Zeitung Heute : sind wieder wer Vier

Sie trafen sich in einem kleinen Laden, in Wohnungen oder in der Kneipe. Wie die Parteien 1945 neu anfingen. Ein Rückblick zur Bundestagswahl.

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Von Hermann Rudolph Steine reden nicht. Ein DönerRestaurant, das einmal ein Café war. Ein Mietshaus, Jahrhundertanfang oder etwas später, zwei Bögen über dem Eingang, um dem Haus einen repräsentativen Anstrich zu geben. Eine kleine, efeubewachsene Gründerzeitburg, in der sich heute ein Wirtschaftsprüfer befindet. Ein heruntergekommenes Wohn- und Geschäftshaus. Aber wenn Steine reden würden, könnten sie etwas erzählen. Zum Beispiel die Geschichte, wie an diesen Orten vor 60 Jahren die Neugründung der deutschen Parteien eingeleitet wurde.

In diesem Erinnerungsjahr, in dem des Kriegsendes, der Besatzungszeit und der Potsdamer Konferenz gedacht wurde, ist das kein großes Kapitel, aber ein wichtiges – und faszinierendes. Und es ist ein Berliner Kapitel. Die deutsche Kapitulation liegt noch nicht einmal sechs Wochen zurück, da beginnt eine Hand voll Männer – zumeist ältere, Frauen sind kaum dabei – einen politischen Grundstein zu legen. Im Café Rose instruiert Walter Ulbricht eine kommunistische Initiativgruppe. An der Ecke Bülow-/Zietenstraße beginnt die Wiedergründung der SPD, in der Platanenallee in Westend die Gründung der CDU, in Wilmersdorf die der FDP. Aber gegründet werden nicht nur Parteien. Es entsteht das deutsche Parteiengefüge, das die politischen Verhältnisse seither trägt und formt. Nur weniges kommt hinzu: In der Bundesrepublik in den 70er Jahren die Grünen, in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) die Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED, dazu Kunstgründungen von Nationaldemokraten und Bauernpartei, nach der Wende die PDS, in diesem Jahr die Linkspartei.

Natürlich haben vor allem Mitglieder der alten Weimarer Parteien Kontakte untereinander gesucht. Im Lebensmittelladen des späteren SPD-Mitbegründers Max Fechner in Neukölln sammeln sich zum Beispiel alte Genossen. Doch der Anstoß geht aus von dem Befehl Nr. 2 der sowjetischen Militäradministration, der die Bildung und Tätigkeit von Parteien freigibt, und es ändert nichts an seiner Wirkung, dass ihn vermutlich nicht gerade die Begeisterung für die Parteiendemokratie inspirierte, sondern die Absicht, Einfluss auf die Entwicklung in ganz Deutschland zu gewinnen. Denn nun ereignet sich sozusagen eine politische Sturzgeburt. Die KPD prescht voran und veröffentlicht am 11.Juni ihren Gründungsaufruf. Die anderen Parteien folgen auf dem Fuß: Am 15. versammeln sich die SPD-Gründer, am 16. die der CDU und der Liberalen. Die Hektik hat nicht zuletzt einen politischen Grund. Man wollte, so notiert es Wilhelm Külz, einer der Gründer der liberalen Partei, „der Kommunistischen Partei gegenüber einen Anfang zu einer nichtkommunistischen Parteibildung schaffen“.

Man glaubt, den Grundsatzpapieren, mit denen die Parteien an die Öffentlichkeit treten, die Eile anzusehen. Protokolle in holpriger Schreibmaschinenschrift. Die Aufrufe im schwerfälligen Schriftbild des alten Zeitungsdrucks, gefettete Absätze, viele Ausrufezeichen. Die SPD schafft es immerhin, ihren Gründungsaufruf am 19. Juni zu veröffentlichen, knapp eine Woche nach der KPD, die in der russischen Zone sozusagen einen Feldvorteil hatte. Die CDU braucht zehn Tage, bis der Journalist Emil Dovifat in seinen Kalender notiert: „1/2 19 Uhr Gründungsaufruf unterzeichnet“. Die Liberalen gründen erst eine Deutsche Demokratische Partei – so hieß die links-liberale Partei in der Weimarer Republik –, bis sie sich auf ihre Liberalität besinnen und den Namen in Liberal-Demokratische Partei ändern: Im Protokoll ist das Wort „Deutsch“ säuberlich mit „xxx“ unkenntlich gemacht und „Liberal“ darüber geschrieben.

Beeindruckend ist der Ernst, der die Gründer beseelt, auch wenn er mit reichlich Pathos ausgedrückt wird. Aus „heißer Liebe zum deutschen Volk“ ruft die CDU zur Parteigründung auf. Der LDP geht es um nichts Geringeres als darum, „ein neues deutsches Volk und einen neuen deutschen Staat“ zu schaffen, um die „Wiedergeburt des deutschen Volkes“. Aber der liberale Aufruf teilt auch die Stimmung der Zeit, die im Desaster Trost bei den Klassikern sucht. Den Schluss der Präambel überlässt er einem Dichterwort: „Schwerer Dienste täglicher Bewahrung,/Sonst bedarf es keiner Offenbarung“. Welchem Dichter? Kein Name. Offenbar waren die Parteigründer so sehr Bildungsbürger, dass sie davon überzeugt waren, jeder wisse Bescheid. Beschämt greift der Nachgeborene zum Zitaten-Wörterbuch: Es ist Goethe, „West-östlicher Divan“.

