Zeitung Heute : Singen, klatschen, kreischen

Andreas Austilat

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Immer weniger Männer in Deutschland wollen Kinder. So stand es neulich in der Zeitung. Kinder kosten Geld und stellen viele Fragen, warum soll man also welche haben wollen? Nun, die Antwort ist leicht: weil Männer empfänglich sind für schmeichelhafte Anerkennung. Und die kriegt man satt von so einem kleinen Wurm.

Männer, die ihr keine Kinder habt: Ihr denkt, ihr wisst, was Liebe ist? Von wegen. Nie wieder, seit ihr bei eurer Mutti ausgezogen seid, hat jemand euch so bedingungslos geliebt. Niemand sonst wird euch je so bewundern, wie das Kind seinen Vater. Zumindest so lange es klein ist. Und deshalb ist mir seit ein paar Tagen auch so wehmütig. Denn meine Tochter ist jetzt fast neun, und seit letzten Montag ist sie groß und sucht sich neue Idole.

Was ist passiert? Sie war auf ihrem ersten Konzert. Und ich war mit. Auf der Bühne der Columbia-Halle stand Yvonne Catterfeld, und das Publikum bestand zu 75 Prozent aus Mädchen zwischen sieben und 13. Das Konzert ist aufgezeichnet worden, falls sich jemand die DVD anschauen sollte, ich bin leicht zu erkennen. Man braucht nur auf jemand Größeren zu achten, der einfach bloß so dasteht. Aber wahrscheinlich schneiden sie mich raus.

Ich habe schon viele Konzerte erlebt, so etwas habe ich noch nicht gesehen. Dass eigentlich alle mitklatschen, mitsingen und auch mal kreischen, von der ersten bis zur letzten Reihe, vom Rang bis unten ins Parkett, und das, obwohl viele da unten gar nichts gesehen haben können, weil sie doch noch so klein sind.

„Es waren 23 Lieder mit und zwei ohne Yvonne Catterfeld“, hat meine Tochter auf dem Heimweg gesagt. So viele verschiedene, das habe ich gar nicht richtig mitgekriegt. Aber sie hat alles ganz genau registriert. Und bis ich sie ins Bett gebracht habe, hat sie dann gar nicht mehr gesprochen, sondern nur noch gelächelt.

Anderntags auf dem Schulhof kam mein Mädchen groß raus. Denn natürlich hat sie von dem Konzert erzählt. Und sie hat auch jedem erzählt, mit wem sie dieses Abenteuer bestanden hat. Und wer ihr unter großem körperlichen Einsatz im Gedränge eines der letzten Poster ergattert hat: ihr Vater, der Held. Ach, sie ist so ein gutes Kind.

Yvonne Catterfeld kommt wieder: Am 6. August zum Festival im Schöneberger Kleistpark.

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