Zeitung Heute : Sir Marks Traum vom großen Geld

Er witterte ein grandioses Ölgeschäft. Deshalb soll er einen Putsch finanziert haben. Jetzt droht Margaret Thatchers Sohn Gefängnis

Wolfgang Drechsler[Kapstadt] Matthias Thibaut

Über zwei Meter ist die Mauer hoch, Sicherheitsleute patrouillieren an ihr entlang. Sie ist weiß getüncht und umschließt ein 8000 Quadratmeter großes Anwesen in Constantia, einem Vorort Kapstadts. Er liegt auf der dem Meer abgewandten Seite des Tafelbergs, es regnet hier viermal mehr als gegenüber, 1300 Liter pro Quadratmeter und Jahr. Briten mögen das, es tut ihrem Rasen gut, viele leben hier. Im Herrenhaus hinter der Mauer wohnt Mark Thatcher. Er soll an einem Putsch beteiligt gewesen sein.

Gleich hinter den mächtigen Wänden an der Ecke von Monterey Drive und Dawn Avenue erhebt sich das Haus wie ein Palast. Über dem schmiedeeisernen Eingangstor surrt eine Videokamera. Mark Thatcher, der Sohn der früheren britischen Premierministerin Margaret Thatcher, ist wachsam.

„In Südafrika sind solche Sicherheitsmaßnahmen nicht ungewöhnlich“, sagt Mike Greeff, der die auf drei Millionen Euro geschätzte Villa für Thatcher verkaufen soll. Viele Reiche leben hier in Angst, verschanzt hinter mannshohen Mauern, Stacheldraht oder elektrischen Zäunen. Doch Thatcher hat sich wie kein anderer verbarrikadiert. Nachbarn beschreiben den 51-Jährigen als Sicherheitsfreak. „Er ist schon ein merkwürdiger Kauz“, sagt einer, der ein paar Häuser die Straße hinunter lebt.

Sir Mark, wie er heißt, seitdem er nach dem Tod seines Vaters Denis den Titel eines Baronet erbte, war immer wieder in den Schlagzeilen. Zum ersten Mal 1982, als er an der Rallye Paris-Dakar teilnahm, sich in der Sahara verfuhr und ein paar Tage als verschollen galt. Damals soll seine Mutter das erste und einzige Mal in ihrer Amtszeit Tränen vergossen haben. Immer wieder wurden Fragen nach der Quelle seines auf 60 Millionen Pfund geschätzten Vermögens laut. Immer wieder wurde ihm nachgesagt, Beziehungen zu Waffenschiebern zu pflegen.

Vielleicht war der scheue Geschäftsmann nicht völlig überrascht, als die Polizeisondereinheit „The Scorpions“ im Morgengrauen des 25. August auf sein Anwesen stürmte. Thatcher öffnete die Tür im Pyjama. Aber in einem Außengebäude stießen die Beamten auf gepackte Koffer. Seine vier Autos hatte Thatcher bereits verkauft, die beiden Kinder in einer texanischen Privatschule angemeldet. Die Kinder und Thatchers amerikanische Frau flogen am nächsten Tag in die USA.

Sieben Stunden lang durchstöberten die Ermittler jeden Winkel des Herrenhauses und seiner Nebengebäude – in der Hoffnung, Material über einen gescheiterten Putsch in dem afrikanischen Zwergstaat Äquatorialguinea zu finden. Vor zehn Jahren wurden dort, im Golf von Guinea, reiche Öllager entdeckt. Das hat Begehrlichkeiten geweckt, nicht nur bei Ölkonzernen. Während die Beamten Daten von Computerfestplatten kopierten und kistenweise Dokumente wegschleppten, wurde Sir Mark im nahe gelegenen Amtsgericht von Wynberg dem Haftrichter vorgeführt. Seither steht Thatcher unter Hausarrest, sein Reisepass wurde konfisziert. Die Kaution, umgerechnet 250000 Euro, musste Mutter Maggie aus London vorstrecken.

