Sieger in der Kategorie "Mittelstand" : Teil des Teams

Die Firma Herold legt Parks und Gärten an – und schaut dabei zuerst auf die Stärken ihrer Mitarbeiter.

Jeder nach seinen Fähigkeiten. Volker Lottner (57) ist nach einem Arbeitsunfall in der Werkstatt des Garten- und Landschaftsbaubetriebs im Einsatz.
Jeder nach seinen Fähigkeiten. Volker Lottner (57) ist nach einem Arbeitsunfall in der Werkstatt des Garten- und...Foto: Björn Kietzmann

Ein Mann wie ein Baum – das ist eine Beschreibung, die auf Volker Lottner passt. Doch wenn der 57-Jährige auf der Baustelle ist und seinen Kollegen beim Tragen helfen möchte, dann heißt es: „Volker, geh an die Seite“ oder „Setz dich ins Auto“.

Die Kollegen wissen Bescheid: Seit einem Arbeitsunfall in einer Kfz-Werkstatt im Jahr 1978 hat Volker Lottner schwere Probleme mit dem Rücken. Die Lendenwirbel eins bis vier sind kaputt, er kann nicht lange stehen, nicht lange sitzen, nicht lange gebückt stehen, nicht heben. Dennoch ist er eine geschätzte Arbeitskraft in dem Unternehmen, das ihn seit 1999 beschäftigt: Die Herold Ingenieurgesellschaft für Landschafts- und Gartenbau (Galabau) in Gesundbrunnen legt Privatgärten, Parkanlagen und repräsentative Grünflächen an. Vergangenen Montag wurde sie mit dem Berliner Integrationspreis 2012 in der Kategorie „Mittelstand“ ausgezeichnet. Von insgesamt 28 Mitarbeitern beschäftigt sie vier behinderte Mitarbeiter.

Volker Lottner kommt einem vor wie ein Zwei-Meter-Mann. Dabei ist er keine 1,90 Meter groß. „Das wirkt so, weil ich den aufrechten Gang geübt habe“, sagt er. Auch in seiner Arbeitskraft könnte man Lottner leicht falsch einschätzen. Doch bei Herold Galabau war man von Anfang an bemüht, nicht seine Schwächen in den Vordergrund zu stellen, sondern auf seine Stärken aufzubauen. Firmengründer und Geschäftsführer Joachim Herold sagt: „Wir müssen für jeden Mitarbeiter ein Einsatzgebiet finden, mit dem er und wir zufrieden sind.“ Dass er auch behinderten Bewerbern eine Chance gibt, ist für Herold eine gesellschaftliche Verpflichtung.

Das Schöne ist: Durch die verschiedenen Bau-, Pflanz-, Pflege- und Wartungsarbeiten gibt es bei dem Berliner Betrieb ein umfangreiches Aufgabengebiet. Volker Lottner steht jetzt in seiner dunkelblauen Arbeitsmontur an der Werkbank. Hier liegen eine Kettensäge, eine Motorflex, mit der man Steine schneidet, eine Motorheckenschere. Den Rasenmäher mit der gebrochenen Achse, der auf dem Boden der Werkstatt auf die Reparatur wartet, kann Lottner nicht anheben. Dafür gibt es aber an der Seite der Werkbank einen Flaschenzug. Ums Eck ist Lottners Büro; von hier aus bestellt er Ersatzteile für die Reparaturen. „Da kann ich mich auch mal hinsetzen und den Rücken gerade lassen“, sagt er.

Volker Lotter lag nach seinem Unfall ein dreiviertel Jahr im Krankenhaus, zwei Jahre lang war er krankgeschrieben. Neben dem Rücken wurde auch ein Nerv in der rechten Hand beschädigt. Sie ist leicht angeschwollen, inzwischen kann er wieder die Finger bewegen und eine Faust machen. Viel Kraft ist nicht mehr in den Fingern, aber „zum Gitarre spielen reicht es“, sagt Lottner.

Nach dem Unfall wurde er innerhalb seines Unternehmens umgeschult und arbeitete dort noch einige Jahre. Dann machte der Berliner Standort dicht. Lottner belegte Fortbildungen, unter anderem zum Bürokaufmann. Doch der erhoffte Job blieb aus. „Ein 40 Jahre alter Bürokaufmann ohne Berufserfahrung? Keine Chance auf dem Arbeitsmarkt!“, weiß Lottner heute.

Durch eine private Arbeitsvermittlung stieß er schließlich auf die Herold Galabau, die einen Mitarbeiter für verschiedene Werkstattarbeiten suchte. „Zuerst haben wir einen Vertrag auf Probe aufgesetzt“, sagt Geschäftsführer Joachim Herold. Nach einem Jahr sei klar gewesen, dass die Zusammenarbeit funktioniert. Lottner arbeitete sich ein und kümmert sich heute auch um den Platz auf dem Firmengelände. Wenn Lieferungen kommen und der Gabelstapler bereitsteht, kann Volker Lottner mit anpacken. „Sonst hilft auch mal der Chef“, sagt er. Außerdem macht Lottner Fahrten zu den Baustellen und kleinere Schlosserarbeiten. Die Abwechslung, berichtet er, ist Balsam für den Rücken.

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