Zeitung Heute : Sieben bewegte Jahre für das Buch

Urban Media GmbH

Von Anne Strodtmann

„Die Staatsbibliothek ist eine Bibliothek, für die man einen langen Atem braucht.“ Dieses Resümee zieht der scheidende Generaldirektor, Antonius Jammers, der heute nach siebenjähriger Amtszeit in den Ruhestand tritt. Sieben Jahre, das sind in der 350-jährigen Geschichte der Staatsbibliothek ganze zwei Prozent – „nicht viel mehr als ein Atemholen“. Dennoch es war eine schwierige Zeit für die Staatsbibliothek, als Jammers am 1. März 1995 das Amt der Generaldirektors antrat.

Die Wiedervereinigung Deutschlands hatte nicht nur aus Berlin (Ost) und Berlin (West) eine Stadt gemacht, sie hatte es auch ermöglicht, die nach dem Krieg getrennten Bestände der einstigen Preußischen Staatsbibliothek wieder zusammenzuführen. Dieser Prozess war im März 1995 noch keineswegs abgeschlossen. Es brodelte im Haus selbst: Die Vereinigung der Bestände wurde durchaus nicht von allen Mitarbeitern mit Begeisterung begleitet. Umstritten war das „Zwei-Häuser-Modell“, wonach das Haus I Unter den Linden Präsenz- und historische Forschungsbibliothek werden sollte, während für den Scharoun-Bau in der Potsdamer Straße eine Informations- und Ausleihbibliothek mit den neueren Publikationen vorgesehen war.

Bücher auf der grünen Wiese

Noch im Sommer 1994 war ein Konzept entwickelt worden, in dem für die Verteilung der Bestände ein anderer Vorrang gegeben wurde. Und schließlich bezweifelte der Bundesrechnungshof, dass das Traditionshaus Unter den Linden – der berühmte Ihnebau – für viel Geld saniert werden müsste. Ein Neubau – entweder in unmittelbarer Nähe des Scharoun-Baus oder am Stadtrand auf der grünen Wiese – wäre viel kostengünstiger zu haben. Es war, wie Jammers gesteht, zeitweilig sehr deprimierend, mit ansehen zu müssen, dass wertvolle Zeit mit dieser Debatte ins Land ging, während kostbare Bestände in unzureichend ausgestatteten Magazinen im Ihnebau gefährdet waren. Um so erfreulicher war es, dass schließlich eine Expertenkommission das Konzept einer Staatsbibliothek in den beiden angestammten Gebäuden bestätigte. Das ganze Verfahren hatte letzten Endes eine Verzögerung der notwendigen Sanierungsarbeiten von zwei Jahren mit sich gebracht.

Inzwischen ist die Sanierung des Hauses Unter den Linden kein Problem mehr: Das gesamte Fundament ist erneuert worden. Es wird ein neuer großzügiger Lesesaal gebaut, der den einstigen, in der DDR-Zeit gesprengten Kuppelsaal ersetzt. Auch die von der DDR errichteten vier Büchertürme verschwinden – die sahen nicht nur wie Silos aus, sie waren auch genau nach dem Muster von Getreidesilos konzipiert worden.

In die Amtszeit von Jammers fiel auch ein tiefgreifender Bewusstseinswandel: Endlich setzte sich auf breiter Basis die Erkenntnis durch, dass eine Institution wie die Staatsbibliothek nicht nur das nationale Erbe sammeln und in ihren Magazinen wegschließen darf, sondern dieses Erbe auch sorgfältig pflegen und für die Nachwelt erhalten muss. Das bedeutet, dass gefä hrdete und bereits geschädigte Handschriften, Drucke und Karten ständig restauriert werden müssen, und nicht vorwiegend dann, wenn man sie für Ausstellungen aus den Archiven hervorholt. Kurz vor Weihnachten 1999 konnte die moderne Restaurierungswerkstatt eingeweiht werden, in der auch von Zerstörung bedrohte Handschriften und Drucke nach dem Papierspaltverfahren behandelt werden. Nicht zuletzt durch die Tatsache, dass rund 1400 der 8000 Blätter mit Notenhandschriften von Johann Sebastian Bach so schwer geschädigt waren, dass sie allein durch dieses Verfahren für die Nachwelt zu erhalten waren, ist die Öffentlichkeit auf diese Arbeitsmethode aufmerksam geworden.