An diesem Donnerstag, drei Monate später, wird Thatcher wieder vor Gericht erscheinen. Wird er für schuldig befunden, den Umsturzversuch in Äquatorialguinea finanziell unterstützt zu haben, drohen ihm 15 Jahre Haft. Mit einer Auslieferung nach Äquatorialguinea, wie es das Regime des dortigen Langzeitdiktators Teodoro Obiang Nguema verlangt, muss Sir Mark indes kaum rechnen. Dort würde ihm nämlich die Todesstrafe drohen – wie einem der Putschführer, dem Südafrikaner Nick du Toit. Er steht mit seinen Männern nach monatelanger Haft in Äquatorialguineas Hauptstadt Malabo vor Gericht. Am Freitag wird sein Urteil gesprochen. Die Sicherheitskräfte dort haben ein Geständnis aus ihm herausgepresst. Einer seiner Mitgefangenen, ein Deutscher, ist im Gefängnis von Malabo gestorben, angeblich an Malaria.

Alles begann, als Soldaten am 7. März 2004 auf dem Flughafen der simbabwischen Hauptstadt Harare eine Boeing- 727-Frachtmaschine wegen falsch deklarierter Ladung beschlagnahmten. „In dem Flugzeug waren 69 mutmaßliche Söldner verschiedener Nationalitäten“, sagte Simbabwes Innenminister. Journalisten durften die Fracht besichtigen. Militäruniformen, Drahtschneidezangen, Kompasse und ein Schlauchboot, Schlafsäcke, Radiogeräte. Waffen waren nicht an Bord. Die wollte die Truppe in Harare an Bord nehmen.

Führer der Gruppe war Thatchers Kapstädter Freund und Nachbar Simon Mann, Ex-Offizier der britischen Armee, Absolvent des traditionsreichen Schulinternats Eton und der Offiziersakademie Sandhurst, Mitglied der legendären britischen Kommandoeinheit SAS und Offizier der Scots Guards, eines Leibregiments der Königin. Eine feinere Laufbahn kann ein britischer Soldat kaum haben.

In den nächsten Tagen wurde klar, dass das mysteriöse Flugzeug mit einem Putschversuch in Äquatorialguinea in Verbindung stand. Ein Flugzeug hatte den im Exil lebenden Oppositionsführer von Äquatorialguinea, Severo Moto, bereits nach Bamako, Hauptstadt des westafrikanischen Wüstenstaats Mali, geflogen. Dort sollte er den Putsch in Malabo abwarten. Der Plan war, dass eine von Nick du Toit geführte Gruppe den Kontrollturm des Flughafens besetzte. Dann wäre Manns Flugzeug mit den in Simbabwe geladenen Waffen eingeflogen.

Stattdessen saß Mann in Harares Hochsicherheitsgefängnis Chikurubi in einer fensterlosen Zelle. In einem der Briefe, die er aus dem Gefängnis an seine Frau Amanda schmuggelte, heißt es: „Um hier herauszukommen, brauchen wir Einfluss, so, wie ihn Smelly, Scratcher, David Hart mobilisieren können. Wir brauchen ihn massiv und jetzt. Wenn die Sache zum Prozess kommt, sind wir geliefert.“ Hinter den Namen verbergen sich: Mark „Scratcher“ Thatcher. Ely „Smelly“ Calil, ein in Nigeria geborener Libanese, der mit Öl Millionen verdiente und die Opposition in Äquatorialguinea unterstützt. Und David Hart, ein britischer Millionär, der sein Geld mit Immobilien gemacht hat.

Schnell sickerte durch, dass die drei nicht einfach nur einflussreiche Freunde von Simon Mann waren. In Mark Thatchers Haus am Monterey Drive meldeten sich bald Männer mit südafrikanischem Akzent und forderten Geld. Sie wüssten, dass er etwas mit dem Putsch zu tun habe. David Hart wurde, nach einem Bericht des „Daily Telegraph“, beim Nachmittagstee in seinem Londoner Hotel angehauen. „Der Mann glaubte, ich würde ihm 25000 Pfund geben, nur damit er nicht verrät, dass ich ein Freund von Simon bin“, zitierte die Zeitung Hart.

Äquatorialguineas Diktator Teodoro Obiang Nguema beauftragte seinerseits eine Londoner Rechtsanwaltskanzlei damit, Verfahren gegen die Geldgeber des Putsches anzustrengen. Rechtsanwälte zeigen Journalisten gerne Listen, in denen die Telefonanrufe vermerkt sind, die in den Tagen nach dem gescheiterten Putsch zwischen den mutmaßlichen Verschwörern hin- und hergingen. Neben den Namen Thatchers, Calils und Harts taucht auch ein anderer immer wieder darauf auf. Ein gewisser J.H. Archer. Er soll 74 000 Pfund auf Simon Manns Geschäftskonto eingezahlt haben. Es soll sich dabei um Calils guten Freund Lord Archer handeln, Romanautor, ehemaliger Generalsekretär der britischen Konservativen, der wegen Meineids eine einjährige Gefängnisstrafe absitzen musste und mit vollem Namen Jeffrey Howard Archer heißt.

