Simbabwe : Wer ist Robert Mugabe?

Seine Kritiker nennen ihn einen „Staatsterroristen“. Dennoch verehren ihn viele Afrikaner als Vorbild. Nun kämpft er mit allen Mitteln um die Macht. So oder so – die Gewalt wird sein Vermächtnis sein.

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

LANGE ZEIT FEIERTE DIE WELT MUGABE ALS AFRIKAS HOFFNUNGSTRÄGER. WIE KONNTE DER GRÜNDUNGSVATER SIMBABWES ZU EINEM SOLCH GRAUSAMEN UNTERDRÜCKER WERDEN?

Bis heute glauben viele, dass Mugabes Herrschaft erst nach seiner herben Wahlschlappe bei einem Verfassungsreferendum im Februar 2000 ruchlos geworden sei. Erst von da an, so heißt es, habe der Despot aus Angst vor dem drohenden Machtverlust zu immer brutaleren Mitteln gegriffen – erst gegen die weißen Farmer, dann gegen die schwarze Opposition.

Die Realität ist eine andere: Ein Blick auf das Leben des 84-Jährigen zeigt, dass der jahrelang von der europäischen Linken als Lichtgestalt gefeierte Mugabe schon immer machiavellistisch veranlagt war. Südafrikas Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, einer von ganz wenigen schwarzen Kritikern, hat Mugabe einmal „den urtypischen afrikanischen Diktator“ genannt – einen, der bis aufs Äußerste in die eigene Macht verliebt ist. Zwar hat Mugabe sechs Universitätsabschlüsse und gilt als intelligent, doch zieht sich Gewalt wie ein roter Faden durch sein Leben. „Wie Stalin verbreitet er unter den Menschen Angst und Schrecken, um daraus politisch Kapital zu schlagen“, sagt der britische Ex-Botschafter und Afrikakenner Robin Renwick. Er nennt Mugabe „einen Staatsterroristen“.

Glaubt man den jüngsten Autobiographien von Martin Meredith und Heidi Holland, haben Mugabes puritanische Ansichten und sein Anspruch auf absoluten Gehorsam ihre Wurzeln in jener Zeit, als er nördlich der Hauptstadt Harare auf eine streng geführte ländliche Missionsschule der Jesuiten ging. Nach dem Studium in Südafrika arbeitete er in den 1950er Jahren als Lehrer in Ghana und Sambia, ehe er 1960 in seine damals noch britisch regierte Heimat Rhodesien zurückkehrte. Dort wurde er wenig später verhaftet. Schon kurz nach seiner Freilassung putschte Mugabe 1974 gegen den damaligen Führer der Befreiungsbewegung Zanu und setzte sich an die Spitze jener Bewegung, die Simbabwe seit der Unabhängigkeit vor nunmehr 28 Jahren ununterbrochen regiert. Bereits damals duldete er niemanden, der seine Führung hinterfragte. Viele politische Gegner starben auf mysteriöse Weise, andere wurden von ihm ins Exil gedrängt.

Dass Mugabe seine (schwarzen) Konkurrenten drangsalierte, wurde im Westen lange Zeit ignoriert. Schon im Oktober 1980, nur sechs Monate nach der Unabhängigkeit Simbabwes, schloss der selbst erklärte Marxist ein Abkommen mit Nordkorea: Er ließ eine Sondereinheit ausbilden, die gegen interne Gegner vorgehen sollte. 1982 warf Mugabe dann seinen politischen Gegenspieler Joshua Nkomo aus der gemeinsamen Regierung. Bereits damals bestand sein Sinnen und Trachten allein darin, einen Einparteienstaat zu errichten und seine politischen Rivalen auszuschalten.

Wenig später schickte Mugabe, der zur Volksgruppe der Shona gehört, die von den Nordkoreanern ausgebildete Fünfte Brigade ins Matabeleland im Südwesten Simbabwes. Zwischen 1982 und 1987 massakrierten die Soldaten dort mehr als 20 000 Angehörige der Ndebele. Weil die Weißen damals noch verschont wurden, schwieg der Westen. Schlimmer noch: Er hofierte Mugabe in den folgenden 15 Jahren und überhäufte ihn mit Auszeichnungen – auch das hat zu seinem Größenwahn beigetragen.

Ein Grund, warum der Westen ihn verehrte, war, dass Mugabe gegen ein weißes Unrechtsregime gekämpft hatte. Dadurch wurde ihm automatisch eine höhere Moral zugebilligt. Und deshalb entschuldigte der Westen die mit jedem Jahr schlimmer werdende Korruption und Intoleranz in Simbabwe als Fehler eines Führers, der die Regeln der Demokratie erst noch lernen müsse.

MUGABE HERRSCHT SEIT FAST 30 JAHREN. WARUM HÄLT ER MIT ALLEN MITTELN AN DER MACHT FEST?

