SINFONISCHE LAUTMALEREISigur Rós : Die Tiefseetaucher

Jörg W er

„Die Gesänge der Buckelwale“ hieß eine Ende der Siebziger vor allem in esoterisch angehauchten Wohngemeinschaften verbreitete Langspielplatte. Die Unterwasser-Arien der Meeressäuger gerieten für die Popmusik wieder in Vergessenheit, bis 1999 ein seltsames Lied zunächst in Indie-Hipster-Kreisen und später in den Chill-out-Zonen dieser Welt zirkulierte: „Svefn-g-englar“ war sozusagen die „Hitsingle“ des zweiten Albums der isländischen Band Sigur Rós, ein zehnminütiges, im Zeitlupentempo von hypnotischen Gitarrenschleifen getragenes Song- Ungetüm, das sich vor allem durch Jónsi Birgisson von allem unterschied, was man bis dahin von Popmusik gewohnt war. Dessen sirenen- oder besser buckelwalartiger Falsettgesang setzte ungefähr in einer Tonlage an, bei der Thom Yorke oder Chris Martin in ihren exaltiertesten Momenten auszusteigen pflegen. Zudem konnte man sich aufgrund der Fremdheit der isländischen Texte nie sicher sein, ob er nicht längst in reine Lautmalerei abgedriftet war.

Zum Glück erschöpft sich die mit sinfonischer Präzision durchkomponierte Musik von Sigur Rós nicht im Novelty-Charakter eines exotischen Klangerlebnisses. Taucht man in die submarinen Sound-Landschaften tiefer ein, erkennt man Riffe, Gräben, Sandbänke, überhaupt Strukturen, die man im amorphen Oberflächengewaber nicht vermutet hätte. Diesen Ansatz haben Sigur Rós zuletzt sogar erfolgreich ausgeweitet: Auf der aktuellen Platte mit dem gewohnt kryptischen Titel „Með suð í eyrum við spilum endalaust“ spielen sie sich näher an konventionelle Songformate heran als je zuvor. Sigur Rós bleiben die etwas andere Band vom Rande Europas – vielleicht demnächst mit echten Hits. Jörg Wunder

Tempodrom, Mi 13.8., 20 Uhr, 28 € + VVK

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