Sind Prothesen bald Vergangenheit? : Mausezähnchen

Adelheid Müller-Lissner

Wissenschaftler von der Universität Tokio haben Mäusen zu neuen, funktionstüchtigen Backenzähnen verholfen. Der Erfolg, den das Team von Etsuko Ikeda bekannt gab, hat uns möglicherweise bei der Erfüllung eines Menschheitstraums einen Schritt weitergebracht. Denn auch wenn die zweiten Zähne des Menschen „bleibend“ genannt werden, gehen viele von ihnen im Lauf des Lebens verloren: Aufgrund von Unfällen, vor allem aber durch Erkrankungen des Zahnhalteapparats. Im Unterschied zum Hai, der zeitlebens neue Zähne ausbildet, ist er dann auf künstlichen Zahnersatz angewiesen.

Seit Jahren wird allerdings schon an der Züchtung von Nachschub gearbeitet. Auch wenn Zähne im Vergleich zu Herz und Niere wie einfache Organe wirken mögen, ist es eine große Herausforderung, sie beim Erwachsenen „nachwachsen“ zu lassen, beginnt doch die natürliche Anlage der Milchzähne wie der erwachsenen Zähne schon in der frühen Schwangerschaft und ist das Ergebnis eines komplizierten Wechselspiels von genetischen Signalen.

Wie die japanische Gruppe nun berichtet, wurden aus zwei Zelltypen, die an der Zahnbildung beteiligt sind, im Labor künstliche Zahnkeime herangezüchtet. Diese kleinen, ganz frühen Entwicklungsstadien des Zahns wurden anschließend in die Lücken im Mäusekiefer eingesetzt, die drei Wochen zuvor durch das Ziehen eines Backenzahns entstanden waren. In den meisten Fällen hätten sich aus dieser Saat ausreichend harte, kautüchtige und schmerzempfindliche Zähne entwickelt, berichten die Forscher. Die neuen seien allerdings deutlich kleiner als ihre Vorgänger, sodass sie die Lücke nicht vollständig schließen können. Bleibt die Frage, ob und wie schnell sich die Erfolge bei der Züchtung von Mäusezähnen für den Menschen nutzen lassen. „Die Schwierigkeiten beginnen schon bei der Suche nach dem passenden Ausgangsmaterial für die Züchtung der Zahnkeime im Labor“, sagt der Biologe Herbert Renz von der Charité. Aus den Zahnkeimen müssten sich zudem jeweils zuverlässig diejenigen Zahntypen entwickeln, die an den entsprechenden Platz im Kiefer gehören.

Möglich ist aber auch, dass die Wissenschaft in der Zwischenzeit bei der Züchtung anderer Organe von den Erfolgen der Zahnmediziner profitiert. Zähne seien nicht nur leichter zugänglich als innere Organe, man könne man sich bei ihrer Züchtung auch eher Fehlschläge erlauben, meint Paul Sharpe vom Londoner King’s College: „Wenn die Zähne auch unsere Lebensqualität stark verbessern, wir kommen doch notfalls ohne sie aus.“ Adelheid Müller-Lissner

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