Zeitung Heute : Silvia Bovenschen

von MEIKE FESSMANN

Wie gern möchte man hinter ihr Geheimnis kommen, auch wenn man weiß, wie absurd ein solches Ansinnen ist. Gelüftete Geheimnisse sind schließlich keine mehr. Ein Faszinosum lässt sich niemals ganz erklären. Und Silvia Bovenschen ist eine überaus faszinierende Person. Dabei macht sie keinerlei Aufhebens von sich. Die Verabredung mit ihr ist unkompliziert, das Gespräch leicht, auch wenn es um Dinge von Gewicht geht: um ihre Dissertation „Die imaginierte Weiblichkeit“, ein starker Auftritt Ende der siebziger Jahre und heute ein Standardwerk; um ihr wider Erwarten zum Bestseller gewordenes Buch übers „Älter werden“ oder ihr jüngstes Buch, „Verschwunden“, beide im S. Fischer Verlag. Aber auch von ihrer Erkrankung an Multipler Sklerose, die diagnostiziert wurde, als sie 24 war, redet sie so selbstverständlich, als sei es kein Kunststück, mit einer fremden Person über die Hinfälligkeit des eigenen Körpers zu sprechen. Sie nennt die Krankheit ihren „Feind“. Das ist die Haltung, die sie für sich gefunden hat. Und auch wenn sie das ganz freundlich sagt, als bedeute es nichts besonderes, wird jeder, der einen Sinn für Nuancen hat, sofort wissen, womit man Silvia Bovenschen auf keinen Fall kommen sollte: mit all den wohlfeilen Überhöhungen von Krankheit als Weg oder Chance.

Für jemanden, der Krankheiten anzieht wie ein Magnet und soeben erst eine schlimme Grippe überstanden hat, sieht Silvia Bovenschen aus wie ein Wunder, als sie die Tür zu ihrer Wohnung am Lietzensee öffnet, die sie zusammen mit der Malerin Sarah Schumann bewohnt. Die Komplimente für ihr Aussehen kennt sie schon. Es sei ihr manchmal ganz peinlich, wenn sie die Verblüffung der anderen bemerkt. Das sagt sie ohne Koketterie. Es scheint ihre besondere Gabe zu sein: dieser schöne bescheidene Stolz, der ohne jedes Auftrumpfen daherkommt. Sie öffnet die Tür selbst, aufrecht und im Stehen. Ihre Freundin, ohne die sie nicht leben könnte, wie sie später bekennt, ist nicht zuhause. Stehen und gehen kostet sie Disziplin und Kraft, das ahnt man. Zu sehen aber ist eine Geste der Höflichkeit.

Höflichkeit und Umgangsformen sind ihr wichtig, aber einen Katalog mit Tugenden würde sie niemals aufstellen. Schließlich habe doch jeder einen Freund, der es vielleicht an Umgangsformen mangeln lasse, aber ansonsten ein lieber Mensch sei. Das gibt es immer wieder in diesem Gespräch: dass sie charmant, aber bestimmt jede Verallgemeinerung ablehnt. Die Tugenden eines guten Hundes, die sie in „Älter werden“ notiert hat, lässt sie gelten und ist auch bereit, augenzwinkernd eine Übertragung hinzunehmen: „Freundlichkeit“, „Geselligkeit“, „sozialer Witz“ – doch, das sei auch bei Menschen angenehm. Sie habe ja keine Karriere machen können, der Traum vom Theater, eher als Regisseurin denn als Schauspielerin, war mit der MS-Diagnose ausgeträumt. Sie brauchte einen Beruf, bei dem man sitzen kann. Und so hat sie in der Wissenschaft Unterschlupf gefunden. Dass man mit einer chronischen Krankheit nicht verbeamtet werden kann, sagt sie ohne Bitterkeit. Halb drinnen, halb draußen, immer „zwischen den Stühlen“, das hat sie als guten Ort zu schätzen gelernt.

Eine ganz normale, mehr mit ihrer Karriere als mit dem Eros ihres Gegenstands beschäftigte Literaturwissenschaftlerin wäre aus Silvia Bovenschen wohl auch unter anderen Umständen nicht geworden. Esprit, Stil und die Lust am Auftritt sind bei ihr von Anfang an da. Noch heute kann man „Die imaginierte Weiblichkeit“ lesen, ohne den Eindruck zu haben, es wehe einen der Geist vergangener Zeiten an. Die Unterscheidung zwischen den „Präsentationsformen des Weiblichen“ und den Möglichkeiten von Frauen, sich selbst zu artikulieren und aktiv an der Gesellschaft teilzuhaben, ist nach wie vor einleuchtend. Kein Wunder, dass dieser Meilenstein der feministischen Literaturgeschichte in die 15-bändige Jubiläumsausgabe der „edition suhrkamp“ aufgenommen wurde. Vielleicht weil sie den Feminismus nie so eng gesehen hat wie andere, bekennt sie sich auch heute ganz selbstverständlich dazu.

Ihre Auftritte in der Frankfurter Uni waren legendär. Sie mochte enge Röcke, hochhackige Schuhe, kräftige Farben.

