Zeitung Heute : Siegen lernen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Am Anfang war der Mann, an dieser Legende kann kein Darwin und kein Genforscher etwas ändern. Sie ist so alt wie poetisch einleuchtend. Was immer die Forscher erforschen und wie exakt sie es auch beweisen können, die Welt der Mythen werden sie damit nicht zerstören. Schon weil sie so schön sonntäglich ist.

Morgen, das wollen wir gern zugestehen, morgen kommt ein neuer Tag mit einer neuen Geschichte. Und was den morgigen Morgen betrifft, so wird er sogar den Beginn eines ganz speziellen Tages markieren. Richtig. Internationaler Frauentag! Die Kolleginnen (Schwestern? Genossinnen? Mitbürgerinnen?) aus den neuen Bundesländern werden gleich in verzückt ostalgische Erzählungen an Blumen- und-Likör-Orgien ausbrechen. In Wessiland kannten viele Frauen diesen speziellen Feiertag nicht mal dem Namen nach. Ging schlicht an ihnen vorbei.

Vielleicht waren sie einfach nicht westlich genug. Denn sogar, und nun halten Sie mal die Luft an, sogar die britische Queen höchstselbst lädt aus diesem Anlass hoch arrivierte Ladies wie Cherie Blair, Heather McCartney und Joanne K. Rowling in den Buckingham Palace zum Lunch. Man sollte wirklich denken, dass Elizabeth II. über so einem internationalen Frauentag mit sozialistischem Hintergrund steht. Ihre Vorgängerin Elizabeth I. war schließlich schon Jahrhunderte vor der Erfindung der Emanzipation eine mächtige Frau.

Klar, nicht-royale Normalo-Frauen mühen sich ansonsten überall, im Lebenskampf um Einfluss und Reichtum aufzuholen. Allein in Berlin gibt es ungezählte Netzwerke, in denen Frauen versuchen, den Millionen Jahre währenden Vorsprung der Männer im Machterlangen-durch-Seilschaften-knüpfen innerhalb einer einzigen Lebenskarriere einzuholen. Dass eine Frau, deren Antlitz schon auf Millionen Münzen geprägt stand, sich mit derlei abgibt, erscheint dennoch sehr verwunderlich. Vielleicht will sie einfach den demokratischen Zeichen der Zeit entsprechen. Zu den Lunchgästen zählen schließlich nicht nur die führenden Damen der britischen Gesellschaft, sondern zum Beispiel auch die erste Frau, die 1978 einen U-Bahn-Zug fuhr.

Am Anfang war der Mann, das glauben wir gerne. Aus den vielen guten Gründen, die es gegeben haben mag, eine Frau dazu zu erfinden, sticht dieser besonders heraus: Es gab ein bisschen was zu feilen, zu verbessern. Frauen waren also nun diejenigen, die immer offen für Neues waren, jederzeit auf Empfang gestellt, also potenziell dem Fortschritt zugewandt. Männer liebten feste Zusammenhänge und die Möglichkeit, ihre eigenen beschränkten Vorstellungen durchzusetzen, notfalls mit Gewalt, für die ihnen die Natur ja auch einen Vorsprung an Körperkräften gegeben hat. Sicher, Männer haben ihre lichten Momente, Beispiele sind hinreichend bekannt. Leider bemühen sie sich in der Masse nicht in gleicher Weise wie die Frauen um zusätzliche Vorteile. Aber nicht nur die Machtergreifung durch Seilschaften lässt sich erlernen. Auch die Begrenzung roher Körperkräfte zugunsten der unendlichen Weiten, in die einen vorurteilsfreie Aufnahmebereitschaft tragen kann, könnte näherer Betrachtung lohnen. Vielleicht fehlt ja nur der Internationale Männertag.

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