Zeitung Heute : Siebtklässler auf dem Stand von Drittklässlern

Der Tagesspiegel

Berlins Hauptschulen sehen nur noch zwei Wege, um ihre Misere in den Griff zu bekommen: Die Verschmelzung mit Realschulen und die Aufstockung der Lehrerstellen. Mit nur einem Lehrer pro Klasse werde man den Problemen nicht mehr Herr, lautet nahezu übereinstimmend die Bestandsaufnahme der Hauptschulleiter. Mit ihren Forderungen konfrontierten sie am Dienstagabend Bildungssenator Klaus Böger (SPD) anlässlich einer Podiumsdiskussion über Pisa und die Konsequenzen für die Hauptschule.

Unerbittlich wurde der Senator mit bedrückenden Schilderungen des Hauptschul-Alltags konfrontiert. Immer wieder war die Rede von Siebtklässlern, die auf dem „Wissensstand von Drittklässlern“ sind. Von Konflikten im Klassenraum, die von einem Kollegen allein nicht zu händeln seien. „In Skandinawien gibt es Psychologen an den Schulen, wir müssen drei Monate auf einen Termin beim schulpsychologischen Dienst der Bezirke warten“, beschrieb Siegfried Arnz vom Arbeitskreis der Berliner Hauptschulleiter das tägliche Dilemma.

Wie katastrophal schon die Ausgangslage ist, wird deutlich, wenn man sich die Zusammensetzung der Schülerschaft ansieht. Da Berlins Hauptschulen nur etwa zehn Prozent eines Jahrgangs aufnehmen, bekommen sie „die zwei bis drei schwierigsten Kinder jeder Grundschulklasse“, so Arnz. An diesen Kindern sei schon die fünfte und sechste Grundschulklasse völlig vorbeigelaufen, ergänzte eine andere Hauptschulleiterin. Um diese Klassen zu einem Hauptscshulabschluss zu führen, brauche man mehr als nur etwas kleinere Klassen. Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass man so nicht weiterkomme. Ein Steglitzer Lehrer ging noch weiter in seiner Bestandsaufnahme.

Er stellte in den Raum, dass Hauptschulen längst keine Schulen mehr seien, sondern „Auffangbecken“ für die Problemfälle unserer Gesellschaft. Dies aber sei bereits seit 20 Jahren bekannt und dennoch habe niemand daraus die Konsequenzen gezogen.

Senator Böger gab zwar zu, keine fertigen Konzepte für die 15000 Schüler der Hauptschulen zu haben. Er halte es aber „in der Tat für sinnvoll“, bestehende Kooperationen von Haupt- und Realschulen als Regelform anzuerkennen und diese Kooperation auszuweiten. Auch der besseren Lehrerausstattung wollte er sich nicht generell verweigern. Allerdings bedeute dies, dass er an anderer Stelle etwas wegnehmen müsse. Als Beispiel nannte er extrem kleine Leistungskurse, die sich immer noch viele Gymnasien leisten. „In der Oberstufe müssen wir manches kassieren“ kündigte er an. Auch die Europaschulen nannte er als Beispiel für Ausstattungsvorsprünge, die vielleicht zugunsten der Grund- und Hauptschulen eingeschränkt werden müssten.

Berlins Hauptschulen müssen sich allerdings nicht davor fürchten, demnächst mit den anderen deutschen Hauptschulen verglichen zu werden. Petra Stanat vom Max-Planck-Institut für Bildungsforscshung kündigte an, dass es einen bundesweiten Vergleich der Hauptschulen nicht geben werde, da die Bedingungen in den einzelnen Ländern zu unterschiedlich seien. So besuchen in Bayern rund 30 Prozent eines Jahrgangs die Hauptschulen. Es liege auf der Hand, dass die Leistungen nicht vergleichbar seien. Böger appellierte an die Hauptschulen, beim neuen Pisa-Test für eine gute Beteiligung zu sorgen. sve

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben