Zeitung Heute : Singen

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

Robert Ide

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ja, es gibt die große Liebe. Blenden wir uns mal ins Kino ein: Ein Mann steht am Mikrofon, sein Gesicht ist müde, sein Leben vorhersehbar. Nur seine Augen sind wach. Der Mann schaut eine Frau an – eine Frau, die er nicht genau kennt und von der er ahnt, dass er sie wohl nie richtig kennen lernen darf. Musik wird eingespielt. Der Mann beginnt zu singen, zunächst langsam, leise: „More than this…“ – seine Augen schauen rüber, jetzt traut er sich – „…you know, there is nothing.“ Die Frau schaut zurück, einen kurzen langen Moment treffen sie sich. Die große Liebe – beim Karaoke.

Gibt es das wirklich? Schauen wir mal nach im wahren Leben. Eine Klingel, ein Hinterhof mit Garagen, eine Bar, im Fenster ein paar Partylichter. Drinnen zehn Tische, laute Menschengruppen, laute Lieder. Eine asiatische Kellnerin bringt die Musikkarte. Madonna, Frank Sinatra, Udo Jürgens.

An der Bar stehen goldene Pokale. Auf der Bühne steht eine koreanische Hausfrau im langen Blümchenrock und haucht ein Liebeslied ins Mikrofon, vor ihr bewegen sich asiatische Männer und Frauen. Arm in Arm, Tanzschritt auf Tanzschritt. Auf Bildschirmen läuft der Text mit, auch Pferde sind dort zu sehen, Hochhäuser, Seerobben. Manchmal wird die Sängerin mit dem Blümchenrock eingeblendet. „Ich habe Angst“, sage ich zu meiner Begleiterin. Sie blättert ungerührt in der Karte.

An einem Tisch hinten in der Ecke sitzt ein deutsches Pärchen. Der Mann nippt an seinem Bier, die Frau gibt der Kellnerin einen Zettel mit ihrem Musikwunsch. Eine Viertelstunde später, als auf dem Bildschirm ein Titel von Chris de Burgh ankündigt wird, geht die Frau nach vorne und nimmt das Mikrofon. Sie singt „Lady in red“, die Asiaten umarmen sich gerührt und tanzen. Sie schließt die Augen beim Singen, schlägt sie wieder auf, schaut zu ihrem Freund hinüber. „There’s nobody here; it’s just you and me.“ Ihr Freund sitzt hinten und starrt in sein Glas. Ende einer großen Liebe – live in der Karaoke-Bar.

„Gib endlich einen Zettel ab“, sagt meine Begleiterin. Ich sehe sie panisch an, rede von meinen Stimmbandknötchen, versuche zu husten. „Wir singen zusammen“, beharrt sie und gibt einen Zettel ab.

Das erste Lied: Wir stehen auf der Bühne, rufen Textzeilen vom Bildschirm ins Mikrofon. „She’s like the wind.“ Wir sind laut, irgendwie unmelodisch. Die Asiaten verlassen die Tanzfläche.

Das zweite Lied: Die Asiaten setzen sich. Sie beginnen Gespräche.

Das dritte Lied: Uns wird der Ton abgedreht. Die Frau in der Ecke schaut uns hasserfüllt an.

Hier soll die große Liebe sein? „Wir müssen gehen“, sage ich. Meine Begleiterin schüttelt den Kopf, gibt einen letzten Zettel ab. Eine quälende halbe Stunde später kommt unser viertes Lied. Wir beginnen – langsam, leise. Schauen uns an – kurz, lang. Die ersten Asiaten gehen auf die Tanzfläche, dann alle. Wir lachen. Singen. Jubeln.

So geht es bis nach Mitternacht. Nein, das Leben ist nicht vorhersehbar.

Die Bar: Kims Karaoke, Mehringdamm 32. Das Lied: „More than this“ von Bryan Ferry, gesungen vom Schauspieler Bill Murray, zu hören auf dem Soundtrack des Films „Lost in Translation“.

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