Aber wenn der LDP-Aufruf davon spricht, dass das deutsche Volk vor einem Trümmerfeld stehe, so ist das nicht nur eine rhetorische Formel, sondern die Beschreibung der realen Lage. Hinter diesen Parteigründungen steht das zerstörte Berlin – buchstäblich, nicht nur metaphorisch. Der äußerlichen Zerstörung entspricht die politische und die moralische Situation. Wenige Tage zuvor, am 5. Juni, haben die Siegermächte ihre Berliner „Erklärung in Anbetracht der Niederlage Deutschlands und der Übernahme der obersten Regierungsgewalt in Deutschland“ erlassen. Danach gibt es Deutschland als verantwortlich handelnde politische Größe nicht mehr.

In einer solchen Situation zählen nicht nur die politischen Absichten, sondern auch die Nachkriegszustände. Sie machen Parteiengründungen zu abenteuerlichen Unternehmungen, bei denen Zufälle, alte Bekanntschaften und nicht zuletzt die Verkehrsverhältnisse eine wichtige Rolle spielen. Johann Baptist Gradl, einer der CDU-Gründer, erinnerte sich: Der einzige Weg zu Gleichgesinnten sei der „Weg zu Fuß oder – soweit nicht zerstört oder gestohlen – das Fahrrad“. Bis „der Verkehr einigermaßen über ganz Deutschland und vor allem auch in Berlin in Ordnung kommt“, bleibe eine Gründung „eine Fahne, die man als Wahrzeichen kommender Möglichkeiten hisst“, notiert einer der Liberalen. Der Gründungsaufruf erbittet schriftliche Beitritte „nach Wiedereinführung des Briefverkehrs“, „inzwischen mündlich“. Natürlich ist die treibende Kraft der Wille, politisch tätig zu sein, aber es spielte sicher eine Rolle, dass die beiden Hauptgründer der Liberalen, Waldemar Koch und Wilhelm Külz, nur ein paar Schritte weit auseinander wohnten. Und dass der erste Vorsitzende der CDU Andreas Hermes hieß, ist gewiss in seiner Rolle in der alten Zentrumspartei und im Widerstand begründet. Aber zugute kam ihm auch, dass er ein Auto zur Verfügung hatte, weil ihn die Sowjets zum Leiter des Ernährungsamtes ernannt hatten.

Weshalb Berlin? Zumal im Westen, wo das „Dritte Reich“ schon zu Ende war, als in Berlin noch gekämpft wurde, vorbereitende Überlegungen ziemlich weit gingen. War es nur die Entscheidung der Westalliierten, Parteien erst später zuzulassen, während die Sowjetunion darauf aus war, Fakten zu schaffen? Aber auch dahinter steht der historische Ort, die Reichshauptstadt, das letzte große Schlachtfeld des Krieges, der Platz, nach dem alle Alliierten als Faustpfand ihres Sieges griffen. Nirgendwo lebten so viele Politiker aus der Weimarer Republik, die hier Nischen für das Überleben gefunden hatten, einschließlich des Kontakts zu Gesinnungsgenossen. Und auch sie fühlten sich getragen von dem Rang der Stadt, die seit der Reichsgründung zum Hauptschauplatz deutscher Politik geworden war.

Unbefangen traten die Berliner Parteigründer deshalb mit einem deutschlandweiten Anspruch an. Die LDP begriff sich als „Reichsparteileitung“, die CDU nannte ihre Geschäftsstelle „Reichsgeschäftsstelle“, und auch die SPD gab ihrem Gründungskreis den Namen „Zentralausschuss“. In diesem Anspruch wirken die in Weimar und im Kaiserreich eingeübten Reflexe weiter. Aber vor allem steht dahinter die von keinem Zweifel getrübte Überzeugung, dass Berlin weiter das Zentrum der deutschen Politik sein werde. Natürlich realisierten alle das Desaster, in das das Land geraten war, es war ja auch, gerade in Berlin, nicht zu übersehen. Doch zugleich gingen sie davon aus, dass das Reich fortbestehen und Deutschland ein einheitlicher Staat bleiben werde.

Spätestens hier bekommt die Gründung tragische Züge. Denn bald wurde ja offenbar, dass mit dem Reich kein Staat mehr zu machen war, dass auch keine gemeinsame deutsche Politik mehr möglich sein würde, dass die eben gegründeten Reichsgeschäftsstellen also in der Luft hingen – und schließlich auch das Berlin, von dem aus sie ihre Aufrufe ins Land hinaussandten. Ahnten sie etwas davon? Jedenfalls bekamen sie bald zu spüren, was an Herausforderungen, an Kämpfen und, nicht zuletzt, an Niederlagen die Zukunft in petto hatte. Kaum gegründet, geraten diese Parteien tief und unabwendbar in den Ost-West-Konflikt – die SPD in die Mühle der Zwangsvereinigung, während CDU und LDP von den Sowjets unter Druck gesetzt werden, um gute Miene zum beginnenden bösen Spiel der Errichtung eines diktatorischen Systems und der daraus folgenden Teilung zu machen.

