Zeitung Heute : Sinnbild für Größe

St. Peter ist der bedeutendste Sakralbau der Christenheit. Am 18. April 1506 legte Papst Julius II. den Grundstein für den neuen Petersdom in Rom. 18 Päpste führten den Bau fort, bis das Gebäude schließlich 1623 nach 117 Jahren Bauzeit eingeweiht wurde.

-

Von Michael Zajonz 500 Jahre sind eine Ewigkeit. Für den Einzelnen sowieso, und selbst in der Geschichte ist ein halbes Jahrtausend eine nennenswerte Größe. Ein Weltwunder hingegen kennt kein Alter.

Ein solches Wunderwerk der Menschheitskultur feiert seinen 500. Geburtstag: Am 18. April 1506 legte Papst Julius II. feierlich den Grundstein für den Neubau von St. Peter in Rom. St. Peter ist nicht irgendeine römische Kirche, sie ist der größte und bedeutendste Sakralbau der Christenheit. Das war sie zur Zeit ihrer Entstehung, und das ist sie noch heute. Nicht die Mutter, aber doch eine Art Übermutter aller katholischen Kirchen. Wer ihre mächtigen marmornen Schwellen überschreitet und den Hauptaltar über dem Grab des Apostelfürsten in all der Golddämmerung mehr ahnt als sieht, spürt es sofort. Ehrfurcht ist ein körperliches Gefühl. Im Petersdom überwältigt sie jeden, auch Eilige. Selbst Zweifler.

Gianlorenzo Bernini, der begnadete Bildhauer-Architekt und Festarrangeur, hat mit seinen ovalen Kolonnaden um den Petersplatz die über 150-jährige Kirchenbaugeschichte glanzvoll beendet. Seine Säulenreihen umfassen mit offenen Armen: Katholiken, Andersgläubige, Atheisten. Wer die letzten Tage von Johannes Paul II. oder die Wahl Benedikts XVI. in Rom miterlebt hat, wird Bernini beipflichten.

Was dem heutigen Besucher von St. Peter wie eine Planung aus einem Guss erscheint, ist tatsächlich einer der spannendsten – und kapitelreichsten – Krimis der Kunstgeschichte. Generationen von Architekturhistorikern haben die Baugeschichte von St. Peter zu rekonstruieren versucht. Regalmeter von Fachliteratur sind erschienen. Mit dem aktuellen Forschungsstand macht seit Mittwoch, wie berichtet, die Ausstellung „Barock im Vatikan“ im MartinGropius-Bau vertraut.

Was meist ausgeblendet wird: Den Neubau des Petersdoms begleitet ein beispielloser Abriss. Auf dem Bauplatz am Vatikanspalast stand eine funktionsfähige fünfschiffige Basilika aus der Zeit Kaiser Konstantins des Großen. Lediglich die 1823 ausgebrannte Basilika S. Paolo fuori le mura konnte mit dem um 320 n. Chr. begonnenen Alt-St. Peter mithalten. Zahlreiche Grabmäler und Altäre machten aus dem von kolossalen antiken Marmorsäulen gesäumten Riesenbau ein Museum des Christentums. Wie es dazu kommen konnte, dass die größte frühchristliche Kirche Roms trotz vehementer und anhaltender Kritik Meter für Meter dem Bau von Neu-St. Peter weichen musste, ist eine der kontrovers diskutierten Kardinalfragen der Kunstgeschichte.

Man muss nicht so weit gehen wie der Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp, der die Bau- und Abbaugeschichte von St. Peter mit dem vom Nationalökonomen Joseph Alois Schumpeter erdachten Modell der „schöpferischen Zerstörung“ vergleicht. Was sich an St. Peter unbestritten wie unter einem Brennspiegel beobachten lässt, ist der Zusammenstoß von Mittelalter und Neuzeit. Das zentrale Problem aller Beteiligten, der Päpste wie der von ihnen beauftragten Architekten, war die Begrenztheit ihrer Zeit. Allen musste klar sein, dass ein solcher Riesenbau nicht von einer Generation zu bewältigen war. Wie konnte man da an einen Gesamtplan denken?

Mittelalterliche Dombauhütten hatten das Dilemma durch langfristiges, von Erfahrung geleitetes und immer wieder modifiziertes Bauen gelöst. Romanische und gotische Kirchen folgen deshalb nur selten einem einheitlichen Entwurf. Künstler-Architekten wie Bramante, Raffael oder Michelangelo musste ein solches Pasticcio aus Zeiten und Stilen zuwider sein. Die meist schon bei Amtsantritt greisen Päpste standen vor dem Konflikt, einerseits zu ihrem persönlichen Ruhm nach dem Entwurf ihres persönlichen Architekten weiterbauen zu wollen, andererseits die gefährdete Institution Kirche durch eine stringente Planung ihres Symbols St. Peter sichern zu helfen.

Die Architekten reagierten darauf, indem sie der Nachwelt vollendete Tatsachen hinterließen. Mal wurde an dieser, mal an jener Ecke des unüberschaubaren Terrains eine Wand hochgezogen oder ein Gewölbe geschlossen, um das gerade gültige Konzept zu zementieren. Nicht selten wurde das unlängst Entstandene von der nächsten Generation demoliert, um nach neuem Plan weiterbauen zu können.

