Zeitung Heute : Silber, Kupfer und Teufels-Macht im Erzgebirge

Marlis Heinz

Durch die Spalten zwischen den Brettern fallen ein paar Sonnenstrahlen in die Dunkelheit und lassen Umrisse erkennen: das alte Gebälk des Hauses, riesige Schmiedehämmer, Werkzeuge, eine kostbar beschlagene Truhe ... Dann ein lautes Tönen, ein greller Lichtschein - und eine Figur taucht auf: der Hütten-Matthes, jener Schmiede-Meister, der einst mit dem Teufel paktierte. Das war damals, kurz nachdem der wissbegierige russische Zar Peter I. im September 1711 die Hütte besucht hatte und auf dem tonnenschweren Hammer geritten war ...

Ein runde halbe Stunde dauert das lehrreiche Ein-Personen-Stück, das Legende und Geschichte der Saigerhütte von Olbernhau miteinander verwebt. Wer Glück hat, findet es auf dem Veranstaltungskalender. Und wer 150 Mark hat, für den wird es gesondert aufgeführt - auf Wunsch auch mit Punsch, Münzpräge-Meisterprüfung und glücksbringender Hufeisenschmiederei.

Auch wenn die Legende so schön gruselig ist - halten wir uns an die belegte Historie. Die ist nämlich besonders genau niedergeschrieben, denn die 1537 gegründete Saigerhütte, damals sozusagen ein High-Tech-Unternehmen der Buntmetallurgie, riss sich schon dreißig Jahre später mit ziemlich miesen Tricks Sachsens Kurfürst unter den Nagel. Seitdem wird in dem bis 1990 produzierenden Staatsbetrieb säuberlich Buch über jedes Detail geführt. Die in Dresden aufbewahrten Akten, erzählen alles über die technischen Abläufe und Geschäftsbeziehungen, nennen jeden Schulmeister, Richter, Physikus und Brauer mit Namen, verzeichnen jeden Krankheitsfall und jeden Gesetzesverstoß. Sie war wie eine kleine Stadt, die Sai-gerhütte im erzgebirgischen Olbernhau. Eine Mauer drumherum sollte vor neugierigen Blicken und Nachfragen sowie später auch brandschatzenden Söldnern schützen. Denn hier wäre zu erfahren gewesen, so der Bergschreiber, "wie man die Kupfer verarbeitet und ihnen das Silber entzieht", durch das Saigern nämlich.

Dieser geheime Bericht ist in der "Collectanea", einer Sammlung des Bergamtes von Nachrichten aus dem Bergbau aufbewahrt, die sich heute im Bestand des Bergarchives Freiberg befindet. Publik wurde diese streng geheim gehaltene Kunst erst 1555, als Georgius Agricola im neunten Buch seines Werkes "De re metallica" das Saigern erstmals ausführlich erläuterte.

Im 19. Jahrhundert wurde dieses Verfahren durch andere Technologien, nach 1876 schrittweise durch die Elektrolyse abgelöst. Damit erlebte die Anlage, in der 1853 letztmalig gesaigert wurde, ihren Wandel zum Walzwerk. Und als auch keiner mehr ein Walzwerk gebrauchen konnte, erlebte sie 1990 einen weiteren Wandel - vorerst nur einen Wandel ins Nichts. 600 Walzwerker wurden arbeitslos.

Die Stadt Olbernhau erwarb ein paar denkmalgeschützte Objekte. "Wir waren blauäugig", sagt Bürgermeister Steffen Laub heute, da auf dem damals unansehnlichen Industrie-Areal die touristischen Visionen zu Realitäten gedeihen. Bald begannen Haus für Haus die Sanierungsarbeiten; sogar die Hüttenknappschaft wurde neu gegründet. Die Wiederbelebung des technischen Denkmals wird wissenschaftlich von einem Kuratorium begleitet, dem unter anderem der Rektor der Bergakademie Freiberg und Museumsdirektoren aus ganz Deutschland angehören. Rund 20 Jahre Bauzeit und 30 Millionen Mark Investitionen sind veranschlagt, bis die Saigerhütte - die einzige Anlage dieser Art in Mitteleuropa - als Komplex vollendet ist. Knapp die Hälfte an Zeit und Geld ist aufgebraucht. Aber es ist schon so viel geschafft, dass es sich bereits lohnt, nicht nur wegen der Landschaft oder der Holzkunst nach Olbernhau zu kommen, sondern auch wegen der Hütte.

Sie gehört zu den 59 Museen, Schauanlagen, Besucher-Bergwerken und Sammlungen zwischen Freiberg und Dresden, die zur Museumstour "Silberstraße 2000" animieren. Diese "Silberstraße" - Anfang der Neunziger Jahre wurde sie zur ersten Ferienstraße Sachsens - gibt es namentlich seit 1484. Damals tönte das "Bergkgeschrey" von reichen Funden durch die Lande, da kamen die Bergleute und all jene Glücksritter, die welche werden wollten. Ihnen folgten Händler und Handwerker, Bauleute, Wissenschaftler und Künstler. Sachsen galt bald als das reichste Land des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Daran hatte die Saigerhütte wesentlichen Anteil. Zu sehen sind allerdings nur noch die wenigsten originalen Anlagen aus der Entstehungszeit. Wieder ausgegraben wurden Öfen, Herde und ein Pochwerk, so dass der Besucher eine Vorstellung bekommt, wie das Saigern funktionierte. Man kann einen Blick in das Wohnhaus eines Hüttenarbeiters werfen oder den Kupferhammer besichtigen. Das kleine Museum ist zwar in seiner Gestaltung noch nicht besonders ausgereift, aber insgesamt dennoch eine interessante Sammlung. Hier erfährt man zum Beispiel, dass 400 Prachtbauten in Europa ihr Kupferdach aus Olbernhau geliefert bekamen.

In der ehemaligen Hüttenschänke und dem Haus des Anrichters entstand ein Hotel. Die ehemalige Schule, eine der ersten Volksschulen Sachsens, beherbergt heute den "Hüttenladen" und eine Töpferei. In anderen Gebäuden finden sich Schauwerkstätten und Geschäfte.

Und wer Pech hat, dem begegnet ein großer schwarzer Hund - der Hütten-Matthes, dem der Teufel diese furchterregende Tiergestalt gab.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 9 Uhr 30 bis 11 Uhr 30 sowie von 13 bis 16 Uhr. Zweimal täglich finden etwa einstündige Führungen statt. Im Winter (1. November bis 28. Februar) sind die Gebäude nur auf Voranmeldung geöffnet. Weitere Auskunft über: Tourist-Service, Grünthaler Straße 28, 09526 Olbernhau; Telefon: 03 73 60 / 151 35, Fax: 03 73 60 / 151 09; Internet: www.Olbernhau.de oder direkt bei der Museumsverwaltung, In der Hütte 10, 09526 Olbernhau; Telefon und Faxnummer: 03 73 60 / 733 67.

Informationen zur Silberstraße über: Ferienstraße Silberstraße e.V., Bergstraße 22, 08301 Schlema; Telefonnummer: 037 71 / 558 00, Telefax: 037 71 / 558 25; Internet-Adresse: www.silberstraße.de

Aus dem Terminkalender der Saigerhütte: Am 22. April ist Barbara-Uthmann-Tag, unter anderem mit Führungen in historischen Kostümen. Die Unternehmerin Barbara Uthmann zählte zu den ersten Besitzern der Hütte.

13./14. Mai: Glas- und Töpfermarkt

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