Zeitung Heute : Sinnsuche im Niemandsland

Dass Angela Merkel Kanzlerkandidatin wird, bezweifelt kaum einer in der CDU. Doch in Begeisterung versetzt das den Parteitag nicht

Robert Birnbaum[Düsseldorf]

Wer Grenzen überschreiten will, steht irgendwann im Niemandsland. Ein gutes Stück Weg liegt hinter ihm, die ersten Zäune sind überwunden, ein paar Blessuren hat es gegeben im Trupp der Grenzgänger, ein paar sind zurückgeblieben. Das Niemandsland ist der letzte Ort für das Zögern, der Streifen der Ungewissheit. Er kann übrigens sehr breit sein. In Düsseldorf passt am Montag eine ganze Messehalle hinein, und wenn man das Bild noch mehr strapaziert, dann kann man sich dieser Tage sogar die komplette CDU im Niemandsland vorstellen: Etwas erschöpft, voll leiser Zweifel über sich selbst und darüber, ob die eigene Kraft ausreichen wird für den Rest des Weges.

Vielleicht ruft Angela Merkel deshalb alle, alle um Hilfe an? Eineinhalb Stunden redet die CDU-Vorsitzende jetzt schon, von Dieter Althaus bis Erwin Teufel ist jeder namentlich lobend erwähnt worden für seinen je eigenen Beitrag zum Gemeinschaftswerk. Mit leicht heiserer Stimme wegen einer hartnäckigen Erkältung – „Merkel für Parteitag fit gespritzt“ hat das örtliche Boulevardblatt vermeldet. Das ist wie üblich arg reißerisch. Aber dass das eine wichtige Rede werden würde, die nicht an einem Virus scheitern darf, ergibt sich aus der Logik des Parteitags. Am Nachmittag will Merkel wiedergewählt werden. Es ist ihre Bewerbungsrede. Und es ist zugleich die Rede, die den Beweis liefern soll, dass diese Angela Merkel nach allen Wirren und Intrigen, allen Zweifeln und Fragen irgendwie jetzt doch in der Mitte dieser CDU steht. Oder soll man sagen: Diese CDU so ausgerichtet hat, dass sie sich allmählich um die imaginäre Mitte Merkel herum gruppiert?

Das hat übrigens mit der berühmten K-Frage weniger zu tun. „Die Kandidatenfrage ist entschieden“ ist ein Satz, den, wer danach fragte, von jedem wichtigen CDU-Politiker mehr oder weniger offen hören könnte. Und auch unter CSU-Politikern ist die Zahl derer inzwischen sehr gering, die daran – im Ernst und nicht nur im üblichen politischen Spiel – noch Zweifel anmelden würden. Es hätte also keineswegs des Düsseldorfer Bürgermeisters Jochen Erwin bedurft, der in seinem Grußwort halb ernst, halb neckisch von der künftigen „Bundeskanzlerin Angela Merkel“ spricht. Merkel, sagen nachdenklichere Unionsgranden am Sonntagabend beim Bier, habe jetzt eher mit dem Problem zu tun, dass ihre Kandidatur eigentlich zu früh feststeht. Und dann erinnern sie daran, dass die SPD in den Jahren der Kohl-Regierung ihre Kanzlerkandidaten immer sehr spät bestimmt habe in der berechtigten Sorge, dass die sonst verschlissen würden.

Andererseits – was den Verschleiß angeht, ist der ja bisher vor allem zu beobachten an Merkels Widersachern. Einer davon bekommt noch einmal einen starken Beifall in Düsseldorf. Fast zwei Minuten lang applaudiert der Parteitag Friedrich Merz, als Merkel ihn als den Schöpfer der Stufen-Steuerreform hervorhebt. Es ist eine denkwürdige Szene: Merkel am Podium spricht erst weiter, als der Letzte aufhört zu klatschen, Merz am Präsidiumstisch bleibt sitzen, obwohl er jetzt sehr gut hätte aufstehen und die Huldigung entgegennehmen können. Kein nachtretender Triumph also, auf beiden Seiten. Übrigens wird Merkel am Ende dieses Parteitags Merz womöglich noch im Stillen dankbar sein dafür, dass er einen weiteren jener CDU-Leute abservieren hilft, die der Vorsitzenden gelegentlich lästige Widerworte geben. Man kann nämlich kurz vor Beginn des Kongresses auf der Bühne die Szene beobachten, wie Friedrich Merz mit heftig schwingendem Zeigefinger auf Hermann-Josef Arentz einschimpft. Arentz zieht ein Gesicht wie ein Schuljunge, wenn ihn der Lehrer tadelt. Arentz hat sich jahrelang vom Energiekonzern RWE bezahlen lassen, was kein Problem wäre, hätte nicht jener Spötter leider Recht, der am Vorabend formuliert: „Aber der hat doch gar nichts getan!“ Dies ist kurz vor dem Parteitag ruchbar geworden. Arentz hat ungeschickt reagiert. Und dann ist da noch der Satz gefallen, das sei doch mit dem Zuverdienst „wie beim Merz“. Der will aber als Anwalt demnächst arbeiten und nicht nichts tun. Derart erbost hat Merz die Gleichsetzung, dass er sich schwor, dieser Arentz werde nicht mehr ins Präsidium einziehen. Und so geschah es. Stattdessen sitzt dort künftig eine Merkel-Freundin: Ursula von der Leyen, Sozialministerin in Niedersachsen.

