Zeitung Heute : Silicon Valley russischer Art: Weltmarktnische zwischen Plattenbauten

Vanessa Liertz

Wladimir Koslow zieht kräftig an seiner Zigarette und räkelt sich im Sessel seines Wohnzimmers. "Die Ratte tut nichts", sagt er, während sich der Rauch vor seinem freundlichen Gesicht kräuselt. Derweil macht es sich das Tier auf seiner Schulter bequem. Ein ungewöhnlicher Anblick ist das für einen Manager. Aber was ist schon gewöhnlich an Koslow, diesem 38-jährigen Russen, der allen politischen und wirtschaftlichen Wirren zum Trotz eine High-Tech-Firma in seiner Heimat betreibt?

Die Firma, ein kleines Hardware-Unternehmen namens International Design Marketing (IDM), macht Gewinn. Gerade ist Koslow mit seinen 15 Mitarbeitern in einen Neubau aus Backstein umgezogen, weil der Platz nicht mehr reichte in dem Fabrikgebäude in Zelenograd, einer Stadt 40 Kilometer nordwestlich von Moskau. Für viele Russen ist Zelenograd - zu deutsch die "Grüne Stadt" - so etwas wie ihr Silicon Valley. Denn inmitten dieses grauen Szenarios aus Plattenbauten und Fabrikhallen mit blinden Fenstern konzentriert sich die russische Informations-Technologie: Hier leben Ingenieure und Physiker, die über mikroelektronische Prozesse plaudern können wie andere Leute über Fernsehserien.

Fast die Hälfte der Einwohner von Zelonograd sind Experten wie Wladimir Koslow. Zu Sowjetzeiten gehörten sie einer privilegierten Elite an, heute verdienen sie im Schnitt 150 Dollar (300 Mark) pro Monat. Sie arbeiten an Universitäten oder in den "Sowjet-Monstern" - so nennen sie jene Fabriken mit Tausenden von Beschäftigten, die mit zumeist veralteten Maschinen versuchen, gegen die internationale Konkurrenz zu bestehen. Oft bleibt diesen Menschen nicht mal das Geld, um im Winter frisches Obst zu kaufen.

Dem Elektro-Ingenieur Koslow aber geht es blendend: In seiner Firma zahlt er Gehälter um die 700 Dollar (1400 Mark). Er ist einer jener kleinen Unternehmer, die auf dem Weltmarkt eine Nische gefunden haben. Luxuriös ist sein Zuhause nicht: Zusammen mit seiner Frau Tanja, zwei Kindern, einer Katze und der Ratte bewohnt er mitten in der so genannten Altstadt eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Altstadt heißt: reihenweise Plattenbauten, die Nikita Chruschtschow in den 60er Jahren errichten ließ. Äußerlich unterscheidet sich die Altstadt der einst geheimen Stadt kaum von den Plattenbauten der Wohngegenden, die später entstanden sind. Satellitenstadt ist ein treffender Begriff für diesen trostlosen Mikrokosmos mit 200 000 Einwohnern, wo kaum ein Theater spielt, nur manchmal ein Kino namens Elektron, wo es ein einziges Hotel gibt.

Seit Koslow zum Studieren aus Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, nach Zelenograd kam, sind 21 Jahre vergangen. Doch er fühlt sich wohl. Er sieht nicht die unverputzten Mauern der Häuser und Fabriken, sondern das Wissen, das sich hinter ihnen verbirgt. Ein wenig hebt er jetzt die Stimme, um zu erzählen, dass er und seine Frau Absolventen der besten Universität von Zelenograd sind, des Staatlichen Moskauer Instituts für Elektrotechnik. Russische High-Tech-Experten sind in der Tat gefragt. Darum lassen es sich viele von Koslows Ex-Kommilitonen heute als hoch bezahlte High-Tech-Spezialisten im amerikanischen Silicon Valley gut gehen.

Koslow aber bleibt. Er wolle nicht weg, beteuert er und bläst Zigarettenqualm von sich. Warum? Das Leben hier sei nicht einfach, aber spannend. Hier könne man noch vom Garagenbesitzer zum Manager aufsteigen - im Silicon Valley schon nicht mehr. Darum habe er vor zehn Jahren seine Laufbahn als Wissenschaftler abgebrochen und mit ein paar Kollegen beschlossen, ihr Wissen zu vermarkten. Sie machten alles, was bestellt werde, sagt er. Zur Zeit tüftelten sie an Hardware für interaktives Fernsehen herum. Unmengen von bewegten Bildern werden zu Datenpaketen komprimiert und an viele verschiedene Empfänger verschickt.