Mugabe will schon deshalb nicht freiwillig abtreten, weil er Angst hat, für seine Verbrechen gegen das eigene Volk vor ein internationales Tribunal wie den Strafgerichtshof in Den Haag gestellt zu werden. Zudem fürchtet er, dass es ihm bei einem freiwilligen Machtverzicht ähnlich wie dem liberianischen Diktator Charles Taylor ergehen könnte. Der war erst nach Nigeria ins Exil gegangen, dann aber auf Druck der USA und der neuen liberianischen Regierung nach Den Haag überstellt worden. Allerdings ist ein Prozess gegen Mugabe in Den Haag schon deshalb eher unwahrscheinlich, weil das Internationale Strafgericht keine Zuständigkeit für Verbrechen hat, die – wie das Massaker an den Ndebele – vor seiner Gründung im Jahre 2002 begangen wurden.

Weite Bevölkerungsteile in Simbabwe haben Mugabe auch nie verziehen, dass er vor drei Jahren – aus Angst vor einem Aufstand der Armen – zahlreiche Elendsviertel in den städtischen Gebieten Simbabwes willkürlich plattwalzen ließ. Rund eine Million Menschen wurden damals mitten im Winter obdachlos, Tausende starben. Menschenrechtsgruppen haben Umfang und Folgen dieser Terrorwelle Mugabes dokumentiert. Zwar könnte der Diktator dafür in Den Haag angeklagt werden, doch halten viele Beobachter das für unwahrscheinlich.

Es ist aber auch sein Selbstbild, das Mugabe im Amt hält: Wie die meisten Führer der anderen schwarzen Widerstandsbewegungen ist er fest davon überzeugt, als einstiger „Befreier“ seines Volkes vom weißen Kolonialjoch ein dauerhaftes Anrecht auf die Macht zu haben. Seinem marxistischen Weltbild zufolge ist die Herrschaft seines Zanu-Regimes das letzte Stadium der Geschichte. Jeder Rivale kann deshalb nur ein Konterrevolutionär oder Strohmann des Westens sein. Erst vergangene Woche hatte der ANC-Präsident Jacob Zuma in Südafrika erneut erklärt, dass seine Bewegung dort „bis zur zweiten Wiederkehr Jesu“ herrschen werde.

SIMBABWE IST WIRTSCHAFTLICH KOLLABIERT UND MUGABE POLITISCH ISOLIERT. WIE IST ES MÖGLICH, DASS ER SICH NOCH IMMER AN DER MACHT HÄLT?

Dass Mugabe seit Jahren fast ungestört Amok laufen kann, hat zuvorderst afrikanische Gründe. Bis heute haben die Nachbarstaaten die Selbstzerstörung Simbabwes aus einer falsch verstandenen schwarzen Solidarität nicht nur geduldet, sondern oft bejubelt. Herrscher wie zum Beispiel Thabo Mbeki haben es auch deshalb getan, weil sie fürchten, eines Tages selbst genötigt zu sein, die Macht an die Opposition abzugeben – ein in Afrika geradezu revolutionärer Gedanke. Wie Mugabe, der die frühere Kolonialmacht Großbritannien für die von ihm verschuldete Misere in Simbabwe verantwortlich macht, fühlt sich auch Mbeki von imaginären imperialistischen Kräften bedroht: „Der Kampf gegen Simbabwe ist ein Kampf gegen uns alle“, sagte Südafrikas Staatspräsident gerade erst in einem Interview. „Heute sind es Simbabwe und Mugabe, morgen sind wir es in Südafrika oder irgendein anderes afrikanisches Land."

Anders als im Westen gilt Mugabe in Afrika nicht als „Politgangster“ sondern ist ein weithin bewunderter Politiker, der der westlichen Welt so gegenübertritt, wie es sich viele Schwarze insgeheim wünschen. Charles Onyango-Obbo, Chefredakteur des in Uganda erscheinenden „Monitors“, erklärt dieses Phänomen mit den Ressentiments gegen die Weißen. Ursache für den emotionalen Drang, es den Weißen heimzuzahlen, sei ein tief sitzender Minderwertigkeitskomplex des schwarzen Kontinents. Mugabe ist von dieser Rachsucht offenbar in besonderem Maße getrieben. Schon deshalb sehen ihn viele Afrikaner trotz allem immer noch als Vorbild.

Und schließlich kann sich Mugabe auf die Unterstützung der oberen Ränge in Armee, Polizei und Geheimdienst verlassen. Ihre Chefs bilden die mächtige Kommandozentrale des Landes (Joint Operational Command/JOC) und sind die eigentliche Macht hinter Mugabes Thron.

Nur mehr Druck aus Afrika und aus dem Inneren Simbabwes werden Mugabes Herrschaft endgültig ein Ende setzen. Tatsächlich sieht es so aus, als ob sein Sturz nur noch eine Frage der Zeit ist. Doch wann immer es so weit sein mag: Seine Saat der Gewalt ist aufgegangen, das einstige Entwicklungsmodell zerfressen von Misstrauen und Furcht. Robert Mugabes Vermächtnis ist der Terror – und ein ausgeblutetes, hungerndes Land.

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