt, in der es drei große Universitäten gibt, von denen eine zum Herbstsemster keine neuen Studenten aufnehmen will, ist da eine Institution wie die ECLA purer Luxus. Das Labor ECLA, das gerade mal knapp vier Jahre jung ist, hat in sich in dieser Zeit etabliert. „Mehr als 500 Studenten wollen wir aber hier nicht“, sagt Frau Kiss. „Dann könnten wir unserem Anspruch nicht mehr gerecht werden.“ Dann wäre auch das Verhältnis Lehrer–Schüler etwas anders. Im Moment liegt es bei eins zu acht.

Wenn das Bachelor- und Masterstudium eingeführt wird, wird den Studenten der ECLA ihr Academic Year als Grundstudium anerkannt. Das Academic Year kostet jeden Studenten inklusive Unterkunft 10 000 Euro. Die meisten haben dafür gejobbt, werden von den Eltern unterstützt oder nehmen einen Kredit auf. Das alles, um sich das Privileg eines neuen Curriculums leisten zu können. In Berlin-Buch lehren und lernen Menschen, die vieles anders und besser machen wollen, die mit der Massen-Universität nichts anfangen können und sich für ein Gespräch mit dem Professor nicht auf Wartelisten eintragen wollen. Die ECLA ist zwar „nur“ ein Mini-Labor am Stadtrand. Aber vielleicht kann sie nicht nur eine Kaderschmiede sein, sondern auch eine Impulsmaschine für unsere älteren Hochschulen.

Auf dem Rückweg von der Mensa zum Haus 214 begegnen uns zwei Studentinnen mit Picknickdecken unterm Arm. „Hi, there“, ruft Erika Kiss fröhlich. Dann zögert sie einen Moment. „Don’t you miss the Art-of-Seeing-Lecture?“ Rundumbetreuung heißt eben auch: rundum.

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