Zeitung Heute : Sinfonie der Misstöne

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Von Holger Schlösser

Sieht so die Zukunft aus? Während die Teilnehmer des ersten Berliner UMTS-Tages der IHK noch anstehen und sich registrieren lassen, ertönt drinnen ein Konzert der Klingeltöne. Einziges Instrument der im vorigen Jahr auf der Ars Electronica uraufgeführten Sinfonie ist das Handy. „Wir brauchen neue Ideen und eine Prise Humor, um die künftige UMTS-Welt mit Leben zu füllen“, erklärt Unternehmensberater Wolf Siegert von Vision Consult. Das Beispiel zeigt, wie kreativ und reizvoll das Handy genutzt werden kann, sogar ohne neue Highspeed-Technologien.

Technik, die kreative Inhalte ermöglicht, ist das Thema, über das man im Ludwig-Erhard-Haus diskutiert. Für den Hauptgeschäftsführer der IHK, Thomas Hertz, sind die Unkenrufe, denen die Branche zur Zeit ausgesetzt ist, völlig überzogen. „Berlin kann sich hier ausgezeichnet positionieren. In der Stadt gibt es nicht nur über drei Millionen Handys, auch die erforderlichen Konsumstile sind vorhanden“. Hertz ist sicher, dass Berlin in diesem Bereich Trends setzen und sich zu einem wichtigen Testmarkt entwickeln wird.

Unterstützung für diese These kam von Berthold Butscher, Institutsleiter des Fraunhofer Institutes Berlin. Die renommierte Forschungseinrichtung entwickelt zurzeit in Berlin mit T-Mobil eine Testplattform, auf der exemplarische UMTS-Dienste schon vor dem Marktstart unter realen Bedingungen ausprobiert werden können.

Die Zeit drängt. Schließlich haben die Telekom-Konzerne für die UMTS-Frequenzen fast 50 Milliarden Euro ausgegeben. Eine Summe, die nicht geringen Anteil an der gegenwärtigen Krise der Branche hat. „UMTS wird unter ungünstigen Bedingungen aufgebaut, doch trotz der Vertrauenskrise der Anleger kann die Technik erfolgreich sein“, meint Georg Erber vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Allerdings ist Erber zufolge der Staat gefragt, die Frequenzkosten nochmals neu zu bewerten. Auf keinen Fall dürften die Kosten allein auf die Kunden abgewälzt werden.

Um die neue Multimediawelt Realität werden zu lassen, müssen aber erst die technischen Voraussetzungen geschaffen werden. Die Vorschriften der Regulierungsbehörde sind eindeutig: Bis Ende kommenden Jahres muss UMTS 25 Prozent der Bevölkerung erreichen. Das ist nur machbar, wenn alle großen Städte über 180 000 Einwohner mit UMTS ausgerüstet werden. Berlin wird also tatsächlich von Anfang an dabei sein, obwohl sich die Stadt zur Zeit etwas schwer tut.

Nach den Erfahrungen von Michael Böhme, Netzbetriebsleiter E-Plus, wird es für zunehmend schwieriger, neue Standorte für die UMTS-Funkanlagen zu finden. Kaum ein anderes Thema erhitzt die Gemüter so sehr, wie Mobilfunk und Elektrosmog. „Die Menschen wollen überall telefonieren, aber gegen den Bau von Antennen wehren sie sich.“ Obwohl die Wissenschaft trotz vieler Studien keine Grundlage für derartige Sorgen fand, fürchten sich die Menschen vor der gesundheitsschädigenden Strahlung durch Sendeanlagen.

Von der Politik haben die Netzbetreiber in dieser Auseinandersetzung kaum Hilfe zu erwarten. Im Gegenteil: Schon jetzt rufen auch Berliner Kommunalpolitiker nach neuen Grenzwerten, wie sie etwa in der Schweiz existieren. In zehn von 12 Bezirken dürfen bereits keine Sendeanlagen mehr auf öffentlichen Gebäuden errichtet werden.

„Ein Reflex der Verwaltung auf die diffusen Ängste der Bevölkerung“, versucht sich Volkmar Strauch, Staatssekretär der Senatsverwaltung für Wirtschaft an einer Erklärung. Zwar weist Strauch darauf hin, dass dies nicht für private Gebäude gilt. In jedem Fall aber müssen die Betreiber mit weniger Standorten auskommen. Als Signal in die falsche Richtung bezeichnet denn auch Netzbetriebsleiter Böhme diese Politik.

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