Simbabwe : "Sie werden ihm nichts tun. Oder?"

Roy Bennett sitzt in Haft. Der Farmer sollte Vizeminister werden in der neuen Einheitsregierung von Simbabwe. Stattdessen wurde er vor sechs Tagen verschleppt. Unsere Autorin war dabei.

Doro Grebe[Harare]
Simbabwe
Mutare, Justizverwaltung. 270 Kilometer von Harare entfernt liegt die Polizeistation, in der Roy Bennett festsitzt. -Foto: AFP

Er hat sich weggedreht, Hände in den Taschen seiner Shorts, hat zu den anderen geschaut, die unter dem Tragflügel der Pilatus standen, und darum ist auf dem letzten Bild, das wir von ihm haben, das ich gemacht habe, sein imposanter Bauch zu sehen, über dem das weiße T-Shirt straff gezogen ist, und dass er Flipflops an den Füßen trägt. Aber sein Gesicht sieht man nicht. Dabei ist er da schon fast Regierungsmitglied: Roy Bennett, designierter Vizelandwirtschaftsminister von Simbabwe.

Kurz nachdem ich das Foto gemacht habe, ist er dann verschleppt worden.

Es ist Freitag, der 13. Februar. Der Tag, an dem nachmittags die neue Einheitsregierung vereidigt werden soll, in der Minister aus der Partei des Diktators Robert Mugabe sitzen und Politiker aus der Oppositionspartei MDC von Morgan Tsvangirai.

Schon im September hätte diese Regierung ihre Arbeit beginnen sollen, doch bis jetzt hatten sich die Parteien gestritten über Posten und Pöstchen. Als sei Zeit für so etwas. Dabei sind die Probleme Simbabwes gigantisch: Das Land ist ökonomisch am Ende. Die Inflation auf Weltrekordniveau, so hoch, dass sie kaum noch messbar ist; die Preise verdoppeln sich täglich, die Arbeitslosigkeit liegt bei 94 Prozent. Dazu grassiert die Cholera, 3500 Menschen starben schon daran.

Die neue Regierung, Tsvangirai vor allen, soll Hoffnung machen.

Wir - eine Gruppe von Tsvangirai-Unterstützern, gesponsert durch vermögende Gönner aus Südafrika - hatten das zwei Tage zuvor miterlebt: Am Mittwoch, dem 11. Februar, war Tsvangirai vereidigt worden, danach die Feier im Glamis-Stadion in Harare, der Hauptstadt, "heute ist ein historischer Tag für unser Land", hatte er gerufen, und seine Anhänger, 15 000 sollen es gewesen sein, hatten gejubelt, triefnass, weil es seit Stunden regnete. Demokratie, hatte Tsvangirai gerufen, sei nun das Wichtigste. Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit!

Versprechen und Realität zerfallen wieder

So viel schien möglich in der euphorischen Stimmung. Doch dann zerfallen Versprechen und Realität wieder in zwei unvereinbare Teile. Vor unseren Augen.

Für 48 Stunden waren wir nach Harare geflogen. Wir hatten eine falsche Landezeit angegeben und einen falschen Flughafen genannt. So hofften wir der Beobachtung durch den Geheimdienst zu entgehen, der in Simbabwe allgegenwärtig ist, der einen nie durchatmen lässt, weil immer überall Verdacht möglich ist, Verhaftung, Verhör, Verschwinden.

Statt auf dem internationalen Flughafen von Harare landeten wir auf dem kleinen Flughafen Charles-Prince, der außerhalb der Stadt liegt. Von hier aus soll es an diesem Freitag, dem 13., um 14 Uhr auch wieder zurückgehen, doch dann werden wir von einem Verbindungsmann aus der MDC angerufen, unser Flug sei vorverlegt, 12 Uhr, beeilt euch.

Wir hetzen zum Flughafen. Da ist kein Betrieb. Nur Danny wartet schon. Ein Grenzbeamter. Er musste nur unseretwegen hier rausfahren, damit wir abgefertigt, unsere Pässe ordnungsgemäß gestempelt werden können. Danny ist einsatzbereit. Unsere Maschine aber ist es nicht. Ein technisches Problem, der Abflug verzögert sich. "Freitag, der 13." Noch grinsen wir.

