Zeitung Heute : Sieger wie sie Wirklich groß wird der Film durch die Bilder des Alltags

Drei Supersportler kämpfen für mehr als nur Medaillen in der Filmdoku „Gold – Du kannst mehr als du denkst“.

Graue Wogen, eine schier endlose Weite, so fliegt die Kamera, so fliegen wir zu Beginn des Films übers Meer. Nichts als Wasser und Menschenleere vor dem offenen Horizont. Fast ein Schock dann – oder eine Erlösung? –, als das Auge irgendwann in der Tiefe einen einsamen Schwimmer entdeckt. Wir wissen da noch nicht, ob Mann oder Frau und wer überhaupt. Aber es muss ein sehr kühner Mensch sein, so allein und fern offenbar von jeder Küste: ein winziges Stück Leben, das sich in der Welt bewegt, im riesigen Raum.

Wie sinnfällig dieses harte und doch poetische Bild für Michael Hammons Dokumentarfilm „Gold – Du kannst mehr als du denkst“ tatsächlich ist, wird später auf vielfältige Weise klar. Hammon und seine Drehbuchautoren Andreas F. Schneider, Ronald Kruschak und Marc Brasse erzählen von drei behinderten Menschen, die trotzdem Supersportler sind. So geht’s in die kenianischen Savannen, in ein lehmstaubiges Dorf zu dem mit 20 Jahren plötzlich erblindeten Langstreckenläufer Henry Wanyoike. Zu Kurt Fearnley, dem australischen Rennrollstuhlfahrer ohne Beine. Zur deutschen Schwimmerin Kirsten Bruhn, die infolge eines Motorradunfalls seit über 20 Jahren querschnittgelähmt ist. Alle drei sind bereits Weltrekordler, Weltmeister, Sieger, ihr gemeinsames Ziel heißt „Gold“ – bei den Paralympics in London 2012.

Natürlich ist das ein Sportfilm. Mit grandiosen Fahrt-, Lauf-, Schwimmszenen, mit der fabelhaften Eröffnung der Spiele im jedes Mal ausverkauften Londoner Olympiastadion, mit den Marathons durch die sommer- swingende City. Mit intelligenten, anrührenden Interviews, die auch den Schock der Behinderung bei den Betroffenen nicht aussparen. Nicht den Kampf gegen Depressionen, Verzweiflung, Todesgedanken. Alle drei aber haben auch Partner, Familien, liebende, kluge, einfühlende Mitmenschen. Und selbst wenn’s in London nicht nur Gold wird, gefeierte Champions und materiell versorgt sind sie schon dank ihrer Lebensleistung und ihres Vorbilds. Dass das, was man äußerlich sehen kann, dennoch nie alles ist, das ahnt man, wenn auch mal Oscar Pistorius durchs Bild läuft. Menschen haben Gründe und Abgründe. Menschen wie sie und wir.

Doch wirklich groß wird der Film, indem er die jeweilige Behinderung gerade nicht vergessen macht, sondern durch die Bilder des Alltags, des alltäglichen Trainings den mitreißenden Kampf gegen das Handicap dokumentiert. Sisyphos siegt. Wenn etwa Kurt Fearnley mit seinem tollen Kopf und seinem kindkleinen, doch muskelbespannten Körperstumpf aus eigener Kraft durch die australischen Dünen robbt – und dann auf den Wogen surft. Oder Kirsten Bruhn, am Ende ist sie es, die sich im weiten Meer nicht verliert, sondern: gewinnt.

Peter von Becker ist Kulturautor und war jahrelang Chef des Tagesspiegel-Kulturresorts, er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und ist Autor mehrerer Fernsehdokumentarfilme.

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