Zeitung Heute : Sieben Tage und eine Ewigkeit

Meike Fessmann

Ein Kopf, berstend voll mit Träumen, Phantasien, Frustrationen. Ein Bewusstsein, zum Zerreißen gespannt, nahe am Wahn. Wer hier eintritt, der lasse alle Hoffnung fahren. Denn es ist die Hölle einer Innenwelt, die nach Erlösung schreit. Liebe ist für Maria Clara etwas, das es zu erringen gilt. Alles, was sie denkt, alles, was sie erfindet, bestreitet und sich immer wieder anders zurechtlegt, zielt auf einen monströsen Liebesbeweis: dem todkranken Vater "ein ganz klein bisschen weniger gleichgültig als die anderen" gewesen zu sein. Aber es ist auch der Himmel. Das merkt man, wenn das Buch nachklingt: in seinen Motiven, seinem Rhythmus, dem Refrain der Wiederholungen, die zusammenhalten, was auseinanderstrebt, zerstückelt und zerhackt wird. "Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht" ist auch eine Schöpfungsgeschichte. In sieben Tagen erschafft eine junge Frau die Welt, ihre Welt: den Innenraum eines verletzten Menschen.

Als der Vater nach einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert wird, zieht sich Maria Clara heimlich auf den Dachboden zurück. Der verbotene Raum kann betreten werden. Dort findet sie eine Truhe, die offenbar dem Vater gehört, angefüllt mit Erinnerungsstücken, Fotos, Nippes und Kram. Die Familie des Vaters wurde stets totgeschwiegen, so als gäbe es sie nicht. Er stammt aus kleinen Verhältnissen, die Mutter aus einer Großgrundbesitzerfamilie in Mosambik. Und so sitzt die Tochter, Tag für Tag, stundenlang auf dem Dachboden ihres bürgerlichen Elternhauses im vornehmen Lissaboner Vorort Estoril und erfindet für ihren Vater eine Familie. Keine Musterfamilie, kein Traumgespinst einer besseren Welt, sondern Mütter, Tanten und Geschwister (die Männer spielen eine geringere Rolle), die Zeichen jener Deklassierung tragen, die die eigene Mutter mit großer Leidenschaft bei ihren Dienstboten und den "armen Leuten" hervorhebt. Armut riecht, Reichtum nicht, das ist eines der Motive, die sich durch den Roman ziehen. Was Maria Clara im Geheimen treibt, ist ein einziger Bemächtigungsversuch, eine nachgetragene Liebe, die den Vater nicht wirklich erreicht und doch in alle Ritzen des Erzählvorgangs ausstrahlt. Es ist ein Einspruch gegen den drohenden Tod. Der Moment des Erwachsenwerdens, die unwiderrufliche Trennung von den Eltern, wird ins Unendliche gedehnt.

Zeit und Raum, die Koordinaten unseres Realitätsbewusstseins, gibt es nicht in diesem Roman. Die Erzählzeit umfasst sieben Tage des Jahres 1999 (so lange wie der Vater im Krankenhaus bleibt). Sie springt aber nicht nur in die Kindheit der Erzählerin zurück, sie greift auch zehn Jahre voraus in eine mögliche Zukunft. Dorthinein imaginiert sich Maria Clara mit Mann und Sohn, in eine "Armeleutewohnung", mit dem Kainsmal der Deklassierung auf der Stirn. Die Figuren, die sie erfindet, wehren sich gegen den Bemächtigungswunsch. Sie widersprechen, korrigieren, tauschen die Namen. In diesem Meer der Wörter, deren Zusammenhang durch Zeilensprünge, Einschübe, Buchstabenauslassungen und Wortverdrehungen erschwert wird, gibt es immer wieder Inseln unmittelbar evidenter Sinnbilder. Wie Rettungsinseln ragen sie hervor. Sie leuchten weit und helfen dem Leser, das Abenteuer der Lektüre zu bestehen.

