Sippenhaft : Ein Instrument von Diktatoren

Von Sippenhaft im Fall Drygalla spricht der Vorsitzende ihres Rostocker Heimatvereins, vor Sippenhaft warnen Politiker.

Sippenhaft oder umfassender die Sippenhaftung ist heute ein doppelt ominöser Begriff. Schon das Wort „Sippe“ hat, anders als „Familie“, einen abschätzigen Beiklang. Eine Sippenhaft aber gilt als völlig unmöglich – spätestens seit die Nationalsozialisten Regimegegner und vor allem die Familien der Widerständler des 20. Juli 1944 in „Sippenhaft“ nahmen. Zudem drangsalierte die NS- Rassenideologie auch die „jüdisch Versippten“. Ein moderner Rechtsstaat kennt nur

persönliche Schuld und Verantwortung und keine Kollektivschuld aufgrund schierer Verwandtschaft oder sonstiger Nähe zu einem Beschuldigten oder Verurteilten. Ursprünglich aber geht die Haftung für Verwandte oder ganze (Volks-) Stämme auf alttestamentarische Überlieferungen, auf den Bund oder Bruch mit Gott und seinen Gesetzen oder den Mythos eines göttlichen Fluchs zurück. Die ganze Antike bis ins Mittelalter und auch das altgermanische Recht waren derart von Blutsbanden und Blutrache geprägt, dass Straftäter, Rebellen, Abweichler bis ins manchmal „dritte Glied“ verfolgt wurden.

Nicht nur die Nazis, auch der stalinistische und maoistische Terror kannte Formen der Sippenhaftung, wie fast alle Diktaturen. In Nordkorea vegetieren Familienverbände vom Kleinkind bis zum Greis in Straflagern, im syrischen Bürgerkrieg werden oft ganze Familien und Gemeinschaften ermordet. Die älteste „Sippenhaftung“ gründet freilich im biblischen Sündenfall und der Idee einer „Erbsünde“. Seitdem sind alle Menschen aus dem Paradies vertrieben.

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