Zeitung Heute : Sieg der Sterne

Zehnmal DDR-Meister – der BFC Dynamo galt als verwöhnt von den Schiedsrichtern. Geehrt wird er nun trotzdem

Mathias Klappenbach Michael Rosentritt

Der Stürmer ist weit ins Abseits gelaufen. Aber die Fahne des Linienrichters, der das am besten sehen müsste, bleibt unten. Auch Schiedsrichter Klaus Scheurell zeigt keine Reaktion, nur die Zuschauer schreien entsetzt auf. So kann Dynamo im Dezember 1978 das 1:1 gegen Dynamo schießen. Der Berliner FC Dynamo, kurz BFC, bekommt gegen Dynamo Dresden ein Tor zuerkannt, das keines ist, und am Ende der Saison wird der Lieblingsklub von Stasi-Chef Erich Mielke zum ersten Mal Fußballmeister der DDR. So wie in den folgenden neun Jahren. Klaus Scheurell sagt heute: „Das war wohl Abseits.“

Für zehn Meistertitel darf sich jeder deutsche Fußballverein drei Sterne auf das Trikot nähen. Bisher durfte das nur der FC Bayern München. Der wurde seit Einführung der Bundesliga 1963 17 Mal Meister. Der BFC Dynamo, Rekordmeister der DDR, wollte auch drei Sterne. Der Deutsche Fußball-Bund entsprach jetzt diesem Antrag.

Doch für viele ostdeutsche Fußballfans hat die Ehrung einen Makel. Der BFC war in der DDR verschrien als Schiebermeister. In den Stadien wurden die Berliner oft mit dem Transparent „Wir grüßen den DDR-Meister und seine Schiedsrichter“ empfangen. Die Schiedsrichter selbst haben sich zu diesem Makel nach der Wende selten geäußert. Nun tun sie es, und gestehen – wenn auch vorsichtig – Fehler ein.

Am Karfreitag wird der BFC mit dem neuen Ehrensymbol auf der Brust gegen die Amateure von Energie Cottbus auflaufen. In der vierten Liga. Heute Abend steigt in Berlin-Hohenschönhausen die „Drei-Sterne-Osterwasser-Party“, mit falschem Hasen und grünen Bohnen für fünf Euro. Das gefällt nicht jedem.

Hans-Jürgen Dörner, 54 Jahre alt, Dresdner und ein Fußballheld, Dörner, der es auf 100 Länderspiele für die DDR brachte, hat einen Satz Erich Mielkes aus dem Jahr 1978 bis heute nicht vergessen. Damals hatte Dynamo Dresden das dritte Mal hintereinander den Titel gewonnen. Auf der anschließenden Feier sagte Mielke, dass die falsche Dynamo- Mannschaft Meister geworden sei. Erst später, als ein Meistertitel nach dem anderen nach Berlin ging, machten sich die Dresdner so ihre Gedanken. „Zehn Mal hintereinander – das schafft man normalerweise nicht, nicht die Bayern und nicht Real Madrid. Beim BFC wurde ein bisschen nachgeholfen“, sagt Dörner. Für ihn steht außer Frage, dass der BFC „eine sehr gute Mannschaft mit vielen Nationalspielern hatte“ und heute dem Klub für zehn Meistertitel drei Sterne zustünden. Doch ein Nachgeschmack bleibe.

Die Jahre des BFC gehörten zu den markantesten des DDR-Fußballs. Der Klub, der von der Zollverwaltung, dem Ministerium des Innern und dem Ministerium für Staatssicherheit getragen wurde, galt als „Stasi-Verein“. Mielke war Ehrenvorsitzender, zu Europapokalreisen durfte die Mannschaft sein Dienstflugzeug nehmen. Manche Entsendung von talentierten Spielern aus der Republik zum BFC und fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen führten zu Tumulten in den Betrieben. Den Unwillen des Volkes bekamen auch die Spieler zu spüren. Thomas Doll, der heute den Hamburger SV trainiert und 1986 von Hansa Rostock zum BFC entsandt wurde, erinnert sich: „Bei meinem ersten Spiel in Rostock nach dem Wechsel haben 30000 Fans geschrien: Doll, du Schwein.“ Die Spieler wurden ausgepfiffen oder angespuckt „von kleinen Jungen durch den Zaun“, erzählt Doll.

Jürgen Bogs hat das auch alles erlebt. Bogs ist 58 und war Trainer des zehnmaligen Meisters. „Drei Sterne und jetzt vierte Liga, das passt zwar nicht, aber wir waren ein Opfer der Wende.“ Wo zum Beispiel die vielen Transfermillionen aus den Verkäufen der Spieler geblieben sind, weiß heute niemand so genau. Und dass den zehn Titeln ein Makel anhaftet, mag Bogs so nicht verstehen. „Der Schiedsrichterskandal, den der DFB heute am Hals hat, ist wohl eine andere Nummer“, sagt Bogs. „Vielleicht ist früher mal die Fahne eines Linienrichters unten geblieben, aber neulich wurde Hertha BSC um zwei klare Tore gebracht, weil ein Linienrichter zweimal auf Abseits entschied.“

Fehlentscheidungen gab es immer im Fußball, sagt Klaus Scheurell, der damals bei Dynamo gegen Dynamo falsch entschied. „Die Hälfte aller kleinen Entscheidungen in einem Spiel findet in einer Grauzone statt, in der man so oder so entscheiden kann“, sagt er. „Man müsste Manipulationen schon nachweisen. Bei mir hat es jedenfalls keine gegeben.“ Scheurell findet es gut, dass der BFC die Sterne bekommt.

Dass damals auf dem Platz nicht alles nach Mielkes Wunsch lief, beweisen viele Pokalfinals, die der BFC verlor. Dafür hat Hans-Jürgen Dörner eine simple Erklärung: „Da diese Spiele live im Fernsehen zu sehen waren, waren sie nicht so leicht verpfeifbar.“ Verteilt auf 26 Oberligapunktspiele „war eher was möglich“.

Das Oberligaspiel zwischen Lok Leipzig und dem BFC am 22. März 1986 kam nicht im Fernsehen. Schiedsrichter Bernd Stumpf gab in der letzten Minute einen Elfmeter für den BFC, der zum 1:1 führte. Schon länger gab es schriftliche Proteste selbst von SED-Mitgliedern, die eine klare Bevorzugung des BFC in vielen Spielen sahen, dieses Mal waren sie so heftig, dass nicht nur der Fußballverband um sein Ansehen und das der DDR besorgt war. Schiedsrichter Stumpf wurde auf Lebenszeit gesperrt.

Heute trainiert Christian Backs den BFC. Als Spieler war er an sieben der zehn Meisterschaften beteiligt. Die Zuteilung der Sterne ist für den 42-Jährigen eine Anerkennung dafür, „dass auch in der DDR Fußball gespielt wurde, dass Vereine zu Titeln und Ehren gekommen sind“. Es habe umstrittene Entscheidungen gegeben, sagt Backs, aber er könne 20 Jahre später nur den Kopf über die Frage schütteln, „ob nun sieben, acht oder neun Titel gerecht“ waren. „Wir hatten damals eine Supermannschaft. Daher kann man heute nicht sagen, das war alles nichts wert.“

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