Zeitung Heute : sinnsuchen.de

Der Tagesspiegel

Stammtisch-Philosoph – für Gregor Nottebom ist diese Bezeichnung keineswegs ein Makel. Der 36-jährige Bochumer Berufsdenker möchte jeden zur Kunst des Denkens bringen. Um das in die Tat umzusetzen, hat er sich seit Februar mit dem Internet-Portal „ www.sinnsuchen.de“ ;, wie er selbst sagt, „in den Widerspruch begeben“.

„Das Internet steht für das Unechte, den Schein. Da ist es doch besonders interessant, in diesem Medium die Frage nach dem Sein und dem Sinn zu stellen“, meint Nottebom. Im gleichen Atemzug erinnert er an Sokrates: „Der hat damals die Marktplätze als Forum benutzt, um alle Bevölkerungsschichten zu erreichen. Heutzutage ist das Internet ein großer Marktplatz zum Erfahrungsaustausch.“ Nottebom betreibt seit vier Jahren eine der wenigen philosophischen Praxen Deutschlands. In seiner Bochumer Privatwohnung empfängt er Menschen, die nach dem Sinn des Lebens suchen, in einer persönlichen Krise stecken oder schlicht philosophieren möchten.

Der Wunsch nach Selbsterfahrung – und nicht nach Therapie – ist die Grundlage für ein philosophisches Gespräch mit dem 36-Jährigen. „Es geht nicht darum, Handlungsanweisungen oder Ratschläge zu geben. Das tue ich nie“, erläutert Nottebom. Auch bräuchten seine Gäste keine Angst davor zu haben, von Hegel, Kant oder Heidegger „überwältigt“ zu werden.

„Die Menschen sollen dazu kommen, äußere Einflüsse auszublenden, um sich selbst gegenüber eine neue Sichtweise zu bekommen.“ Das eigene Problem als Bestandteil des eigenen Wesens zu erkennen, sei der erste Schritt in die richtige Richtung. Nottebom möchte aufräumen mit Klischees. Philosophie sei alles andere als sinnlose Gedankenspielerei oder geistige Ergötzung.

Seit der Eröffnung des Internetportals ist Religion das Thema Nummer 1 in den diversen Foren, die für jeden Surfer offen stehen. „Das hängt sehr stark mit den Ereignissen vom 11. September zusammen“, meint der Philosoph. „Für viele bleibt es unverständlich, wie eine relativ kleine Gruppe von Fanatikern eine so große Wirkung erzielen kann.“ Darüber hinaus suchten Menschen den Kontakt zu ihm, weil sie glauben, in der Kirche keine Antwort mehr auf ihre Fragen zu bekommen.

Seit kurzem hat Nottebom das Angebot erweitert: „Ich möchte, dass sich jeder Besucher dort zu Wort meldet, wo er sich wohlfühlt.“ Kostenlos beantwortet er in einem Ethikforum Anfragen, die auch zur allgemeinen Diskussion gestellt werden. So versteht ein zwölfjähriges Mädchen nicht, warum es auf der einen Seite Haustiere gibt, die ein wichtiger Bestandteil der Familie sind, und warum andere Tiere nur dazu da sind, geschlachtet zu werden. Gut 13 000 Netz-Zugriffe seit dem Start des Projekts sind Motivation genug für Nottebom, den Service auszubauen – um die Philosophie aus ihrer verstaubten Ecke zu holen. „Mein Traum wäre es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, die philosophische Betätigung als Dienstleistung anzuerkennen.“ Daniel Rademacher/epd

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