Zeitung Heute : Silbern gewachst

Hartmut Scherzer

Der Name Uwe Bellmann steht nirgendwo. In keiner Mannschaftsbroschüre und schon gar nicht auf irgendeiner Start- oder Ergebnisliste. Und dennoch gebührt diesem 40-jährigen ehemaligen Langläufer aus Oberwiesenthal wahrscheinlich das größte Verdienst am unerwarteten doppelten Silber der deutschen Skisprinter Evi Sachenbacher aus Reit im Winkl und Peter Schlickenrieder aus Schliersee. Der Mann ist der Wachs-Guru der Mannschaft. Er hatte den deutschen Langläufern für die olympische Premiere des spannenden Sprintspektakels (1,5 km Rennen zu viert im K.o.-System, die beiden besten Läufer kommen weiter) einen "Superski" präpariert, wie sie alle schwärmten. Folge: Gleich vier deutsche Läuferinnen und zwei Läufer konnten sich in Soldier Hollow für das Viertelfinale qualifizieren.

Wenn aus dem ohnehin überraschenden Silber nicht noch sensationell Gold wurde, lag das nicht am Ski und schon gar nicht an Bellmann. Gegen die routinierte Russin Julia Tschepalowa, Olympiasiegerin von Nagano und schon Dritte über 10 km in Soldier Hollow, half der gerade 21-jährigen Junioren-Weltmeisterin auch der beste Ski nicht. Die Russin zog an den Anstiegen kraftvoll davon. Wenn Claudia Künzel aus Oberwiesenthal im Endspurt von der Norwegerin Anita Moen nicht eindeutig behindert worden wäre, hätte es sogar noch Bronze für Deutschland geben können. Ein Protest der Deutschen hatte indes keinen Erfolg.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Auch Peter Schlickenrieder wurde von dem siegreichen Schweden Tor Arne Hetland, dem Sprintweltmeister 2001, eingangs der Zielgeraden blockiert. Schlickenrieder musste die Spur wechseln. "So ist halt der Sprint", sagte der 31-jährige Diplomkaufmann. "Hetland war einfach schlau, hat die erste Spur nach der Linkskurve gewählt und mir dadurch den Schwung genommen. Natürlich war es eine Behinderung, aber innerhalb der Regeln." Auch da half dann der gut gewachste Ski nicht mehr.

In aller Herrgottsfrühe, um fünf Uhr, waren Bellmann und sein sechsköpfiges Technikerteam aufgestanden, hatten sich den Schnee genau angeschaut, dreißig Wachssorten getestet, bis sie die richtige Mischung für das optimale Gleiten gefunden hatten. "Die Bedingungen waren schwierig, und wenn man dann beim Wachsen den Goldgriff hat, ist das schon ein Vorteil. Heute hat alles gepasst: Die Sportler waren fit, das Material hat gestimmt. So etwas ist selten. Umso schöner, wenn es bei Olympia klappt." Nicht zum ersten Mal. Auch am Überraschungslauf der deutschen Herren-Staffel zur Bronzemedaille war Bellmann mit seinem Team beteiligt. Für den Cheftechniker, 1984 und 1988 selbst aktiver Olympiateilnehmer, ist es "eine Riesensache, dass unser Team Anteil an den Erfolgen im Langlauf hat". Schließlich sei 20 Jahre lang nichts los gewesen mit den Deutschen, "jetzt haben wir schon drei Medaillen, das ist gigantisch". Seit drei Jahren wachst Bellmann für die deutschen Langläufer, aber nur im Winter. Im Sommer ist er Zollbeamter an der tschechischen Grenze.

Der deutsche Langlauf hat in diesem Jahr seine Grenzen überschritten. Selbst die Silbermedaillengewinner waren von den Erfolgen überrascht. Peter Schlickenrieder etwa hatte seine Karriere wegen der damaligen "Untergangsstimmung im deutschen Langlauf" bereits beendet, war aber unter der neuen Führung Jochen Behles noch einmal zurückgekehrt. Der Aufschwung im deutschen Langlauf hat zwei Namen: Behle und Bellmann. Auch wenn Claudia Künzel die neue Material-Euphorie nicht ganz nachvollziehen kann: "Nur mit einem guten Ski kriegst du auch keinen Stich. Du musst schon in Form sein."

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