Sigmar Gabriel und der Prophet Micha : Als der SPD-Chef noch ein Falke war

"Schwerter zu Pflugscharen" und "Schwerter zum Flughafen". Unser Kolumnist Bernd Matthies wundert sich ein bisschen darüber, wie Sigmar Gabriel vor Rüstungsbossen aus seiner Jugend plaudert. Eine Glosse.

Gabriel und die Rüstungsbosse. Branchendialog nannte sich die Veranstaltung am Freitag. Der SPD-Chef outete sich dort als Nicht-Pazifist.
Gabriel und die Rüstungsbosse. Branchendialog nannte sich die Veranstaltung am Freitag. Der SPD-Chef outete sich dort als...Foto: dpa

Zeit für den Propheten Micha. Er ist heute nicht mehr so arg populär, hat uns aber was zum Nachdenken hinterlassen: „Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden zurechtweisen in fernen Ländern. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Kein Volk wird gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden fortan nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“

Daraus ist mit allerhand theologisch-exegetischer Begleitmusik das Motto „Schwerter zu Pflugscharen“ geworden, das einst von der DDR-Friedensbewegung getragen wurde und heute so eine Art profanes deutsches Glaubensbekenntnis darstellt. Spieße zu Sicheln machen wollte niemand, vermutlich, weil schon die Erfahrungen mit dem Traumpaar Hammer&Sichel eher negativ ausgefallen waren.

Aber was sollen wir nun von Sigmar Gabriel halten, dem Vorsitzenden einer Partei, in der das mit den Pflugscharen quasi Teil der Programmatik ist? Ach nö, hat er jetzt nach einem Treffen mit den Chefs mehrerer Rüstungsfirmen verraten, er habe das immer ein bisschen anders gesehen: Als Jugendlicher bei den Falken habe er mal ein Plakat mit den Worten „Schwerter zum Flughafen“ gedruckt.

Ja, so was Flapsiges. Ist dem Mann denn nichts heilig? Ach, man muss wohl erklären, was das überhaupt bedeutete: Damals blickte ja die gesammelte Linke der Welt nach Mittelamerika, wo die Sandinisten kämpften, schwer beladen mit dem Erbe Che Guevaras. Wer in Deutschland auf sich hielt, der sammelte für ihre Bewaffnung, und das Ergebnis hätten natürlich sinnbildliche Schwerter im Flieger Richtung Nicaragua sein können. Oder, etwas später, „Waffen für El Salvador“. Geflogen sind dann allerdings keine Waffen, sondern nur Hans-Christian Ströbele, der dem Vernehmen nach neben dem gesammelten Geld auch einen selbst gebackenen Christstollen mitnahm zu Nutz und Frommen der lateinamerikanischen Guerilleros.

Im Falle Sigmar Gabriels ist das allerdings nie aktenkundig geworden. Es wäre also denkbar, dass er da ein ganz kleines bisschen geflunkert hat, um die Rüstungsbosse zu erheitern. Denn als er Schüler war, so Ende der Siebziger, ergab sein Flughafen-Spruch ohne den Hintergrund der DDR-Friedensbewegung eigentlich kaum einen Sinn. Aber die Botschaft ist klar: Hier zeigt einer Kontinuität im Kampf gegen Unterdrücker. Der arme Prophet Micha muss wohl noch lange auf seine Zeit warten.

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