Zeitung Heute : Sie wollen im Recht sein

Viele irakische Frauen kämpfen für Freiheiten, die sie vor dem Krieg bereits hatten. Und dafür, dass sie die Zukunft des Landes mitgestalten können

Andrea Nüsse[Amman]

Nesrin al-Barwari hat nicht viel Zeit. Die junge, dunkelhaarige Frau im beigefarbenen Kostüm, einen eleganten Seidenschal über den Schultern, sitzt hinter ihrem Schreibtisch im ersten Stock des Hotels „Sindbad“ in Bagdad. Vor der Tür wachen Bodyguards mit Kalaschnikow. Die irakische Ministerin für öffentliche Arbeiten hat viel vor: Sie will nicht nur beim Wiederaufbau von Infrastruktur und Verwaltung anpacken. Die Kurdin will auch Demokratie und Bürgerrechte stärken – „so wie wir das in den kurdischen Autonomiegebieten seit 1991 getan haben“. Dazu gehören für sie vor allem die Rechte der Frauen. Doch dabei geht es weniger um eine Verbesserung der rechtlichen und gesellschaftlichen Lage der Frauen. Vielmehr kämpfen Bardawi und andere irakische Frauen dafür, den Status quo aus Vorkriegszeiten zu erhalten. Und die Bestrebungen islamistischer Kreise abzuwehren, die Rechte von Frauen im neuen, freien Irak einzuschränken. So führte die Ministerin Ende Januar eine Demonstration von etwa 500 Frauen in Bagdad an, die gegen die Einführung eines neuen Familiengesetzes protestierten. Sie war erfolgreich: Eine Mehrheit des provisorischen Verwaltungsrats (den 22 Männer und zwei Frauen bilden) ließ sich davon überzeugen, das säkulare Familienrecht von 1959 nicht abzuschaffen und durch die Regulierungen des islamischen Sharia-Rechts zu ersetzen. Einige islamistische Mitglieder verließen daraufhin erbost den Sitzungssaal. Sie können weiterhin nicht zu einer Heirat gezwungen werden, können eine Zweitfrau des Ehemannes ablehnen, haben volles Erbrecht und eine starke Position im Fall einer Scheidung.

Zwar waren Frauen genauso Opfer politischer Repression unter Saddam Hussein. Aber die rechtliche und gesellschaftliche Situation der irakischen Frauen war weit besser als in den meisten anderen arabischen Ländern. In der Verfassung von 1970 wurden Frauen gleiche Rechte garantiert. Im öffentlichen Sektor wurden Frauen gleiche Berufschancen, einjähriger Mutterschaftsurlaub und Schutz vor sexueller Belästigung per Gesetz zugestanden. So waren nach Statistiken von 1976 etwa 38 Prozent der Lehrer, 31 Prozent der Ärzte und 15 Prozent der Buchhalter Frauen. Die Frauen haben Wahlrecht und können in politische Ämter gewählt werden. Die Schulpflicht für die Grundschule auch für Mädchen wurde eingeführt und Alphabetisierungskampagnen führten dazu, dass nach Unesco-Angaben 1987 etwa 75 Prozent der irakischen Frauen Lesen und Schreiben konnten. Dahinter standen die Bestrebungen der Baath-Partei, wirtschaftlichen Fortschritt zu erreichen. Als Saddam Hussein nach dem ersten Golfkrieg verstärkt den Rückhalt tribaler Kreise suchte, machte er einige Errungenschaften wieder rückgängig: So konnten die Täter von sogenannten „Ehrenmorden“ mit Straffreiheit rechnen, was nach Angaben der UN zu einem Anstieg der Morde an Frauen führte, die angeblich die Familienehre verletzt hatten. Die wirtschaftliche Not durch Krieg und Sanktionen führte dazu, dass weniger Mädchen zur Schule geschickt wurden und die Alphabetisierungsrate von Frauen im Jahr 2000 nur noch bei etwa 25 Prozent lag, die niedrigste in der Region.

Nach der amerikanisch-britischen Invasion des Irak verschlechterte sich die Lage der irakischen Frauen weiter: Anarchie und Unsicherheit auf den Straßen, nach der Abschaffung von Armee und Polizei, führten dazu, dass viele Frauen das Haus nicht mehr verließen. Im Sommer 2003 gab es täglich Meldungen über Entführungen und Vergewaltigungen. Mädchen wurden nicht mehr in die Schule geschickt. Viele Kindergärten schlossen ihre Pforten, weil die Anfahrt zu gefährlich war. Doch diese Lage bessert sich langsam. 17 Frauenorganisationen kämpfen darum, bei den neuen politischen Weichenstellungen nicht übergangen zu werden. In der provisorischen Verfassung wurden Frauen 25 Prozent der Sitze im Parlament reserviert. Doch der Kampf auch zwischen den verschiedenen Strömungen unter den irakischen Frauen selbst geht weiter: So kündigte eine weibliche Sprecherin des Obersten Rates der islamischen Revolution (SCIRI) an, dass man die Kampagne für eine Islamisierung des Familienrechtes fortsetzen werde.

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