Es muss ihr eine geradezu diebische Freude gemacht haben, in Zeiten, in denen man für rotlackierte Fingernägel von Studentinnen ausgebuht werden konnte, wie sie lachend erzählt, ein Buch über Mode herauszubringen. „Listen der Mode“ – die schöne Doppeldeutigkeit des Titels ist Programm. Mode ist eine Form, aber eine, die man nicht allzu ernst nehmen muss. Man kann mit ihren Zeichen spielen. Einen erfreulichen Anblick abgeben, auch das ist eine Art von Höflichkeit und beileibe nicht nur Eitelkeit. Dass Kleidung für Silvia Bovenschen eine Kommunikationsform ist, in der Selbstdarstellung und Respekterweisung zusammenfallen, sieht man ihr an.

Sie hat Stil, im Auftreten wie im Schreiben. Aber sie macht kein großes Theater darum. Die neuen Konservativismen sind ihr ein Graus. Es geht ihr nicht um soziale Distinktion, sondern um eine Form des Entgegenkommens. In ihrem Essayband über die Idiosynkrasie („Über-Empfindlichkeit. Spielformen der Idiosynkrasie“, 2000 bei Suhrkamp erschienen) ist sie ganz auf der Höhe ihres Stils. An Transparenz und leidenschaftlicher Klarheit können es diese Essays mit denen Paul Valérys aufnehmen. Alltagsphänomene wie Butterschlieren im Marmeladenglas oder das Quietschen von Kreide auf einer Tafel haben hier ebenso Platz wie Loblieder auf die Freundschaft oder verabscheute Redewendungen. An heftigen Zu- oder Abneigungen schätzt Bovenschen gerade deren Unbegründbarkeit. Wer eine Abneigung zu begründen versucht, verlässt die Sphäre der Idiosynkrasie und landet beim Ressentiment oder Vorurteil. Wer sie einfach hinnimmt, hat eine charmante Schrulle, die ihn für andere kenntlich macht. Auch ihr hoher Begriff von Freundschaft setzt auf die Unerklärlichkeit plötzlich vorhandener Sympathie, auf gemeinsame Vorlieben und Abneigungen.

Schon ihr Buch über das „Älter werden“ war ein Wagnis. Zum ersten Mal hat sie die Form des Essays, die sie so glänzend beherrscht, aufgebrochen. Als sie beim Schreiben feststellte, dass über das Alter eigentlich alles gesagt ist, musste sie einen anderen Weg finden. Es wurde ein sehr persönliches Buch, das auch ihre Krankheit nicht ausspart.

In ihrem neuen Buch „Verschwunden“ geht sie noch einen Schritt weiter. Es versammelt Erzählungen, Geschichten, Träume, Fragmente, Monologe, Tagebucheintragungen, die von einer Rahmenhandlung zusammengehalten werden. Daniela Listmann, die fiktive Herausgeberin, bittet ihre Freunde, ihr Geschichten zu erzählen. Sie sitzt im Rollstuhl und kommt nicht mehr genug herum in der Welt. Einzige Vorgabe: es sollte vom „Verschwinden“ die Rede sein. Dreizehn Freunde und Freundinnen machen mit, mal mehr, mal weniger willig, und natürlich unterhalten sie sich auch darüber, was man von dem ganzen Projekt zu halten habe. So entsteht ein kühnes Verwirrspiel, dessen Reiz das Changieren zwischen Realität und Fiktion zu sein scheint.

Man könnte meinen, es handle sich um eine Art postmodernen Salon, ein wildes Durcheinander von Stimmen, die einmal schrillsten Kulturpessimismus intonieren, ein anderes Mal todessüchtige Melancholie, dann wieder brav konventionelle Geschichten erzählen, um ein anderes Mal Joyce zu überbieten oder mit ruhigem Ernst von einem kranken Vater zu erzählen, der nach dem Schlaganfall mühsam wieder das Gehen lernt. Hat Silvia Bovenschen also tatsächlich ihren Freundeskreis aktiviert, um ihr erstes ganz und gar literarisches Buch zu schreiben? Nein, antwortet sie, im Gegenteil, das sei ihr größtes Problem gewesen. Sie wollte unbedingt verhindern, dass einer ihrer Freunde sich porträtiert oder gar karikiert sehe. Von daher kämen auch die seltsamen Namen, Frederike, Anton, Bea, Eduard, Celia usw. Eigentlich seien all diese Figuren sie selbst. Es seien die Stimmen in ihrem Kopf gewesen, die sich in einer Krisensituation gemeldet haben. Ein wenig Ordnung in dieses Durcheinander zu bringen, habe ihr dabei geholfen, nicht der Angst anheim zu fallen und irgendwie bei Sinnen zu bleiben.

„Verschwunden“ ist ein hochempfindliches, verletzliches Buch. Es zeigt die Nachtseite einer Frau, die wunderbar zu glänzen und zu strahlen versteht, um es anderen leicht zu machen. Zöge sie für etwas in den Kampf, dann wäre es die „gute Laune“. Dass sie das so umgangssprachlich nennt, und nicht etwa von Heiterkeit spricht, dem philosophisch würdigeren Begriff, zeichnet sie ebenso aus wie die Liebeserklärung an die Gefährtin, die sie in ihrem Buch versteckt hat.

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