Die Berliner Parteigründungen erleiden diesen Teil der deutschen Geschichte am eigenen Körper, ja, bei lebendigem Leibe. Sie werden hineingerissen in den Kampf zweier Welten, der demokratischen und der kommunistischen, der freiheitlichen und der totalitären, und förmlich dabei zerrissen. Sie werden zum Schauplatz des Ringens um die Bewahrung der deutschen Einheit – und seines Endes in der Teilung. Es gehört dazu, dass ihr Anspruch auf eine führende Rolle zunehmend von den Parteifreunden in Süd- und Westdeutschland bestritten wird. In der SPD wird Hannover zum Zentrum, wo Kurt Schumacher, der charismatische Führer, wohnt. Der Schwerpunkt der CDU liegt bald im Rheinland, wo Konrad Adenauer die Zügel in die Hand nimmt. Bei den Liberalen bestreiten die süddeutschen Verbände den Berliner Anspruch. Und überall breitet sich Misstrauen aus, ob die Berliner Parteifreunde nicht den Sowjets und der SED zu weit entgegengehen. Zugleich kommen alte Vorbehalte gegen den Berliner Zentralismus auf, aktiviert durch das Selbstbewusstsein, das in den westdeutschen Ländern und Zonen entsteht. Nicht nur die deutsche Spaltung zeichnet sich ab, sondern auch die dezentrale Ordnung Nachkriegsdeutschlands mit ihren Kraftzentren in den Regionen.

Nur ein paar Jahre später sind aus den Berliner „Reichsleitungen“ im Westen schlichte Landesverbände der in Bonn residierenden Bundesparteien geworden, im Osten Blockparteien unter dem Kommando der SED. Im Falle der Liberalen spiegelt sich dieses Drama selbst in den Turbulenzen, in die der Parteiname gerät. Erst spricht die Berliner LDP ihrem Vorsitzenden Külz wegen seiner Annäherung an die SED das Misstrauen aus. Im Gegenzug schließt die eine LDP – in der SBZ – die andere – in Berlin – aus. Dann gibt es für eine kurze Zeit eine LDP im Osten und im Westen. Schließlich gründet die West-Berliner LDP 1948 die Bundespartei FDP mit, um dann Anfang 1949 den Namen LDP zugunsten der FDP aufzugeben. Im Osten behält sie den Namen bis ins Jahr 1990 hinein. Dann verschwindet er ganz aus der deutschen Parteigeschichte.

Wirft man von heute aus einen Blick zurück auf diese Geschichte und die Berliner Planquadrate, in denen sie sich abspielte, wird einem ganz geisterhaft zumute. Fast könnte man meinen, die Geschichte der deutschen Parteien beschreibe einen großen Bogen, der sie nach 60 Jahren, nach viel Bonn, nach Auf- und Abstiegen, Koalitionen und Krisen, wieder dorthin zurückgeführt habe, wo sie im Halbdunkel der Nachkriegszeit anfingen. Denn nun hat die SPD ihre Bundeszentrale in Kreuzberg, ein paar Autominuten entfernt von dem Platz, an dem ihre Gründung begann. Die CDU errichtete ihre Bundesgeschäftsstelle sozusagen zwischen Westend und der Jägerstraße, in der sie nach der Gründung ihren Sitz hatte. Auch die FDP ist ihrem Gründungsort nahe gerückt. Nur die SED blieb immer in Berlin. Dafür hat sie ihren alten Namen drangeben müssen, und ihre Kontinuität hat einen massiven Knick abbekommen.

Hannah Arendt, die große politische Philosophin, hat immer wieder hervorgehoben, dass die Möglichkeit, etwas zu gründen, einen neuen Anfang zu machen, dem politischen Handeln einen besonderen Rang gibt. Eine Gründung bringt etwas Neues in die Welt. Es hebt Politik über das bloße Reagieren, Sich-Arrangieren und Verwalten hinaus. Hannah Arendt hat ihre hohe Auffassung vom Anfangen und Gründen vor allem auf die Akteure der amerikanischen Revolution bezogen. So hoch in der Geschichte sind die Männer sicher nicht zu platzieren, die hier in Berlin begannen, die deutschen Dinge wieder ins Lot zu bringen. So weit ging ihr Ehrgeiz nicht, und sie wären – nüchterne Aufbauhelfer, die sie waren – erstaunt gewesen, wenn man ihrem Handeln eine solche Bedeutung zugemessen hätte. Aber eine Spur dieser besonderen Leistung des Gründens und Anfangens reicht auch in die Versammlungen hinein, mit denen die mageren Nachkriegsgestalten die ersten Schritte in Richtung Aufbau einer neuen Staatlichkeit machten. Und das Verdienst, in einer unvergleichbaren Situation einen ersten Halt gegeben zu haben, kommt ihnen jedenfalls zu.

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