Zeitung Heute : Sigmund Freuds Kokain-Studien

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Der junge Assistenzarzt am Wiener Allgemeinen Krankenhaus stand noch ganz am Anfang seiner medizinischen Karriere. Seine bisherigen histologischen und hirnanatomischen Versuche waren nicht so vielversprechend verlaufen. „Ach“, schrieb er also an seine Verlobte, „jetzt kommt die Sorge, sich zu behaupten, Neues zu finden, was die Welt in Atem hält…“ So kam Sigmund Freud zum Kokain.

Das Alkaloid war gut 20 Jahre zuvor aus den Kokablättern isoliert worden, der Stoff also bekannt. Wenig erforscht war dagegen sein möglicher therapeutischer Nutzen. Freud erwarb 1884 ein Pröbchen beim Pharmahersteller Merck und machte sich an die Arbeit.

Freud schien zu glauben, eine Art Allheilmittel in den Händen zu halten, das nicht nur leistungssteigernd wirkte und zum Aphrodiasikum taugte, es versprach auch ein probates Mittel gegen Verdauungsstörungen, depressive Verstimmung und Auszehrung zu sein. Vor allem aber gedachte er seinem süchtigen Freund und Lehrer Ernst Fleischl von Marxow damit den Morphiumentzug zu erleichtern. Die Euphorie, mit der Freud seine anfänglichen Erfolge und seine eigenen Drogenerfahrungen kommentierte, ist ihm später von seinen Kritikern zum Vorwurf gemacht worden. Tatsächlich nahm die Therapie Fleischl von Marxows einen katastrophalen Verlauf. Nach einer kurzen Phase der Abstinenz verfiel er erneut dem Morphium, Kokain nahm er zusätzlich.

Zu Freuds Verteidigung muss man sagen, dass erstens die Kriterien bei der Durchführung wissenschaftlicher Studien im 19. Jahrhundert andere waren als heute, Kokain zweitens vollkommen legal verkauft wurde. Bis 1903 gehörte die Droge zur Rezeptur von CocaCola, und noch im Ersten Weltkrieg fand man sie auf jeder Sanitätsstation des Heeres. Übrigens sind auch Heroin und Amphetamine nicht auf natürlichem Weg in die Welt gekommen, sondern als ein Triumph der Pharmaforschung.

Tatsächlich distanzierte sich Freud in der 20er Jahren von seinen Kokain-Versuchen, insbesondere über seine späteren Koka-Studien schrieb er, sie wären besser nie erschienen. Da war es freilich schon zu spät. Freuds Schriften hatten das Ihre zu der Legende beigetragen, Kokain sei eine vergleichsweise ungefährliche Droge, die dem Intellekt Flügel verleiht, eine Legende, die nach Freud noch viele kreative Köpfe fortschreiben sollten. lat

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