Zeitung Heute : Sieg im Schatten

Martin Hägele

Eine halbe Stunde nach der letzten Eisschnelllauf-Entscheidung im Olympic Oval nahm Roland Hanke, der Chefredakteur des Fachblattes "Kufenflitzer", seinen Fotoapparat und lichtete die dicht gedrängte deutsche Sportpresse bei ihren Abschluss-Interviews mit Claudia Pechstein und Anni Friesinger ab. In der nächsten Ausgabe des Organs der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft soll dieses Bild erscheinen, darunter wird wohl ein Text stehen mit der Aussage: noch nie war Eisschnelllauf in Deutschland so populär. Und tatsächlich: Nie zuvor haben sich die Medien mehr um diese Sportler gekümmert, die ansonsten jenseits der großen Sponsoren und Fernsehmillionen ihre Eisrunden drehen. Nun sind Claudia Pechstein und Anni Friesinger doch noch Stars - zuerst inszenierten sie den "Zickenzoff" in der Boulevardpresse, nun holten sie Goldmedaillen in Salt Lake City. Friesinger eine, Pechstein zwei.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Am letzten Tag der Eisrennen jubelte nur eine: Claudia Pechstein. Die Berlinerin aus dem Neubaubezirk Marzahn, die bisher nur im Schatten ihrer Konkurrentinnen lief. Früher war es der Schatten von Gunda Niemann, diesmal ist es Anni Friesinger, die in allen Listyle-Magazinen posiert und die Klatschspalten mit Geschichten von ihrem großen Busen füllt. Jene Anni Friesinger, die den ostdeutschen Läuferinnen immer vorgeworfen hat, sie seien verklemmte Zeitgenossen. In Salt Lake City konnte Claudia Pechstein diese giftigen Schlagzeilen vom Duell langweilige Ossi-Frau gegen peppige West-Frau endlich vergessen. Denn neben ihren beiden Medaillen hat sie noch zwei Titel gewonnen, zwei inoffizielle: erfolgreichste deutsche Wintersportlerin und erfolgreichste Eisschnellläuferin aller Zeiten. Beide Titel klingen etwas künstlich - aber irgendwie muss man ja ausdrücken, dass Claudia Pechstein alle überholt hat mit vier goldenen, einer silbernen und zwei bronzenen Medaillen.

Wie ordnet man so etwas nun am wirkungsvollsten ein? Joachim Franke, der Trainer Pechsteins und mit 17 olympischen Medaillen der fleißigste Sammler seiner Gilde, versuchte es so: "In Lillehammer und Nagano hat sich Claudia gegen eine Gunda Niemann durchgesetzt, die gleichsam in den Sternen schwebte. Und nun noch dieser Sieg in einer Traumzeit." Pechstein hat Anni Friesinger geschlagen und noch einen Weltrekord der holländischen Marathonläuferin Gretha Smit unterboten. Und wie hat die 30-Jährige das gemacht? Sie erstellte sich einen Marschplan, beschloss, pro Runde eine Sekunde schneller zu sein als sie jemals zuvor und spulte einen Weltrekord auf die Eisbahn. So einfach ist das für sie. Auf dem Eis.

Und danach? Da war fast alles wie früher. Pechstein versuchte, ihren Sieg über 5000 Meter zur Aufbesserung ihres Images zu nutzen. So war es schon in Nagano: Krampfhaft hatte ihr damaliger Manager Werner Köster dahergeredet, um den Olympiasieg als Glücksfall an potenzielle Geldgeber zu verkaufen. Nun, in Salt Lake City, als es wieder darum ging, Ruhm in Geld umzusetzen, sprach die Siegerin davon, "dass die Drähte schon glühen" zu Sponsoren, "und mein Management von mir in die Spur gesetzt wird". Es klang irgendwie angestrengt.

Sie wird es nur schwer los, dieses Langweiler-Image, das ihr die Medien verpasst haben. Ein Image, das sich aus ihrer Lehrzeit in der Kinder- und Jugendsportschule speiste. Und aus ihren ersten Erfolgen auf den Eisbahnen der sozialistischen DDR. Dabei kann Claudia Pechstein auch lachen und einfach mal loslassen. Mit einer schwarz-rot-goldenen Perücke rannte sie in Salt Lake City übers Eis, winkte den Zuschauern zu. Ihre Berater von der Firma Grengel, die auch die Stadionzeitschrift von Hertha BSC herausgeben, waren auf die Idee mit der Haarpracht in Landesfarben gekommen. Vielleicht sah die Verkleidung ein bisschen komisch aus, in der Pechstein herumtanzte. Vielleicht war aber gerade sie der Durchbruch - der Durchbruch zu allen deutschen Sportfans, der Durchbruch zu den Leserschichten jenseits des ostdeutschen Klatschmagazins "Super Illu". Kein Wunder, dass Bundespräsident Johannes Rau zu den ersten Gratulanten gehörte.

Doch auch bei dieser Begegnung zeigte sich, dass Claudia Pechstein manchmal noch der Sinn für die Bedürfnisse der Medienwelt fehlt. Denn Rau nahm zuerst die populäre Anni Friesinger, die sich auf der langen Distanz total verausgabt hatte und Sechste geworden war, in den Arm. Als verspätete Gratulation und aktuellen Trost schenkte ihr der Präsident je ein Küsschen links und rechts. Als kurz darauf die Siegerin von ihrer Ehrenrunde zurückkehrte und vorm höchsten Repräsentanten ihres Heimatlandes stand, wirkte alles distanzierter, nicht so locker. Für Pechstein zählt eben vor allem der Sieg. Und nicht das öffentliche Bild.

Als Claudia Pechstein am Ende ihre Perücke wieder abnahm, sah man ihre kurzen, braungefärbten Haare. Die Frisur hat sie sich erst kurz vor den Olympischen Spielen zugelegt. Sie wolle nicht mehr das Aschenputtel sein, sagte sie. Und damit ihr das endlich alle glauben, fuhr sie mit einem Fotografen auf Inlineskates durch die Berliner Straßen. Ein guter Werbegag. Doch am Ende stand er wieder nur in der "Super Illu".

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