Der Preis dafür war die größte innerstädtische Baustelle Europas, die für Jahrzehnte wie ein riesiges Ruinenfeld aussah. Politische Großereignisse wie die Reformation – unter anderem durch den Ablasshandel zugunsten des Petersdoms ausgelöst – und der Sacco di Roma von 1527 legten die Baustelle zwischenzeitlich ganz lahm. Die Römer spotteten über das von Gerüstlöchern perforierte Ziegelgerippe ihrer Prachtkirche, das nicht an das Zentrum der Welt, wohl aber an das Ende aller Zeiten erinnerte. Auswärtige Künstler wie Marten van Heemskerck haben die Brache immer wieder fasziniert dargestellt.

Was Abriss und Neubau vorausging, ist zum ebenso unverzichtbaren wie tragischen Prolog der Gesamterzählung über St. Peter geworden. Begonnen hat alles mit einem Grabmal. Giuliano della Rovere, der sechzigjährig im November 1503 den päpstlichen Thron als Julius II. bestieg, beauftragte Michelangelo mit seinem Freigrab, das alles Bisherige übertreffen sollte. Das Julius-Grab von 1505 gehört zu den großen nur Entwurf gebliebenen Werken der Kunstgeschichte.

Als Michelangelo vorschlug, ein vor fünfzig Jahren in den Fundamenten stecken gebliebenes Erweiterungsprojekt von Chor und Querhaus Alt-St. Peters aufzugreifen, um den nötigen Platz für die Grabanlage zu schaffen, geriet die Planung außer Kontrolle. Der Architekt Donato Bramante ergriff die Chance, Michelangelos Skulpturen-Ensemble in einem noch großartigeren Auftritt der Architektur aufzuheben. Bramante plante einen Zentralbau mit einer dem Pantheon nachgebildeten Kuppel und vier Nebenkuppeln. Dafür ließ er den alten Westteil der Kirche einreißen und zog vier gewaltige Pfeiler für die neue Hauptkuppel hoch. Michelangelos Projekt, aber auch der kostbare Altbau blieben dabei auf der Strecke.

Ein Vertrauter des Papstes legte dem 1514 gestorbenen Bramante den Spottnamen „Ruinante“ (Zerstörer) bei. Doch Julius II. hielt an seiner aggressiven, Tradition löschenden Symbolpolitik fest. Es ist kein Zufall, dass im Jahr des Baubeginns von Neu-St. Peter 1506 die päpstliche Palastwache, die sich bis dahin aus römischen Adligen rekrutiert hatte, durch die neu gegründete Schweizergarde ersetzt wurde.

Den Riss zwischen Wunsch und Wirklichkeit konnten Bramantes Nachfolger Raffael und Baldassare Peruzzi nicht kitten. Unter dem Praktiker Antonio da Sangallo geriet der Bau wieder in Bewegung, auch wenn er einen Teil seiner Energie sowie 4500 Scudi (für die man eine komplette Kirche hätte errichten können) in ein sechs Meter langes Holzmodell investierte. Mit der begehbaren Spielzeugkirche, die sich in Rom erhalten hat und 1995 im Berliner Alten Museum ausgestellt war, wollte er die Nachwelt verpflichten.

Der 72jährige Michelangelo, der Sangallo 1546 als Dombaumeister beerbte, kritisierte dessen Konzept als überdimensioniert und altmodisch. Baue man danach weiter, würde St. Peter ein unüberschaubarer Ort, an dem Falschmünzer Geld prägen und Vergewaltiger Nonnen schwängern könnten. Mit großer Energie ging Michelangelo gegen den in der Dombauhütte organisierten Anhang Sangallos vor (er sprach von setta sangallesca, der Sangallo-Sekte). In kürzester Zeit entwickelte er einen Bramantes Zentralbau vereinfachenden und dabei steigernden Entwurf und ließ sich von Paul III. eine Art Generalvollmacht erteilen.

Auf der Baustelle, der er bis zu seinem Tod 1564 vorstand, war Michelangelo fortan Souverän. Zu seiner mit Eigensinn geübten Macht gehörte es, kaum etwas in Zeichnungen oder Modellen zu fixieren. Kupferstiche, die das Projekt propagierten, erschienen posthum. Zu dem fünf Meter hohen Kuppelmodell, das nun die Ausstellung im Gropius-Bau beherrscht, überredeten ihn Freunde, als seine Kräfte nachließen.

Sein Nachfolger Giacomo della Porta hat das Wahrzeichen der katholischen Welt bis 1593 in modifizierter Form realisiert. Damit war Michelangelos Zentralbau in der Höhe und an drei Seiten vollendet. Nur am Petersplatz stand noch ein Rest des spätantiken Vorgängers, in dem man während der hundertjährigen Bauzeit die Messen gefeiert hatte. Der Borghese-Papst Paul V. ließ Alt-St. Peter ab 1605 endgültig abtragen – nicht um Michelangelos Werk endlich freizustellen, sondern um ihm ein Langhaus vorzublenden. Carlo Maderno unterzog sich der Aufgabe, die viel Kritik einbrachte.

Richtig fertig geworden ist der Petersdom bis heute nicht. In sich vollendet schon. Bernini zündete am riesigen Altartabernakel ein Feuerwerk bewegter Formen. Es sprüht noch immer. St. Peter bleibt Symbol und Museum in einem, ein Ort der Andacht und der Liturgie. Das Wunder lebt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!