Jammers regte große Spendenaktionen an, damit die Restaurierung von Büchern, aber auch der Bachhandschriften umgesetzt werden kann. Am Ende seiner Amtszeit kann Jammers bilanzieren, dass etwa 70 Prozent der mittel- und schwer geschädigten Bach-Autographen bereits restauriert sind. Rund eine Million Euro sind in dieses bislang größte Restaurierungsprojekt, das unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten steht, bereits investiert worden. Für den Rest werden noch 500 000 Euro benötigt. Jammers ist zuversichtlich, dass auch dieses Geld zusammenkommen wird. Als Erfolg kann Jammers für sich verbuchen, den Gesamtetat für Restaurierungsmaßnahmen vervierfacht zu haben: von einer Million Mark, die bei seinem Amtsantritt zur Verfügung standen auf vier Millionen – das sind heute zwei Millionen Euro. „Wenn es meinem Nachfolger gelingt, diese Summe zu verdoppeln, werden wir ein ganzes Stück weiter sein. Allerdings,“ gibt der scheidende Generaldirektor zu bedenken, „eine Steigerung von zwei auf vier Millionen Euro dürfte schwieriger sein, als von einer auf vier Millionen Mark.“

Ein wichtiges Anliegen war für Antonius Jammers die Pflege der Kontakte mit den osteuropä ischen Nachbarn. Seine erste Auslandsreise hatte ihn nach Krakau geführt, wo in der Jagellonischen Bibliothek zahlreiche Bücher und wertvolle Handschriften aus den Beständen der Staatsbibliothek aufbewahrt werden, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in polnischen Besitz gelangten. Jammer wollte die Schriften an ihren ursprünglichen Standort zurückführen lassen. Aber das ist bisher nicht gelungen. So pocht er weniger auf Besitzansprüche als auf Kooperation. Wichtiger als eine Rückführung sei ein gutes Verhältnis der Zusammenarbeit und Information über die Bestände.

Stadtpläne für Polen

So hat die Staatsbibliothek mit der Landesbibliothek Stettin gemeinsam ein Projekt zur Bestandserhaltung durchgeführt. Daraus entstand eine Ausstellung, die nicht nur in Stettin, sondern auch in Thorn und Warschau gezeigt wurde. Wie sehr es auf den Verständigungswillen ankommt und weniger auf Besitzansprüche, hat Jammers auch bei einem anderen Beispiel praktiziert: Aus der Zusammenarbeit mit den polnischen Kollegen war eine Ausstellung mit Stadtplänen polnischer Städte entstanden, die zum Teil früher zum deutschen Reich gehört hatten, noch früher aber von Preußen nach den polnischen Teilungen vereinnahmt worden waren.

Gerade aus dieser Zeit gibt es zahlreiche Karten und Pläne in der Berliner Bibliothek, während die Polen nur einen Bruchteil davon in ihren Bibliotheken besitzen. Jammers ist es jetzt gelungen mit Hilfe der Krupp-Stiftung hochwertige Kopien dieser Pläne für die Polnische Nationalbibliothek anfertigen zu lassen. „Der Mensch besteht aus Plänen“, sagte Jammers. Und so hat er auch schon einige Pläne für die Zeit nach seiner Arbeit an der Spitze der Stabi. „Zuerst brauche ich einmal Distanz, um so zu leben wie ich möchte.“ Später beabsichtigt Jammers, sich um den musikwissenschaftlichen Nachlass seines Vaters zu kümmern. Nicht zuletzt liegen bereits mehrere Meter Bücher bereit, die er bisher nicht hat lesen können und „auf die ich mich sehr freue“.

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