Mugabe soll Sicherheit versprochen haben

Wir setzen uns in die Bar des Mashonaland-Fliegerclubs und trinken Cola, die schmeckt, als sei sie vor Simbabwes Unabhängigkeit abgefüllt worden. Auch der Preis ist nicht ersichtlich. Eine Unit, eine Einheit steht auf der Karte. US-Dollar oder südafrikanische Rand, Wechselgeld ist Glückssache. Plötzlich fliegt die Tür auf, und ein untersetzter Mann kommt herein. Roy Bennett. Er wird mit uns fliegen. Wir ziehen die Luft ein.

Roy Bennett ist einer der schillerndsten Politiker des MDC. Seit dem Jahr 2000 stand der Landwirt als einer von drei Weißen auf seiner Liste, seitdem kennt er die Staatswillkür. Immer wieder wurde seine Farm überfallen, wurde geplündert, geraubt, er wurde angegriffen, verhaftet, immer wieder, immer wieder, auch vor seiner Familie machten Mugabes Truppen nicht halt. 2004 wurde Bennett endgültig enteignet, kurz darauf geriet er mit einem Minister aneinander, es kam zu Handgreiflichkeiten im Parlament, er kam für Monate ins Gefängnis.

Als er wieder frei war, wurde erneut Haftbefehl erlassen, diesmal wegen eines angeblich geplanten Mordanschlags auf Präsident Mugabe. Bennett floh mit seiner Familie nach Südafrika. Erst vor wenigen Wochen war er nach Simbabwe zurückgekehrt, als Tsvangirai ihn als Vizelandwirtschaftsminister vorgeschlagen und Mugabe das akzeptiert hatte. Dass noch immer ein Haftbefehl gegen ihn vorliegt? Egal, soll Mugabe zugesichert haben. Trotzdem wurde seit einigen Tagen wieder nach Bennett gesucht.

Und jetzt steht er hier bei uns. Will noch mal seine Familie in Südafrika besuchen, dort seinen 52. Geburtstag feiern, bevor er offiziell sein Amt antritt.

Im Flugzeug ist es totenstill

Danny stempelt unsere Pässe und die Passagierliste des Flugzeugs. Es ist kurz vor 14 Uhr, als wir die reparierte Pilatus besteigen, die Türen schließen. Ich frage Bennett, ob wir ein Interview machen können, er sagt, kein Problem.

Es ist 14:02 Uhr, wir rollen Richtung Startbahn, da rasen mehrere schwere Autos auf den staubigen Vorplatz des Flughafens zu. "Maschine sofort stoppen", dröhnt es durch die Kopfhörer der Pilotin, und alle wissen: Hier kommt ein Problem. "Zieh durch, heb ab, nichts wie weg", rufen wir. Doch die Pilotin drosselt die Motoren, der Propeller stoppt, wir drehen um, parken. Warten.

"Die wollen mich", sagt Roy Bennett. "Also gehe ich da jetzt raus."

Bennett gibt seinen Laptop und sein Handy an einen Mitreisenden, sagt, wer angerufen werden soll. Dann nickt er in die Runde, steigt aus. Er wirkt gefasst.

Wir sehen nach draußen. Zwei Männer führen Bennett weg, bringen ihn kurz in das Gebäude und nur Minuten später zum Parkplatz, sie schubsen ihn in einen Pickup und fahren weg.

Im Flugzeug ist es totenstill. Wir sind geschockt. Nur langsam erwachen wir aus unserer Starre. Trösten uns. Vielleicht kommt es ja nicht so schlimm. Immerhin ist Bennett ein Vizeminister in spe, das Mugabe-Regime kann ihm doch nichts tun? Oder doch?

Tsvangirai geht nicht an sein Handy

Im Flugzeug ist es heiß und stickig. Wir sollen auf die Polizei warten. Angst kriecht in uns hoch. In Simbabwe kann man im Polizeigewahrsam einfach so verschwinden, es gibt hier kein Recht, das einen schützen könnte. Wir löschen Adressen und Kurznachrichten im Handy, verstecken Papiere und Kamera-Speicherkarten unter Sitzen, im Gepäck, unterm Teppich, stimmen unsere Geschichte ab: Dass wir auf Einladung von Morgan Tsvangirai zu seiner Vereidigung im Land waren - ganz legal. Es wird schon werden. Minuten später dürfen wir die Maschine verlassen. Kehren zurück in den Fliegerclub.

