Zeitung Heute : Singen mit dem Körper, tanzen auf den Tasten

TANZ IM AUGUST Bis an den Rand der Erschöpfung und darüber hinaus: Der Tänzer Dieter Baumann und der Pianist Reinhold Friedl suchen in ihrem intimen Duett „Tropen“ nach neuen Ausdrucksformen

SANDRA LUZINAD

Wer in diesem Jahr die Aufführungen von „Tanz im August“ besucht, sollte den Blick schärfen und die Ohren spitzen. „Listen!“, fordert das Festival auf, denn diesmal geht es nicht vorrangig um das visuelle Erleben, sondern auch um die akustische Wahrnehmung. Dieter Baumann von der Tanzcompagnie Rubato und Reinhold Friedl, Pianist und Leiter des Ensembles Zeitkratzer, passen mit ihrem neuen Projekt wunderbar ins Konzept.

In „Permanent Dialogues“ haben Rubato und Zeitkratzer erstmals zusammengearbeitet, seitdem ist der Kontakt zwischen Baumann und Friedl nie abgerissen. Mit „Tropen“ erreicht der Dialog eine neue Ebene, denn hier finden die beiden Künstler zu einem intimen Duett zusammen. Der Begriff Tropen bezeichnet in der Linguistik sprachliche Anordnungen, die von der gewöhnlichen Wirkung der Sprache abweichen; in der Musik versteht man unter Tropen eine Liedstruktur. Wer bei Tropen an Wärme und Feuchtigkeit denkt, liegt aber auch nicht falsch. Wie der Tänzer ringt auch der Pianist mit seinem Instrument. „Am Ende bin ich nass geschwitzt“, bekennt Friedl.

Die Anordnung ist einem Liederabend vergleichbar, denn wie der Kammersänger verharrt der Tänzer in der Nähe des Flügels. „Ich singe mit dem Körper“, erklärt Dieter Baumann. Eine Behauptung, die der Pianist keineswegs befremdlich findet. Wenn man wie Reinhold Friedl die Welt in musikalischen Kategorien wahrnimmt, dann erscheint auch das Spiel der Bewegung wie eine Melodie. Und umgekehrt wird der Pianist zum Tänzer an den Tasten.

Die 13 „Lieder“ sind eher „musikalische Aggregatzustände“. Die Spieltechniken, die er entwickelt habe, seien teilweise brutal, lacht Friedl. Blaue Flecken an den Unterarmen und blutig aufgerissene Finger vom Glissando-Spielen zeugen davon. „Es klingt völlig verrückt, gar nicht mehr wie Klavier“, schwärmt Friedl. „Der Witz ist: Wenn man über die Stufe hinaus ist, darin eine Zweckentfremdung des Klaviers zu sehen, dann kann man das Klangmaterial gestalten.“

Nun kennt man Friedl als hingebungsvollen Performer, diesmal aber wird er noch anders gefordert. Und auch Dieter Baumann bewegt sich zwischen Expressivität und Erschöpfung. Für jedes Lied wechselt er den physischen Schwerpunkt, der Körper wird regelrecht „durchdekliniert“. „Je länger sich das Ganze aufbaut, desto mehr muss ich an eine Grenze gehen, mich selber herausfordern, weiterzugehen, nicht nachzulassen, immer neu nachzuladen.“

Beide, Pianist und Tänzer, erlegen sich extreme Beschränkungen auf. Das könne man „blöd puristisch“ finden, meint Friedl. Doch für ihn liegt ein Reichtum in der Begrenzung. Baumann sekundiert: „Dadurch, dass der Raum verweigert und extrem verdichtet wird, entsteht ein Korsett, aber in dem Korsett eine große Freiheit der Wahrnehmung und des Spürens.“ Um dahin zu gelangen, müssen die Künstler aber ganz schön ackern. In „Tropen“ kann man gewissermaßen Männern bei der Arbeit zusehen. Beide gehen bis an den Rand der Erschöpfung und darüberhinaus, wann sie diesen Punkt erreichen, ist aber unterschiedlich. „Das ist wie beim Sex: Der gemeinsame Orgasmus ist nicht unbedingt das Ziel“, lacht Friedl. Ganz sicher darf man sich aber auf einen Abend mit lauter Höhepunkten freuen. SANDRA LUZINA



Podewil: Preview 26.8., 21 Uhr. Auch 27.8.,

20 Uhr. Weitere Infos www.tanzimaugust.de

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