Mindestens drei weitere britische Mitverschwörer werden genannt, darunter ein weiterer alter Freund der Thatcher-Familie, Nigel Morgan. Morgan war wie Mann Offizier der Scots Guards und soll vor vier Jahren mit Mark Thatcher die Firma Cogito gegründet haben. Ihr Projekt: eine Sicherheits- und Spionageagentur für den Diktator Teodoro Obiang Nguema aufzubauen. Um ihn vor Verschwörern zu schützen.

Vor zwei Wochen musste Großbritanniens Außenminister Jack Straw auf eine Anfrage im Unterhaus zugeben, dass er schon im Januar von den Putschplänen wusste. „Westliche Geheimdienste wussten Bescheid“, teilte Straw dem Parlament in einer lapidaren, kommentarlosen schriftlichen Antwort mit.

Wer ist Simon Mann, der die Fäden dieses Netzes aus Verschwörern, Abenteurern und Glücksrittern zusammenhält, zu dessen Knotenpunkten Eton, die Scots Guards, die britische Konservative Partei, die Thatcher-Familie und die Teezimmer Londoner Clubs und Hotels gehören? Er ist 51 Jahre alt, hager, hat dickes graues Haar. Als er im September in Harare vor Gericht erschien, sah man ihm die Monate in der Einzelzelle an.

Der Spross der britischen Bierbrauerdynastie Watney galt immer als etwas mysteriös. Mann schied 1981 aus der Armee aus, handelte mit Sicherheitsanlagen und organisierte Personenschutz für reiche Klienten. 1991 kehrte er für den Golfkrieg kurz in die Armee zurück. Dann wurde er Mitbegründer von zwei der berüchtigsten Söldneragenturen, die in Afrika operierten: „Executive Outcomes“, das Söldnerheer, das der angolanischen Regierung zum Sieg gegen die Rebellenbewegung Unita verhalf. Ähnlich positiv wird von vielen die Rolle eingeschätzt, die die Privatarmee in Sierra Leone spielte, wo sie für die Regierung die Diamantenprovinz an der Grenze zum Kongo aus Rebellenhand zurückeroberte. 1999 gründete Mann die Söldneragentur „Sandline International“. Sie half dabei, eine Rebellenarmee in Sierra Leone zu besiegen und so den Weg für die Demokratie zu ebnen.

Doch worum ging es Mann und seiner Truppe in Äquatorialguinea? Söldnerarmeen gelten den einen als effektives Instrument der Sicherheit in Fällen, wo die UN oder nationale Regierungen nicht operieren können. Das britische Außenministerium schlug 2002 sogar vor, Söldnerarmeen als „kostengünstiges und effektives Instrument der Friedenssicherung“ zu nutzen. Anderen fällt auf, dass Söldner offenbar gerne dort aktiv werden, wo es Bodenschätze gibt. So auch in Äquatorialguinea, wo Exxon, Chevron und Elf nach Öl bohren. Optimisten glauben, dass vor der Küste des vergessenen Landes 100 Milliarden Barrel Öl zu holen sind – mehr als im Irak.

Simon Mann hätte laut einem von Reportern der „Sunday Times“ gesehenen Vertrag 60 Tage nach einem geglückten Putsch umgerechnet 10 Millionen Pfund erhalten. Mark Thatcher soll für seinen angeblichen Einsatz von 250000 Dollar Ölrechte erhalten haben. Alle träumten offenbar von Millionengewinnen aus Ölgeschäften.

Margaret Thatcher hielt immer eisern zu ihrem Lieblingskind. Auch jetzt lässt sie Mark nicht im Stich. Die betagte und etwas vereinsamte Ex-Premierministerin will den reiseunfähigen Mark zu Weihnachten in seiner Kapstädter Villa besuchen. Hinter der weißen Mauer, hinterm Tafelberg, da, wo es viel regnet.

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