Zeitung Heute : Sind bunte Streifen uncool?

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Es gibt ja zwei Typen von Müttern. Die Solidarischen lächeln einem zu, wenn man mit dem Kinderwagen durch den Supermarkt schlingert, auf dem Arm ein krebsrotes, verheultes Kind, im Wagen ein Berg von Einkäufen, und obenauf wackelt der Soda-Club-Wasserbereiter, den es gerade im Sonderangebot gibt. Ist das Kind gut gelaunt, erkundigen sich die Solidarischen neugierig, wie alt es ist und was es schon kann. Manchmal können die Solidarischen ein wenig anstrengend sein, man wird sie nicht so leicht wieder los, denn als Gegenleistung für ihre Solidarität wollen sie erzählen, was ihr Kind schon alles kann. Egal, an Regenwetter-Tagen sind sie Balsam für die Seele.

Die Unsolidarischen erklären einem bei der Rotphase an der Fußgängerampel, dass das Kind viiiiiel zu dünn angezogen ist. Sie verkünden mit vorwurfsvollem Blick auf die gerade modernen Schnuller im Ice-Design, dass ihr Kind nur Sauger aus Natur-Kautschuk bekommt. Geht eine Mutter arbeiten, haben die Unsolidarischen von Traumatisierungen bei Kindern gehört, die vor dem dritten Lebensjahr von der Mutter getrennt werden. Geht eine nicht arbeiten, sehen die Unsolidarischen in ihr eine Glucke (wahlweise: eine Schickse, die es nicht nötig hat, Geld zu verdienen). Die Unsolidarischen kennen alle Öko-Test-Studien auswendig und sehen im Muttersein vor allem eine Art Wettbewerb. An Regenwetter-Tagen kann einen die Begegnung mit einer Unsolidarischen in eine mittelschwere Depression treiben.

In der „Bild“-Zeitung kann man jetzt die Begegnung mit einer Unsolidarischen verfolgen. „Bild“ berichtet darüber, dass Eva Herman, die Frau aus der Tagesschau, ein Buch übers Stillen geschrieben hat. Darin erzählt sie, dass sie ihrem Sohn die Brust gegeben hat, bis er ein Jahr alt war und nicht mehr wollte. Noch besser, schreibt Eva Herman, wäre es gewesen, sie hätte ihr Kind gestillt, bis es drei war. Marion Horn, Co-Chefredakteurin der „Bild“-Zeitung, antwortete mit einem offenen Brief an die „TV-Lady“: „Liebe Eva Herman, machen Sie Fernsehen, das machen Sie gut. Aber ersparen Sie uns Ihre Ergüsse.“ Das freundliche PS: „Sie sind nicht gestillt worden. Sie schreiben, das schlägt auf die Intelligenz. Hoffentlich stimmt’s nicht…“

Mütter unter sich, das ist manchmal wie beim Schlammcatchen. Manche Mütter werden schrecklich aggressiv, wenn andere es anders machen als sie. Woran das liegt? Ich glaube, es ist so: Früher haben Frauen eben Kinder gekriegt, da stellte sich nicht die Frage nach dem eigenen Lebens- und Erziehungsmodell. Heute gehen wir erst arbeiten, irgendwann kriegen wir ein Baby, nehmen eine kürzere oder längere Auszeit und arbeiten fortan mit der ganzen Professionalität, die im Job von uns verlangt wurde, am Projekt Kind.

Väter sind nicht wirklich besser, nur tragen sie ihre Kämpfe auf einer anderen Ebene aus. Ihre Vergleiche sind weniger subtil, dafür aber auch weniger gemein: Wenn Väter spazieren gehen, gucken sie, welcher Kinderwagen die bessere Federung hat. Ein Bekannter hat neulich sogar das Regenbogen-Logo am Griff seines Kinderwagens mit schwarzem Isolierband überklebt, weil ihm ein anderer Vater gesagt hatte, die bunten Streifen seien uncool. Väter vergleichen Kombi-Ladeflächen und unterhalten sich darüber, wie viel Pfund ihr Kind auf die Waage bringt.

Den Babys ist es wahrscheinlich völlig egal, in welchem Kinderwagen sie durch die Gegend geschoben werden und an welchem Schnuller sie nuckeln. Hauptsache, ihre Eltern lassen sich nicht von irgendwelchen Vergleichen die Laune verderben.

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