Zeitung Heute : Signale aus dem All für Europas Straßen

Der Tagesspiegel

Von Joachim Marholdt

Einen klangvollen Namen hat es bereits, das aus 30 Satelliten bestehende europäische Navigationssystem. „Galileo“ soll von 2008 an dem amerikanischen GPS (Global Positioning System) Konkurrenz machen. Entsprechend groß sind die Hoffnungen, die die EU-Kommission damit verbindet.

Galileo bietet demnach die Voraussetzung für Milliardengeschäfte und für technologische Kompetenz in Europa. Investitionen von etwa 3,5 Milliarden Euro in den nächsten Jahren sollen Einnahmen von gut 18 Milliarden Euro gegenüberstehen. Man erwartet in Brüssel außerdem 140 000 neue Arbeitsplätze; vor allem in der noch aufzubauenden Geräte-Industrie.

Noch sind allerdings die USA quasi Monopolisten auf dem schnell expandierenden Navigationsmarkt. Die russischen Glonass-Satelliten, die genauso wie die GPS-Flotte Produkte des Kalten Krieges sind, stehen für zivile Nutzung nicht zur Verfügung. Beide aus Dutzenden von Satelliten bestehenden Systeme sollten ursprünglich helfen, Raketen und Marschflugkörper genau ins Ziel zu bringen. GPS, das 1991 im Golfkrieg Premiere hatte, bringt heute Autofahrer, Piloten und Wanderer in aller Welt ans Ziel.

Das allerdings nicht so genau, wie es eigentlich möglich wäre. Denn nach wie vor haben die amerikanischen Militärs ein wachsames Auge auf die GPS-Daten; sie werden für die Allgemeinheit künstlich verschlechtert. Gelegentlich schalten die USA auch mal den GPS-Empfang für ganze Weltregionen ab, wie während des Kosovo-Konfliktes.

Ein Flughafen lässt sich mittels GPS wunderbar finden; einen Airliner aber satellitengesteuert landen zu lassen, das würde derzeit keine Fluggesellschaft wagen. Genau solche Dienste aber wollen die Europäer mit Galileo anbieten. Da die Flugsicherung satellitengestützt erfolgen könnte, wären Luftstraßen überflüssig. Die Maschinen flögen auf direktem Weg zum Ziel; das spart Sprit und verkürzt Flugzeiten. Navigationssysteme würden bald zur Standardausrüstung von Autos gehören. Weit vorausblickende Szenarien zeigen sogar das aus dem Orbit gesteuerte fahrerlose Automobil. Galileos Ortungsgenauigkeit läge im Zentimeterbereich - zehnmal genauer als GPS.

Ähnlich präzise ließen sich Züge steuern, Zugabstände verkürzen, bodengestützte Kontrollanlagen einsparen. Theoretisch könnte man sogar auf den Lokführer verzichten. Auch Schiffe ließen sich aus dem All genauestens navigieren. Sogar für Banker und Börsianer hätte Galileo etwas zu bieten: Die mit Atomuhren ausgerüsteten Satelliten in rund 24 000 Kilometern Höhe könnten genauestens den Zeitpunkt von Geschäftsabschlüssen dokumentieren.

Für die europäische Raumfahrtindustrie zeichnet sich ein Milliardengeschäft ab durch Aufträge für die insgesamt geplanten 30 Satelliten . In Brüssel heißt es klar: Galileo ist vergleichsweise billig. Seine Kosten entsprechen denen von 150 Kilometern Autobahn. Und in Europa baue man 1200 Kilometer Autobahn pro Jahr . . .

Auch die US-Bedenken in puncto Sicherheit akzeptieren die Europäer nicht. Im Konfliktfalle ließen sich auch die Galileo-Satelliten abschalten, heißt es in Brüssel, so wie es mit den GPS-Satelliten geschah.

Die EU-Verkehrsminister stehen aber unter einem weiteren Druck: Wenn sie jetzt nicht dafür sorgen, dass bis zum Jahre 2005 ein Galileo-Satellit fliegt und funkt, sind die von der Weltfunkkonferenz im Jahre 2000 zugeteilten Frequenzen unwiderruflich verloren. Sie würden dann an China oder die USA vergeben, die sie ebenfalls beantragt hatten. Und zwar für eigene Satelliten-Navigationssysteme.

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