Zeitung Heute : Sieger in Runde zwölf Der neue Mann in Madrid:

José Luis Zapatero

Ralph Schulze[Madrid]

Seine Kollegen sagen, sie hätten ihn noch nie wütend erlebt. „Bambi“ nennen sie ihn angeblich auch. Doch nach seinem überraschenden Wahlsieg konnte man am zukünftigen spanischen Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero durchaus Willensstärke beobachten: „Mit Sicherheit werden die spanischen Soldaten im Irak vor dem 30. Juni abziehen“, sagte er am Montag. Mit diesem Versprechen war er bereits in den Wahlkampf gegangen.

Kritiker hatten dem 43-Jährigen vor der Wahl vorgeworfen, zu sanft mit den regierenden Konservativen umgegangen zu sein. Aber vielleicht braucht Spanien jetzt einen Mann, der fähig ist zum Kompromiss, um das Land nach den verheerenden Anschlägen von Madrid zu einen. Sein Stil der Politik ist der Dialog. Welch Unterschied zu seinem Vorgänger, dem konservativen Ministerpräsidenten José Maria Aznar, der am liebsten einsam, allein und kompromisslos entschied. Und gegen den Willen der meisten Spanier, als er Soldaten in den Irak entsandte.

Zapatero wird seine Fähigkeit zuzuhören und zu überzeugen auch dringend brauchen, denn ohne absolute Mehrheit wird er sich im Parlament unter den kleinen Parteien Verbündete suchen müssen. „Der neue Weg“, taufte Zapatero seine Art, Politik zu machen, und er sagt, dass seine Berufung mit der Erinnerung an seinen Großvater zusammenhängt. „Ich sterbe und ich vergebe“, hatte sein Opa Stunden vor seiner anstehenden Hinrichtung aufgeschrieben: 1936 wurde der republikanische Armeeoffizier im spanischen Bürgerkrieg von Truppen des faschistischen Generals Franco erschossen. „Hier beginnt meine Biografie“, sagt Zapatero.

Das Streben nach Gerechtigkeit und Versöhnung markiert seitdem das Leben dieses jungen Mannes, der auf einer Jesuitenschule in der Provinz erzogen wurde. Er studierte Recht, stieg aber nach einem kurzen Zwischenspiel als Universitätslehrer gleich in die Politik ein: Sein Talent am Rednerpult und am Verhandlungstisch brachte ihn schnell nach oben. Mit 26 wurde er für die Sozialistische Arbeiterpartei (PSOE) als jüngster Abgeordneter ins Parlament gewählt. 13 Jahre später, mit 39, übernahm er den Vorsitz der Partei und brachte sie auf den Kurs einer modernen, zur Mitte tendierenden Sozialdemokratie. Ein Vollblutpolitiker, zwar ohne Regierungserfahrung – hinter dessen ruhiger Art sich jedoch ein sicherer Machtinstinkt verbirgt.

Das bekamen Spaniens Sozialisten zu spüren, als Zapatero vor vier Jahren in einem Überraschungscoup den Parteivorsitz einnahm. Er, der Außenseiter, setzte sich auf dem Parteitag gegen den Favoriten, den Kandidaten des Partei-Establishments, José Bono, durch. Der Nobody Zapatero stieg über Nacht zum neuen Hoffnungsträger der spanischen Linken auf. Schnell sprach die Basis von einem „neuen Felipe González“, jenem berühmten Vorzeige-Sozialisten, der die Geschicke Spaniens und der Partei in den 80er und 90er Jahren lenkte. Zapatero bekennt, ein Bewunderer jenes Mannes zu sein, der 1996 nach einer Reihe von Skandalen die Macht an die Konservativen abgeben musste. Und gelegentlich erlaubt er sich den Spaß, den sozialistischen Übervater im kleinen Kreis und ziemlich gut zu parodieren.

„Alle Regierungen, die auf den Azoren den Irakkrieg geschürt haben, werden die Wahlen verlieren“, prophezeite Zapatero im vergangenen Jahr. Der Visionär sollte am Ende Recht behalten. Mit den spanischen Konservativen stürzte nun die erste jener drei Kriegsparteien, die auf den portugiesischen Azoren-Inseln den Angriffsbefehl gegen den Irak unterschrieben. Aber bis zu den Anschlägen von Madrid sah es nicht danach aus: Wahlentscheidend war wohl, dass sich viele Spanier über Aznar geärgert hatten, der zunächst die Eta als Hauptverdächtige für die Bomben bezeichnet hatte. Sie glauben offenbar, Aznar habe sie täuschen wollen, damit die Anschläge nicht als Folge seiner Außenpolitik gewertet würden. Der überraschende Sieg Zapateros passt auch zu den Aussagen seines früheren Professors, der über den Parteichef sagt: „Er ist ein Kämpfer, der in den ersten vier Runden Schwierigkeiten bekommt und dann immer mehr den Kampf bestimmt.“

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