Ohnehin ist es eine merkwürdige Sache mit dem Widerstand, gegen den Merkel lange kämpfen musste. Nicht, dass er völlig verschwunden wäre. Es ist zum Beispiel durchaus instruktiv zu beobachten, wer von den Granden der CDU da oben auf der Bühne während der Rede der Vorsitzenden mehr klatscht als dringend notwendig und wer sich eher nur korrekt verhält. So weit geht das nicht, dass einer wie Roland Koch die Frau da vorne nun plötzlich toll findet. Aber alle wissen, dass die Zeit der offenen Rebellionen und Intrigen vorbei ist. Selbst wenn die Wahl in Nordrhein-Westfalen im Frühjahr verloren geht, vermuten viele in der Union, wird niemand noch einmal Merkel in Frage stellen. Spötter sagen sogar, dann erst recht nicht: Solle sie doch die Wahl 2006 verlieren – dann sei sie weg, und die anderen könnten das Erbe Helmut Kohls doch noch antreten.

Aber das sind Planspielchen für eine fernere und unsichere Zukunft. Aktuell stellen sich viele eher die Frage, ob nicht Merkels Siege über ihre Widersacher zu teuer erkauft worden sind. Merz in der zweiten Reihe, Wolfgang Schäuble immer mal wieder grätzig, Horst Seehofer weg, etliche Landesfürsten derart ruhig geworden in öffentlichen Debatten, dass es Züge von passivem Widerstand trägt. „Mit wem wollen wir eigentlich in die Wahlschlacht ziehen?“ fragt ein Landespolitiker am Rande des Parteitags. Und vermerkt, dass inzwischen der CSU-Chef Edmund Stoiber der stärkste Verbündete der Chefin sei, weil der wenigstens ein eigenes Interesse am Wahlsieg habe.

Das ist also die Lage. Irgendwie Niemandsland eben. Und dazu eine Partei, von der ein intimer Kenner sagt, dass sie verunsichert sei oder jedenfalls schwankend in ihren Gefühlen. Der Gesundheitsstreit mit der CSU hat seine Spuren hinterlassen. „Die Leute wissen nicht, ob sie der Führung vertrauen können, dass die das alles richtig macht und dass die sie zum Sieg führt“, sagt der Mann. Die Leute an der Basis tun sich auch schwer zu erklären, was denn die Politik ihrer CDU eigentlich ist.

Merkel macht es ihnen nicht leichter. Kein Schritt zurück in Reformfragen. „Die Lage unseres Landes ist so, dass wir gar nicht konsequent genug sein können.“ Leipzig, der Aufbruch-Parteitag vor einem Jahr, „nur eine Etappe“. An dem Punkt wird es im Saal leicht unruhig - noch mehr Reform? Aber das meint Merkel nicht. Ihr persönlicher Programmpunkt „Regierungsprogramm“ auf dem Weg zur Macht ist weitgehend abgearbeitet. Was noch folgt, tut keinem mehr weh: Außenpolitik etwa.

Nein, die Parteivorsitzende ist bei Stufe drei ihres Plans. Sinnstiftung. „Konservativ“ finden Zuhörer später diese Rede. Von Familie ist die Rede, von Religion, von Gemeinschaft. „Schicksalsgemeinschaft“, sagt Merkel sogar. „Leitkultur“ fällt einmal, aber schwer liberalisiert als „freiheitlich demokratische“. „Patriotismus“ fällt nicht. Das Wort liegt ihr nicht, viel zu altbundesrepublikanisch. Und die Zeiten, in denen man ihr ihre Herkunft zum Vorwurf machen konnte, sind ab jetzt vorbei. Längst ist die ehemalige DDR-Bürgerin Merkel mit dem Versuch beschäftigt, das Bauchgefühl der West-CDU, dieses Selbstverständnis einer selbstverständlichen Regierungspartei, auf ihre Weise zu variieren. Erzählt davon, wie befreiend es für sie gewesen sei, nach der Wende von „Deutschland“ reden zu dürfen, und wie still es immer im Interzonenzug wurde. Auch diese Biografie, soll das heißen, begründet eine christdemokratische Identität.

Der Beifall bleibt höflich. Den meisten sagt diese Sorte Liebe zum Vaterland erkennbar nichts. So wie Merkels Antrieb zur Grunderneuerung der Republik ihnen nach wie vor etwas unheimlich ist. Aber sie wissen, was Not tut, wenn man im Niemandsland angekommen ist. Man kann jetzt nicht zurück, nur noch nach vorn. Der Zwischenbeifall in den zwei langen Stunden, die die Chefin redet, ist nicht stürmisch. Der Beifall am Ende dauert sieben Minuten, La-Ola-Welle der Niedersachsen inklusive. Das Wahlergebnis: 88 Prozent. Keine Krönungsmesse. Etwas verloren steht die Siegerin hinterher mit dem protokollarischen Blumenbukett auf der Bühne. Wieder Niemandsland. Und wie hatte Merkel gesagt, als sie den Parteitag eröffnete? „So, jetzt wird es ernst.“

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