Koslow lehnt sich zurück und kippt ein Gläschen Wodka herunter. Ein wenig verlegen blickt er auf den abgewetzten Linoleumboden und lacht kurz auf. "Na ja, Millionär werden Sie hier nicht so schnell." Wer in Russland Gewinn mache, müsse sein Geld sofort wieder investieren oder fast 100 Prozent Steuern zahlen. Er grinst hinter dem grauen Bart. Dann macht er eine vage Geste und sagt: Da müsse man halt ein bisschen improvisieren. So wie unter jeder Regierung.

Im mit Büchern und Ölbildern voll gestopften Wohnzimmer spricht Koslow über seine Firma und darüber, dass er mit seiner Familie gerade die Schlösser an der Loire besucht habe. Der Fernseher sieht neu aus, ebenso der Videorekorder. Dann und wann rufen bei Koslow Kunden aus England oder Amerika an. Vor zwei Jahren, während der russischen Bankenkrise, war das nicht mehr so. Damals gingen nicht nur Hunderttausend Dollar auf dem Konto der Firma verloren, die ausländischen Kunden wandten sich ab. Koslow seufzt: "Das war das Schlimmste."

Nun sind wieder Kunden da. Allein in dieser Woche haben sich drei Firmen angesagt, zwei aus Europa und eine aus Amerika. Das neue Gebäude ist für Zelenograder Verhältnisse luxuriös. Eine überdimensionierte Freitreppe aus Backstein führt zu drei Büroräumen im ersten Stock mit Türen, an denen die Messinggriffe noch glänzen, genauso wie der Marmor in den Badezimmern. Hier hat sich Koslow für 1500 Dollar im Monat eingemietet, zusammen mit einem Dutzend anderer Software- und Hardware-Spezialisten.

Ungefähr 30 Firmen in der Stadt verkaufen russisches Know-How im In- und Ausland. Sie entwickeln Sicherheitssysteme für Online-Banking, aber auch Hardware für die Umwandlung von analogen in digitale Datenströme. Manche beliefern Firmen wie Cisco, Sun Microsystems und Motorola. Einige haben sich in den Fabrikgebäuden der alten Sowjet-Kolosse eingemietet, vor deren Eingängen bisweilen alte Frauen stehen, die Kristallgläser verkaufen. Andere betreiben ihre Geschäfte von der Wohnung aus und löten Kontakte zwischen Blümchentapeten und abgewetzten Holzstühlen.

Koslow macht sich Gedanken, wie er sein Unternehmen besser präsentieren könnte, seit immer mehr potenzielle Kunden vorbeischauen. Dabei marschiert er zwischen den Tischen seines Büros umher, wo sich die Papierberge türmen, und bleibt vor einem Aquarium stehen, in dessen trübem Wasser die Fische kaum noch zu erkennen sind. Sein Arbeitsplatz ist nicht von dem seiner Angestellten zu unterscheiden.

Keinen Kilometer von IDM entfernt thront Gennadij Krasnikow einsam in seinem großen Arbeitszimmer - ganz so wie zu Sowjetzeiten. Zu dem 42-jährigen Chef von "Mikron", der rund 3000 Mitarbeiter unter sich hat, gelangt der Besucher nur nach komplizierter Terminabsprache und langwieriger Konversation mit diversen Aufsehern. "Sie haben genau 15 Minuten Zeit", ruft die Sekretärin. Dann öffnet sie eine Leder gepolsterte Tür zum Chefbüro. Aber auch Krasnikow beschwört nicht etwa Karl Marx, sondern den "westlichen unternehmerischen Ansatz" und die Partnerschaft seiner Firma mit einem Chiphersteller aus Hongkong.

Koslow dagegen hat gar keine Sekretärin. Er zuckt die Achseln. "Überflüssig!", sagt er. Überflüssig findet er auch, dass Firmen wie "Mikron" in diesem Jahr über eine Millionen Dollar von der russischen Regierung kassiert haben. Die Herstellung von Mikrochips, die auf dem Weltmarkt schon als veraltet gelten, sei doch kein Geschäft der Zukunft. Die Russen müssten Nischen besetzen. Aber dann sagt er schnell: "Sollen sie doch machen, was sie wollen. Hauptsache, die Regierung lässt uns in Ruhe." Der Mittelständler wünscht sich vom Staat offenbar nur eines: nicht gestört zu werden. Der Staat konnte ihm auch nicht helfen, Kontakte zu westlichen Unternehmen aufzubauen. Einfach war das nicht. Noch jetzt steht Koslow die schiere Verständnislosigkeit ins Gesicht geschrieben, wenn er von seinen Besuchen bei ausländischen Vertretungen in Moskau erzählt.

Dennoch gibt es Momente des leisen Selbstzweifels in dem kleinen Wohnzimmer der Koslows. Das Ehepaar plaudert über Freunde, die ihr Know-How als Fahrkarte in ein bequemeres Leben in Amerika genutzt haben. Keiner von beiden spricht die Frage aus, aber doch hängt sie in der Luft und mischt sich mit der schweren Wolke aus Zigarettenqualm: Warum sind sie selbst geblieben?

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