Zeitung Heute : Sieben Affen sollt ihr sein

Elfriede Jelinek light: Lukas Langhoffs „Die Kontrakte des Kaufmanns“ feierte Premiere

Lena Schneider

Aufruhr im Affenland. Ein großes, iPod-artiges schwarzes Gebilde ragt fremd aus einer Landschaft aus Felsen. Sieben Affen, gerade aus dem Horizont hervorgekrochen, stürzen erschrocken davon. Doch der Monolith hat seinen Zauber schon getan: Gleich wird einer der Affen zum Knochen greifen und seinen Artgenossen von der Wasserquelle wegknüppeln. Der Horizont leuchtet morgenrot, dazu Richard Strauß’ schicksalsschwere „Also sprach Zarathustra“-Klänge: Ja, hier dämmert was. Was Großes. Menschwerdung, und mit ihr die Gier.

Geklaut ist dieser Auftakt natürlich aus Stanley Kubricks Klassiker „2001: Odyssee im Weltraum“. Eine „Wirtschaftskomödie“ – so hat Elfriede Jelinek ihr Stück „Die Kontrakte des Kaufmanns“ genannt – stellt man sich eigentlich anders vor. Aber zum Glück offeriert Regisseur Lukas Langhoff weder Maßanzüge, Geldkoffer noch Zigarren. Stattdessen geht er mithilfe Kubricks in seiner Inszenierung, die am Freitag Premiere in der Reithalle A hatte, ganz zurück zum Ursprung des Habenwollens und zeigt, dass der menschliche Wettbewerbsgedanke eine ziemlich animalische Angelegenheit ist. Was damals der Tümpel war, ist heute Öl, Geld, Immobilie. Was damals der Knochen war, ist heute Bonität. Der Mensch, sagt Langhoff, ist nicht mehr als ein ziemlich eitles Tier – so ausgeklügelt seine Akkumulation von Besitz im 21. Jahrhundert auch sein mag.

Soweit, so naheliegend: Hier könnte eine Auseinandersetzung mit Jelineks Textmonster – geschrieben vor der Finanzkrise aber inzwischen längst zum „Stück der Stunde“ geworden – beginnen. Tut sie aber nicht. Die folgenden 90 Minuten verharren beim Affengedanken, etwas Neues kommt nicht wirklich dazu. Die sieben Schauspieler behalten weitgehend ihre Masken auf, aus dem Bühnenhimmel plumpst eine Kiste mit Klamotten, die Affen verkleiden sich als Menschen, versammeln sich zur Götzenanbetung, bauen sich zur „I’ve got the Power“-Aerobic-Einlage auf, zwischendurch reden sie von mildernden Umständen für Banker und singen sehr lustig von „Europa, der Opa“.

Einer (Simon Brusis) entdeckt schließlich, dass ihre Welt eine Bühne und also aus Pappmaché ist: „Klingt so vielleicht ein echter Stein?“ Brusis Alles-Fake-hier-Tirade macht Spass, sie spricht dem Betrachter des Bühnenbilds von Lukas Langhoff und Regina Fraas, das einem Hollywoodstreifen der Fünfziger entstammen könnte, aus der Seele. Und sie lässt sich bestens auf das Thema des Abends beziehen: auf jenen absurden Moment, als die Anleger nach dem Börsencrash 2008 merken mussten, dass ihre Gewinne so wenig real waren wie Felsbrocken im Theater. Eine andere Szene nimmt das ähnlich vergnüglich aufs Korn: Wenn ein Affe (wieder Simon Brusis) sich, versteckt hinter einem schmalen Palmenstängel aus Goldlametta, auf die Bühne pirscht und von den anderen darauf hingewiesen wird, dass er gut zu sehen sei. Was, antwortet er, außer sich: Man sieht mich?! Ähnlich naiv fassungslos hatten Banker, Anleger und Spekulanten angesichts der 2008 geplatzten Finanzblase reagiert: Was, fehlbar, wir?

Diese Momente sind Lichtpunkte in einem sonst ziemlich arglos dahin plätschernden Abend. An Ideenmaterial fehlt es ihm nicht – im Gegenteil, er bietet einen großen Stapel mal mehr, mal weniger gelungener Regieeinfälle, Musiknummern, Slapstick. Simon Brusis, Nele Jung, Friederike Walke, Christoph Hohmann, Marcus Kaloff, Philipp Mauritz und Florian Schmidtke ackern und schwitzen sich bravourös durch den Abend und wo es doch mal Jelinek zu hören gibt, schlagen sie sich bestens. Der Text scheint Langhoff aber insgesamt eher lästig gewesen zu sein. Der kalauernde, schwindelerregende Jelinek-Sound, der schon in sich vom weitgehend vergeblichen Versuch erzählt, das Monster Finanzwelt zu verstehen, klingt nur selten durch. Auch bei seinem „Macbeth“ hatte Langhoff den Autor weitgehend entsorgt – aber was bei Shakespeares Klassiker erfrischend war, geht hier nach hinten los. Wenn man bei Jelinek, die weder Geschichten erzählt noch Dialoge oder Figuren benutzt, die Sprache so verkürzt, dann bleibt nicht viel.

Bei der voltenreichen, selbstreflexiven und immer wieder wahnsinnig komischen Vorlage wäre das auch dann ein echtes Versäumnis, wenn Langhoffs szenisches Mäandern dem Textkonvolut etwas Starkes entgegenzusetzen hätte. Das aber bleibt aus. Übrig bleiben lose dahingestellte Szenen, sportlich gespielt vom Ensemble, die sich so oft auf die Verschrobenheit des Stücks beziehen, dass man fast das Gefühl hat, man wolle sich für die sperrige Textvorlage entschuldigen. Langhoffs Inszenierung geht dabei letztlich jene jelineksche, bei aller Komik stets mitschwingende essenzielle Dringlichkeit verloren, die immer auch Verzweiflung ist. Und wo die fehlt, machen auch die anderen Bühnenspäße keinen rechten Spass. Gejubelt wurde, den schwitzenden Schauspielern sei’s gegönnt, trotzdem.

„Die Kontrakte des Kaufmanns“ wieder am Mittwoch, 30. Juni, um 19.30 Uhr, in der Reithalle A, Schiffbauergasse. Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung. Kartenreservierung unter Tel.: (0331) 98 11 8

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