Vorhölle des Grauens

Das Foto des Vaters als Knabe, der im Sonntagsstaat auf einem Holzpferd sitzt, das Erinnerungsbild der Frau mit Zigarette, die sie eines Tages in seinem Auto sah, und das ihr bei der ersten Zigarette wieder in den Sinn kam (und so zu einer subtilen Identifikation mit der vermuteten Geliebten des Vaters führt). Erfindungen wechseln sich mit ihrer Dementierung ab. Mit kaum zu überbietender Raffinesse überlagert Lobo Antunes Verbergungs- und Realisierungsstrukturen. Da wird behauptet und gleich wieder in Frage gestellt, dass der Vater sein Geld mit Waffenexporten verdient - "Araber und Neger", Jugoslawen und Juden gaben sich im heimischen Wohnzimmer anscheinend ein konspiratives Stelldichein -, da wird der Tod einer Figur zum Beweis genommen, dass es sie gegeben haben muss, da erfinden die Figuren ihre Erfinderin neu und legitimieren damit deren Schöpfungsleistung just in dem Moment, wo sie sie bestreiten. Die Besuche im Krankenhaus durchlöchern die Welt des inneren Phantasmas. Eine sterile Vorhölle kalt gestellten Grauens. Wie kaum ein anderer erfasst Lobo Antunes, selbst jahrelang praktizierender Psychiater, die Stimmung in Krankenhäusern: diese Mischung aus Normalitätssehnsucht und routinierter Achtlosigkeit. Die Scham des Vaters, der, seines Gebisses beraubt, mit Schläuchen am ganzen Körper und herabhängendem Urinbeutel zum Tattergreis entwürdigt wird. Sein Blick, der an die Decke geht, um all die hilflosen Verwandten mit den unsinnigen Pralinenschachteln und Keksdosen nicht sehen zu müssen. Der Arzt, der die schöne Schwester der Erzählerin mit Blicken auszieht, während er den Puls prüft und das Handgelenk des Patienten "vorsichtig wie einen Ziergegenstand auf die Bettdecke" zurücklegt.

Für die Heillosigkeit der Liebe, die Maria Clara ihrem Vater anträgt, findet António Lobo Antunes ein einprägsames Bild. Monatelang hat das Mädchen ihr Taschengeld gespart, um dem Vater einen liebevoll ausgesuchten Füller mit eingraviertem Namen zu schenken. Er, der seinen Töchtern nichts schenkte als "allenfalls stummes Missfallen" nimmt ihn mit vagem Dankeschön entgegen und versenkt ihn achtlos in der Schale mit billigen Kugelschreibern. "Morgen, wenn niemand da ist, werde ich den Füller der unendlichen Monate Taschengeld, den ich in einem unverzeihlichen Augenblick meinem Vater geschenkt habe, zur Birnenschale auf der anderen Seite der Gartenpforte legen und vielleicht lege ich mich gleich dazu, bis ein Schuh oder die Zeit in einem Tod, der die Gestalt eines allerletzten Knackens annimmt, auf uns treten."

António Lobo Antunes hat mit diesem Roman, der im portugiesischen Original im letzten Jahr erschienen ist und einen Gedichttitel von Dylan Thomas aufnimmt, sein Schreiben weiter radikalisiert. Mit "Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht" ist António Lobo Antunes der Grenze zur Unlesbarkeit so nah gekommen wie noch nie. Für den Leser bedeutet das eine ungeheure Anspannung. Und zugleich einen ganz außergewöhnlichen Reiz. António Lobo Antunes hat die Kunst des modernen Romans in eine so schwindelerregende Höhe getrieben, dass, wer mithält, mit einer Art Gipfelerlebnis belohnt wird. Ist es mehr als das Selbstüberwindungsgefühl der Hochleistungssportler, der Schrei des "I did it"?

Ein Roman, zu lesen als Gedicht

"Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht" ist trotz seines Umfangs das Gegenteil dessen, was die Verlage gern als "opulenten Roman" bezeichnen. In gewisser Weise ist seine Struktur paradox. Er kombiniert die Verfahrensweise der Reduktion, also die Ausdünnung all dessen, was den Erzählvorgang geschmeidig macht (die Geschichte, die Handlung, das Ausschmücken durch Vergleiche und Adjektive), mit dem Mittel der Anreicherung. Die Wörter werden aus ihrem angestammten Bedeutungsfeld herausgelöst und gehen dann neue Verbindungen ein, die nur im Binnenraum des Textes einleuchtend sind. Das ist kein episches, sondern ein poetisches Verfahren. Und es heißt nichts anderes, als dass dieser Sechshundertseitenroman dem Leser abverlangt, ihn wie ein Gedicht zu rezipieren. Die Geschichte von Maria Clara, die im Angesicht des Todes die Zeit anhalten will, ist also auch der Roman einer Autopoiesis. In "Anweisung an die Krokodile" hat sich Lobo Antunes in die Körper und Phantasien von vier Frauen hineinversetzt. Fatalerweise starb die Mutter seiner drei Töchter am gleichen Krebs wie Mimi, eine der Romanfiguren. Ein Jahr lang konnte der Autor, der zur selben Zeit auch enge Freunde verlor, nicht mehr schreiben. Mit Maria Clara hat er sich und sein Werk noch einmal neu erfunden: in Gestalt einer jungen Frau, die ihre ganze Phantasie aufbietet, um den Tod ihres (Gott-)Vaters abzuwenden.

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