Die Polizei werde uns gleich alle einzeln verhören, weil wir Roy Bennett illegal aus dem Land schaffen wollten, hören wir. Immer hektischer telefonieren wir Unterstützung herbei und Nachrichten hinterher. Dass Bennett zur polizeilichen Verhörstation außerhalb Harares gebracht wurde, erfahren wir, und dass er nun Richtung Mosambik gebracht werde. Wir rufen bei Zeitungen und Sendern an, in der Parteizentrale der MDC.

Wirkliche Neuigkeiten von Roy Bennett bekommen wir nicht, Tsvangirai geht nicht an sein Handy. Er muss doch wissen, dass Bennett, sein persönlicher Freund, gerade verschleppt wird, und trotzdem: Er feiert im Staatshaus mit Mugabe die Vereidigung der Minister. Angeblich, auch das erfahren wir noch, haben Mugabe und der neue Verteidigungsminister Bennetts Freilassung angeordnet. Danny kommt zu uns, bestätigt: Bennett ist frei. Wir jubeln. Aber nur kurz. Es stimmte nicht.

Wilde Gerüchte verbreiten sich

Da sitzen wir also wieder in dieser Bar, über die wir vorhin noch Witze gemacht haben. Es hat sich nichts verändert seitdem, und doch ist alles anders jetzt. Quälend langsam zieht die Zeit vorbei. Und so wenig wir verharren wollen, so wenig wollen wir die Alternative: das Verhör.

Es ist inzwischen nach 17 Uhr. Da heißt es plötzlich von der Flughafenmanagerin: "Los! Ihr müsst sofort fliegen." Der Mann, der das Flugzeug gesponsort hat, will nicht. "Uns fehlt ein Passagier", bellt er über das Rollfeld. Er gehe nicht ohne Bennett, habe es ihm am Vortag ins Gesicht versprochen.

Danny will helfen, der Grenzbeamte. Er weiß wohl, dass er ohnehin Probleme bekommen wird. Schließlich hat er mit uns, der "Verschwörergruppe", an der Bar gesessen. Danny bietet an, die Passagierliste neu zu schreiben und zu stempeln - ohne Bennetts Namen, damit wir keine Probleme bei der Einreise in Johannesburg, Südafrika, bekommen. Alle reden jetzt auf unseren Sponsor ein. In Johannesburg könnten wir viel mehr Öffentlichkeit für diese Sache erreichen. Schon jetzt ist Bennetts Verschleppung die Topgeschichte in den englischsprachigen Medien. Danny macht Druck. Um 18 Uhr schließt der Flughafen. Wir haben noch fünf Minuten. Ein Argument sticht dann. Wenn wir bleiben, könnten wir für Bennett alles schlimmer machen.

Es ist still an Bord der Pilatus, als wir in die untergehende Sonne über Harare aufsteigen. Eine SMS kommt ins Flugzeug. Endlich eine Reaktion von der MDC-Führung: "Ihr müsst fliegen. Heute. Jetzt!"

Die Verhandlung wird verschoben

Von überallher hören wir die wildesten Gerüchte, man soll sogar versucht haben, Bennett zu ertränken. Jetzt ist er in Mutare - an der Grenze zu Mosambik - bei der Polizei und soll wegen Vorbereitung terroristischer Aktivitäten angeklagt werden. Darauf steht die Todesstrafe.

Hunderte MDC-Anhänger hielten am Abend des 13. Februar eine Nachtwache vor der Polizeistation, schwer bewaffnete Beamte schritten mit Hunden ein.

Am Montag hätte Bennett dann einem Richter vorgeführt werden sollen, doch die Ankläger erschienen nicht.

Seine Partei spricht von einem politischen Prozess, mit dem Mugabes Partei die Einheitsregierung unterlaufen wolle. Auch Washington hat sich gemeldet: US-Senator und Afrika-Experte Russ Feingold erklärte, die Obama-Regierung verlange die sofortige Freilassung.

Dann sollte am gestrigen Mittwoch über Bennett verhandelt werden. Haft oder Freilassung gegen Kaution. Doch stattdessen wurde der Fall nachmittags an ein anderes Gericht delegiert und auf Donnerstag verschoben.

Bis auf weiteres jedenfalls wird es kein neues Foto von Bennett geben.

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